Wohl älteste Pizzabäckerin Bayerns geht in Rente: Für Angela Wiederer (84) ist in Schwandorf Schluss

Von Martin Kellermeier · 26. November 2024 um 05:00

Während andere schon lange ihren Ruhestand im Schaukelstuhl genießen, steht Angela Wiederer mit 84 Jahren noch in der Küche. Die Betreiberin der Pizzeria Roma an der Wackersdorfer Straße in Schwandorf dürfte damit die älteste hauptberufliche Pizzabäckerin im Landkreis, wenn nicht sogar in ganz Bayern, sein. Nun endet eine Ära.

Wer das Lokal in der Nähe des Arbeitsamtes betritt, findet sich in eigener Welt wieder. Irgendwie ist hier die Zeit stehen geblieben, und das hat durchaus seinen Charme. Die Pizzeria ist eine Mischung aus Restaurant und Dekoladen. Herzen, Sterne und kleine Vogelkäfige hängen von der Decke herab. Dort am Tisch stehen Rentiere auf den Servietten, und drüben an der Wand hängen kleine Bilder mit kunstvoll gestalteten Katzen. Apropos Bilder: Die gibt es hier zu Genüge. In Schwarzweiß, Sepia oder ganz modern in Farbe.

Trist, grau und langweilig war ihr Leben nie

Es ist die Welt von Angela Wiederer. Und dazu gehört eben nicht nur gutes Essen, das sie ihren Gästen servieren will. Die 84-Jährige erfreut sich an allem Schönen. Und da gehört bunte Deko eben dazu.

Trist, grau und langweilig war das Leben von Wiederer nie. Zusammen mit vier Geschwistern wuchs sie in Neunaigen bei Wernberg-Köblitz auf. Vater Georg arbeitete bei einem Holzbetrieb in der Region, Mutter Barbara betrieb einen kleinen Marktladen in Weiden. Angela Wiederer begann nach dem Schulbesuch eine Ausbildung zur Krankenschwester in Nabburg, die sie jedoch abbrach.

Ein waschechter Italiener wurde für Wiederer zur Liebe des Lebens

Das Leben hielt ein anderes Kapitel für sie bereit. Mit 21 Jahren heiratete sie ihren Mann Engelbert, einen Maler und Grafiker. Aus der Ehe ging Tochter Judith, heute 61 Jahre alt, hervor. Nach einigen gemeinsamen Jahren trennte sich das Ehepaar. Doch die Liebe meinte es noch einmal gut mit Wiederer. 1979 lernte sie ihren Orlando kennen, einen waschechten Italiener aus Sardinien.

Orlando war es auch, der nicht locker ließ, als Wiederer beim Bedienen im Café Urbig in Weiden von einem Vertreter erfahren hatte, dass für die Pizzeria Roma in Schwandorf ein neuer Pächter gesucht wird. „Er war gleich total begeistert“, erinnert sich Wiederer. Das Paar wagte den Schritt in die Selbstständigkeit, investierte 180 000 Mark und übernahm das Lokal. Das war im Juni 1985.

Seitdem hat sich viel geändert in Schwandorf. Nur im Lokal an der Wackersdorfer Straße blieb alles beim Alten. Selbst 2002, als Orlando plötzlich und unerwartet verstarb. „Das war der Sonnenuntergang für mich“, sagt die Seniorin. Doch die heute 84-Jährige gab nicht auf. Sie übernahm den Platz ihres Lebensgefährten in der Küche und entdeckte das Pizzabacken für sich.

In der Pizzeria Roma in Schwandorf ist noch alles Handarbeit

Noch heute steht die Chefin höchstpersönlich vor dem Ofen. Wer ihr beim Pizzabacken zusieht, kann von einem Gedicht sprechen. Bei Angela Wiederer ist noch alles Handarbeit. Geschmeidig und mit vollem Einsatz rollt sie mit einem Nudelholz den Teig aus, filigran legt sie ihn sodann ins Blech und mit einer Hingabe belegt sie sogleich die Pizza. Dann rein damit in den Ofen – und fertig.

Die Pizzen von „Frau Roma“, wie Wiederer einst genannt wurde, genossen gute Mundpropaganda. Auch heute ist das noch so. Die Chefin legt höchsten Wert darauf, alles selbst mit der Hand zu machen, eben so, wie es Orlando ihr auch gelernt hatte. Das Geheimrezept für den knusprigen Teig blieb all die Jahre unverändert. Nur etwas ist dann doch anders. Aus „Frau Roma“ wurde die „Pizza-Oma“.

Angela Wiederer mag den Spitznamen. Sie ist stolz und dankbar, dass sie so viel erleben durfte. Doch am 31. Dezember ist Schluss. Nach einem Wasserrohrbruch im Sommer sind größere und kostspielige Renovierungsarbeiten notwendig, vor allem in der Küche. „Ich wollte eigentlich bis zu meinem Tod in der Küche stehen. Aber nun höre ich eben jetzt schon auf“, sagt die 84-Jährige.

Die Einschulung des Urenkels will Wiederer noch miterleben

Was macht eine Frau nun, die ihr Leben lang gearbeitet hat? Wiederer freut sich auf viel Zeit mit ihrer Familie. Vor allem dem vier Monate alten Urenkel Valentin will sie noch die Welt ein wenig zeigen. „Vielleicht kann ich bei seiner Einschulung noch dabei sein“, hofft die Pizza-Oma.

Und dann wäre da ab sofort noch viel Zeit fürs Fußballschauen, die Nachrichten aus der Politik und die alten Schlager, die Wiederer so sehr liebt.

Nur eines, das wird der Restaurantbetreiberin fehlen: ihre Stammgäste. „Eigentlich war ich wie ein Psychiater. Ich war für jeden da und hab’ zugehört“, findet die 84-Jährige. Sie freut sich, wenn sie ihre Kundschaft weiter trifft. „Es gibt mich schon noch, aber nicht mehr im Wirtshaus“, sagt die Frau und öffnet den Ofen. Pizza Salami mit Pepperoni – ein Gedicht.

Das Lokal an der Wackersdorfer Straße bietet Platz für 70 Gäste. Foto: Martin Kellermeier
Hier ist noch alles Handarbeit: Der Teig wird ausgerollt. Foto: Martin Kellermeier
Passend zur Adventszeit ist derzeit die Deko im Lokal. Foto: Martin Kellermeier