Auch mit 90 denkt sie nicht an Rente: Therese Ziegler liebt die Arbeit in der Metzgerei

Von Renate Ahrens · 11. März 2024 um 11:00

Seit fast einem halben Jahrhundert steht Therese Ziegler in der Metzgerei in der Wackersdorfer Straße. Arbeit hat sie nie gescheut, und auf die Frage, warum sie noch immer hinter der Verkaufstheke steht statt längst in Rente zu sein, entgegnet sie etwas verwundert: „Ja, warum denn nicht? Es macht mir Spaß.“

Sorgfältig schneidet Therese Ziegler die Wurst, wiegt sie und reicht sie freundlich den Kunden. Seit morgens um halb acht steht sie in der Metzgerei in der Wackersdorfer Straße – wie fast seit einem halben Jahrhundert. Dabei wird sie am 19. März bereits 90 Jahre alt. Arbeit hat sie nie gescheut, und auf die Frage, warum sie noch immer hinter der Verkaufstheke steht statt längst in Rente zu sein, entgegnet sie etwas verwundert: „Ja, warum denn nicht? Es macht mir Spaß.“

Ob sie alles wieder genauso machen würde? Diese Frage habe sie sich nie gestellt. Das Leben sei halt so, sagt sie. Es frage einen nicht – auch nicht, als ihr Mann Karl im Jahr 1995 früh starb und Sohn Gerhard von einem Tag auf dem anderen mit 23 Jahren den Betrieb übernahm. Ganz selbstverständlich sei das gewesen. Mutter und Sohn hielten fest zusammen – er in der Wurstherstellung und sie im Verkauf, bis heute. „Wir sind eine Symbiose und waren eigentlich nie getrennt“, sagt Gerhard Ziegler und fügt hinzu: „Ich bin froh und meiner Mutter sehr dankbar.“

Das Schwandorfer Geschäft wurde 1958 gegründet

Im Jahr 1958 hatten Karl und Therese Ziegler die Metzgerei in Schwandorf gegründet. Der Meister schlachtete noch selbst, wie das früher jeder getan habe, erzählt Therese Ziegler, die Ruhe ausstrahlt und sehr bescheiden ist. 28 Metzgereien habe es zu dieser Zeit in Schwandorf gegeben – und schlimm sei es gewesen, als eine nach der anderen wegen Nachwuchsmangel geschlossen habe.

Viel hat Ziegler erlebt, die Kriegszeit als Kind und später das Wagnis der Geschäftseröffnung. Fünf Kinder habe sie zur Welt gebracht, berichtet die zarte alte Dame, die doch so stark ist, und ihre Augen, die zunächst strahlen, werden traurig. Zwei Söhne seien bereits verstorben, aber auf alle fünf sei sie stolz. „Zwei haben einen Doktortitel“, sagt sie – einer in Biologie, einer in Chemie, und eine Tochter sei Steuerberaterin.

Ihr jüngster Sohn Gerhard lernte im elterlichen Betrieb den Beruf des Metzgers. Gleich nach der Ausbildung bestand der Vater darauf, dass er die Meisterschule besuchte. „Dort hat sich in mir etwas verändert. Ich entdeckte so richtig die Liebe zu meinem Beruf“, sagt der 52-Jährige. Was er nicht wusste: Der Vater war zu dieser Zeit bereits krank, und kaum hatte Gerhard Ziegler die Meisterprüfung abgelegt, starb er. „Ich bin ins kalte Wasser geworfen worden“, erinnert sich Gerhard Ziegler. „Ohne meine Mutter hätte ich den Betrieb nicht weiterführen können. Und ohne sie hätte ich ihn heute nicht mehr.“ Der Vater habe noch zu ihm gesagt, bevor er starb: „Gib auf deine Mutter acht.“

Die Arbeit tut Therese Ziegler gut

Und das tue er, versichert Gerhard Ziegler. Der Mutter würde die Arbeit hinter der Wurst- und Fleischtheke – immerhin täglich bis 18 Uhr – guttun, ist er überzeugt. „Es hält sie fit und sie hat ein geregeltes Leben. Sie spürt, sie wird gebraucht.“ Die fast 90-Jährige bestätigt das. „Natürlich ist es manchmal anstrengend. Aber es gefällt mir. Mit den Kunden hin und wieder zu plaudern zum Beispiel ist schön.“ Sogar für ihr Hobby, den Garten, habe sie noch Zeit. „Es geht schon nicht mehr so“, räumt sein. Aber noch immer pflanzt sie Gemüse und macht ihren Haushalt allein – neben der Arbeit im Geschäft.

Viele Stammkunden hätten sie, sagt Therese Ziegler, und tatsächlich: Fast jeder, der während des Interviews das Geschäft betritt, ist hier gut bekannt. Georg Pohmer aus Schwandorf zum Beispiel kommt seit 40 Jahren, wie er erzählt. „Meine Eltern haben hier schon eingekauft. Ein Supermarkt wäre näher bei mir, aber das fällt mir doch nicht im Traum ein, dort Wurst und Fleisch zu kaufen. Der persönliche Kontakt zu Frau und Herrn Ziegler sind mir wichtig“, sagt Pohmer.

Auf die sorgfältige Herstellung der Fleischwaren lege er viel Wert, bestätigt der Metzgermeister. „Ich mache alles so, dass ich mit bestem Gewissen damit leben kann. Schon für meinen Vater galt die Devise: Mit Schlachttieren muss man vernünftig umgehen.“ Auch die Verarbeitung müsse stimmen und nur beste Zutaten kämen bis heute in die Wurst. Natürlich sei es nicht einfach, alles allein machen zu müssen. Zieglers Ehefrau ist im Staatsdienst tätig, und Kinder hat das Paar nicht, also auch keinen Nachfolger.

Die Zukunft macht Sorgen

Ohnehin blickt Ziegler nicht gerade mit Zuversicht in die Zukunft. Das Verschwinden der Handwerksbetriebe, ob Bäcker, Metzger oder auch der Wirtshäuser, erfüllt ihn mit großer Sorge. „Für mich bedeutet Handwerk Leben. Mit Schließung der Betriebe stirbt für uns alle doch unwiederbringlich ein wichtiges Stück Kultur. Spätestens in 20 Jahren wird es kaum mehr Geschäfte geben, die richtige Handwerkskunst bieten“, sagt er. Es gehe doch auch um Nachhaltigkeit: „Der Zeitgeist verändert sich immer mehr zum Negativen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit alles verfügbar zu haben, das muss doch nicht sein.“ Auflagen und Bürokratie würden außerdem zunehmen und Selbstständigen das Leben immer schwerer machen.

Dennoch denke er selbst noch lange nicht an Schließung. „Der Arbeitsvertrag meiner Mutter läuft noch 15 Jahre“, sagt er augenzwinkernd, und sie lacht. Ohne ihre täglich selbst gemachten Fleischpflanzerl, ohne ihre gewissenhafte Arbeit hinter der Theke könne sich Gerhard Ziegler den Laden nicht vorstellen. Den 90. Geburtstag wird die Familie ruhig verbringen. Sie wolle keinen Trubel, sagt Ziegler. Ohne Frage wird sie an diesem Tag arbeiten wie sonst auch. Vielleicht wird ihr Sohn etwas Gutes kochen, überlegen beide. „Was Schweiners mit Knödel geht immer.“ Etwas Traditionelles eben. So wie es Therese Ziegler ihr Leben lang gehalten hat.

Sie sind ein Team, eine "Symbiose": Therese Ziegler und ihr Sohn Gerhard Ziegler. Foto: Renate Ahrens