Votum für Missbrauchs-Priester entsetzt Betroffene: Wieso Eslarn für einen Täter stimmte

Von Christian Eckl · 25. November 2024 um 16:00

Eine Mehrheit in der Gemeinde Eslarn in der Oberpfalz entscheidet sich für den Beibehalt eines umstrittenen Straßennamens. Der Priester und Domspatzen-Internatsleiter Georg Zimmermann missbrauchte Buben, musste dafür sogar ins Gefängnis. Das Entsetzen ist groß, nachdem sich eine Mehrheit für die Beibehaltung des Namens entschieden hat.

Die Entscheidung für die Beibehaltung eines Straßennamens hat bei Betroffenen für Entsetzen gesorgt. In der Gemeinde Eslarn stimmten am Wochenende 57,6 Prozent all jener, die an der Abstimmung am Samstag teilgenommen haben, gegen eine Umbenennung der Georg-Zimmermann-Straße. Es handelt sich bei dem Namensgeber um einen strafrechtlich verurteilten Missbrauchs-Priester. Auch der Bischof in Regensburg ließ durchblicken, dass er eine Umbenennung befürworten würde.

In einer Stellungnahme zum Ausgang des Bürgerentscheids vom Betroffenenbeirat heißt es, die Mitglieder „bedauern sehr, dass sich eine rechnerische Mehrheit der an der Wahl teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger gegen die Beseitigung des Straßennamens ausgesprochen hat“. Dem Empfinden der Betroffenen nach „wurde eine große Chance verpasst, ein deutliches Signal zu setzen, als Vorbild für den Umgang mit Betroffenen, weit über die Marktgrenzen hinaus, das ganz klar zum Ausdruck hätte bringen können, wie die Bürgerinnen und Bürger der Marktgemeinde Eslarn verantwortungsvoll mit Anerkennung, Aufklärung und Aufarbeitung der markteigenen Geschichte umgehen“, hieß es weiter. Dem Betroffenenbeirat zufolge habe das Ergebnis zur Folge, „dass wir ein weiteres Mal zu Opfern gemacht werden, weil wir mit unserem Leid wieder nicht gehört wurden, so, wie uns in unserer Kindervergangenheit Scham und Schande davon abhielten zu sprechen“. Das Leid der Betroffenen „wurde von Argumenten wie Kosten, Bequemlichkeit, Desinteresse begraben“. Dennoch akzeptiere man das demokratische Votum der Bürger von Eslarn.

Bürgermeister: Klares Votum

Der Bürgermeister von Eslarn, Reiner Gäbl (SPD), kommentierte die Entscheidung der Bürger so: „Das Ergebnis ist deutlich und zu respektieren.“ Die Georg-Zimmermann-Straße werde nicht umbenannt. „Daher ist derzeit für den Markt Eslarn die Angelegenheit klar.“ Ob die Aufarbeitung im Bistum neue Erkenntnisse bringen wird, „kann ich nicht beurteilen. Falls ja, kann es durchaus sein, dann nach einem Jahr ein erneuter Antrag gestellt wird, etwa vom Betroffenenbeirat“.

Der Priester Georg Zimmermann (1916 bis 1984) war Kirchenmusiker, Diözesanmusikdirektor und Internatsleiter bei den Regensburger Domspatzen. 1969 wurde er rechtskräftig wegen sexuellem Missbrauch von sexuell Abhängigen zu 20 Monaten Haft verurteilt. Der Betroffenenbeirat der Diözese hatte sich für die Umbenennung des Straßennamens in der Oberpfälzer Gemeinde mit knapp 2700 Einwohnern eingesetzt. Der Gemeinderat hatte noch im Mai mehrheitlich für die Umbenennung gestimmt. Dagegen regte sich Widerstand von den Anwohnern, aber auch darüber hinaus.

Der Betroffenenbeirat weist in seiner Stellungnahme auch darauf hin, dass ein vom Rechtsanwalt Ulrich Weber derzeit vorbereitetes Gutachten über Missbräuche im Bistum auch den Eslarner Fall thematisieren wird. „Die Spaltung der Gemeinde wird bestehenbleiben, bis das Missbrauchsgeschehen eines Tages wirklich aufgeklärt und aufgearbeitet ist“, so der Beirat. Und weiter: „Es ist unvorstellbar, dass die

verabscheuungswürdigen Taten eines Verbrechers eine Gemeinde über 40 Jahre in Unruhe und Zwist versetzen konnten.“ Missbrauchte, aber auch jene, die von den Taten Zimmermanns Kenntnisse haben, sollten sich an Weber wenden, um die Aufklärung voranzutreiben. Der Betroffenenbeirat wies darauf hin, dass sie sich von Bischof Rudolf Voderholzer und Generalvikar Roland Batz in der Forderung nach Umbenennung unterstützt gefühlt haben. Der Beirat hoffe aber darauf, dass „auch endlich die Vertreter der Kirche im Ort ihre Verantwortung erkennen und handeln, wie die Bistumsspitze gehandelt hat“.

Eine Reaktion kam im Nachgang der Abstimmung auch von der bekannten Schriftstellerin Marianne Ach („Schlimme Wörter“). Die 82-Jährige gebürtige Eslarnerin trat selbst mit 19 Jahren in einen Orden ein und wurde Franziskanerin, zehn Jahre später kehrte sie dem Orden den Rücken, heiratete und wurde Lehrerin und später Schriftstellerin. Ach bewertete das Ergebnis der Abstimmung so: „Sturheit und Engherzigkeit haben gesiegt.“

„Nur ein Teil des Eslarner“

Die Schriftstellerin bemerkte in ihrer Stellungnahme über den „pädophilen Priester“ aber auch, dass nur ein Teil der Eslarner gegen die Umbenennung gestimmt habe – 778 votierten dagegen, 572 dafür. „Als geborene Eslarnerin und Schriftstellerin distanziere ich mich von meinem Heimatort und wünsche den Opfern, denen ich mich verbunden fühle, dass sie weiterhin therapeutisch begleitet werden.“

Kommentar: Die „guten Täter“ gibt es nicht

Es wäre ein leichtes, einer Mehrheit der Bürger von Eslarn Vorwürfe zu machen: Eine Straße, die nach einem pädophilen Priester benannt ist? Das ist eine Schande. Aber wieso konnte es so weit kommen? Hört man sich in Eslarn um, kommt der Hinweis darauf, dass Zimmermann auch Gutes getan habe. Die Haltung ist, dass er seine Strafe doch abgesessen hat. Opfer, die sagen, sie seien nach seiner Haft von ihm missbraucht worden, melden sich aus Angst vor Repressionen nur anonym. Sie werden nicht gehört. So, wie nach dem Krieg der „gute Nazi“ beschworen wurde, der vermeintlich nicht anders handeln konnte, so werden Zimmermanns Verdienste für die Musik vor Ort herangezogen. Den „netten Kinderschänder“ gibt es aber nicht. Die schwärende Wunde einer Straße, die nach einem pädophilen Priester benannt ist, wird bleiben – und irgendwann aufbrechen.

Die Sprecher des Betroffenenbeirates, Manuel Druminski (r.) und Richard Nusser, hatten sich kürzlich im Interview nochmals vehement für eine Umbenennung der Straße eingesetzt. Foto: Eckl