K.O.-Tropfen und Ausnutzen von Betrunkenen – Wirte in Regensburg wollen mehr Sicherheit schaffen

„K.O.-Tropfen sind in Regensburg alltäglich“, sagt Rosa Kellner vom feministischen Kollektiv Eben.widerspruch. Beispielhaft kann das jeder auf der Instagram-Seite der Gruppe nachvollziehen, dort erzählen einige Betroffene anonym von ihren Erlebnissen. Sie wurden betäubt und vergewaltigt und erlebten danach noch eine Odyssee, in der ihnen nicht geglaubt oder nicht geholfen wurde.
Am Samstagnachmittag um 16 Uhr wird eine Demonstration stattfinden, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Dabei sollen auch Teststreifen verteilt werden, mit denen ein Getränk auf Betäubungsmittel, sogenannte K.O.-Tropfen, die heimlich in offene Gläser geträufelt werden, getestet werden kann. Zwei Bars – das Gaffel und das Büro – beteiligen sich daran, angefragt hatte Eben.widerspruch laut Kellner etwa 40 Lokale.
Gegen Übergriffe vorgehen
„Das eigentliche Problem ist die Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft“, meint die Aktivistin. Allerdings könnten auch die Bars und die Clubs bereits helfen, es den Tätern schwerer zu machen. Davon ist auch Daniela Stojiljkovic-Liebig überzeugt. Sie ist Vorstandsmitglied der Genossenschaft, die seit September die Kneipe Büro führt. Seit Kurzem gibt es eine Arbeitsgemeinschaft, in der sich einige Mitglieder regelmäßig treffen, um ein klares Konzept für den Umgang mit übergriffigem Verhalten zu entwickeln.
„Wir möchten hier einen sicheren Ort für alle Personen schaffen“, sagt sie. „Ein Awarenesskonzept ist ja nichts statisches, sondern es entwickelt sich immer weiter. Aber wir möchten trotzdem etwas festschreiben, das eine kleine Anleitung liefert.“ Das solle auch den Angestellten helfen, die im Fall der Fälle überfordert sein könnten. „So müssen sie nicht in einem sehr emotionalen Moment anfangen, darüber nachzudenken, was sie jetzt tun können.“ Im Büro gibt es deshalb beispielsweise einen kleinen Raum, in den sich jemand zurückziehen kann, um einer unangenehmen Situation zu entkommen.
Hürden für die Täter einbauen
Außerdem können Gäste ihre Getränke hinter der Bar abstellen lassen, wenn sie kurz zum Rauchen nach draußen gehen. „Es gibt natürlich keine Garantie, dass so nichts passiert. Aber es hat immer jemand ein Auge auf das Glas und die Hürde ist sehr viel höher, etwas reinzuträufeln.“ Auch Teststreifen seien immer vorhanden, falls jemand einen Verdacht hat, erzählt Stojiljkovic-Liebig. An der Tür steht außerdem ein Regal, in dem die Gäste ihre Getränke auch abstellen können. Zwar kann sich theoretisch auch dort jemand an dem Glas zu Schaffen machen, trotzdem sei es eine weitere Hürde, die man eingebaut habe. „Wir wollen einfach, dass sich Täter hier unwohl fühlen. Dass sie merken, dass hier aufeinander geachtet wird, und es dann am besten bleiben lassen“, sagt Stojiljkovic-Liebig, die hauptberuflich als Sozialpädagogin tätig ist.
Das Gaffel hat ganz ähnliche Pläne, wie Besitzer Raphael Birnstiel auf Anfrage mitteilt. Auch er wolle die Möglichkeit einführen, dass Gäste die Getränke dort abstellen können, wo das Personal sie im Blick haben könnte. Außerdem solle das Personal immer wieder geschult und sensibilisiert werden. Daniela Stojiljkovic-Liebig kritisiert in dem Zusammenhang das Ordnungsamt, das nicht erlaubt, dass Getränke mit nach draußen genommen werden dürfen. „Es würde einfach zur Sicherheit beitragen“, sagt sie.
Jeder kann Opfer werden
Rosa Kellner freut sich über die Unterstützung der beiden Lokale, die auch als Sammelstelle für Teststreifen fungieren, die am Samstag bei der Demo verteilt werden sollen. „Die beiden waren die einzigen, die sich von 40 Clubs und Gaststätten, die wir gefragt haben, interessiert gezeigt haben“, erklärt sie. Von den anderen sei einfach keine Antwort gekommen. „Ich glaube, dass viele die Probleme einfach wegwischen wollen oder glauben, dass es bei ihnen nicht passieren würde“, meint die Aktivistin. In einigen Fällen könne es auch sein, dass es das Personal nicht mitbekommt, wenn im Lokal Übergriffe passieren.
Dass aber jeder Opfer von heimlicher Betäubung werden kann, zeigt aktuell auch der Prozess rund um die 72-jährige Gisèle Pelicot, die über Jahre von ihrem Mann heimlich sediert, vergewaltigt und anderen Männer zur Vergewaltigung angeboten wurde. Ihr Konterfei ist auch auf den Plakaten für die Demo zu sehen, darüber steht „Wir lassen uns nicht betäuben“. „Wir nutzen auch gewisserweise die Aufmerksamkeit an dem Prozess für uns“, erklärt Kellner. Denn Pelicots Fall sei ein Extremfall, Ausnutzen von Betrunkenen oder heimliche Betäubung im Nachtleben aber allgegenwärtig.
