Das Schwandorfer Felsenkellerlabyrinth ist „ein wahrer Schatz“ – Führungen mit vielen Anekdoten

Rund 130 Felsenkeller im Schwandorfer Weinberg zeugen heute von einem einst blühenden Braugewerbe in der Stadt. Das Labyrinth, ein zusammenhängender Bereich aus sieben Kellersystemen mit 60 Räumen kann seit nunmehr 25 Jahren bei Führungen besichtigt werden.
Zuvor mussten die Keller umfangreich saniert werden, wie sich Hans-Werner Robold, damals städtischer Mitarbeiter im Kulturamt, erinnert. Der heute 71-Jährige, der Archäologie und Geschichte studiert hat, hatte auch die Idee, die Keller der Öffentlichkeit zu präsentieren. Von „ein oder zwei“ Kellern las er damals in der Mittelbayerischen Zeitung und witterte sofort eine Chance: „Vielleicht sind dort ja mehr Höhlungen“, dachte er sich – und sollte recht behalten.
Allerdings waren die Keller in einem sehr schlechten Zustand und mit Schutt, Müll und Abraum gefüllt. Die Stadt beschloss, die Keller wiederherzustellen. Dabei sollte jedoch das historische Aussehen nicht verfälscht werden. So stellte sich die Frage: Mit welcher Methode werden die Felsenkeller saniert? „Bei Verwendung von Stützbeton hätten die Keller wie U-Bahnschächte ausgesehen, und einen Stahlstützenwald wollten wir auch nicht“, erinnert sich Robold. Er schlug damals vor, doch wie früher die Keller mit Ziegel und Ziegelgurtbögen auszubessern – und das Landesamt für Denkmalpflege stimmte zu. Eifrig sammelte Robold Fördergelder bei der EU oder beim Freistaat Bayern – denn die Kosten beliefen sich auf 1,29 Millionen Euro.
250000 Besucher sind begeistert von der Schwandorfer Sehenswürdigkeit
Ein weiteres Problem seien die Eigentumsverhältnisse gewesen. „Die meisten Keller sind bis heute in Privatbesitz. Viele Bürger wussten aber gar nichts mehr davon“, so Robold. Jeder Eigentümer musste angefragt werden. Bald kamen alle überein, der Stadt eine dauerhafte unentgeltliche Nutzung zu erlauben, wenn die Stadt die Keller im Gegenzug auf ihre Kosten saniert und sichert.
Im Mai 1999 war es schließlich soweit: Hans-Werner Robold bot die ersten Führungen an – und das Interesse war von Anfang an groß. Rund 250000Besucher, viele von weit her, haben die Schwandorfer Unterwelt in diesem Vierteljahrhundert besichtigt.
Diese ungewöhnliche Anlage sei ein wahrer Schatz – und Bayerns größtes Felsenkeller-Labyrinth, sagt Maximilian Lohse, Leiter des Tourismusbüros. „Es ist ein Privileg, solch eine touristische Attraktion in Schwandorf zu haben, auf die wir sehr stolz sein können.“ Auch in Zukunft müsse man die Keller bewahren und der Öffentlichkeit zeigen, sind sich alle Verantwortlichen einig, und dabei nehmen die inzwischen 29 Gästeführer eine wichtige Rolle ein.
Andreas Allacher ist einer von ihnen. Vor zwei Jahren absolvierte der ehemalige MZ-Redakteur den Lehrgang zum Gästeführer und erzählt nun den Besuchern im Labyrinth allerhand Wissenswertes und auch Schauriges zu den Kellern.
Felsenkeller erlebten eine wechselvolle Geschichte
Denn sie erlebten eine wechselvolle Geschichte: In den Jahren 1931/32 trieben dort zum Beispiel die Kellerdiebe ihr Unwesen, und im Zweiten Weltkrieg dienten die Keller als Luftschutzbunker und retteten Tausenden von Menschen das Leben. Auch Interessantes über das Bierbrauen erfährt der Besucher. Fast überall in Deutschland war der Felsenkellerbau mit dem Brauwesen verbunden. „Bier wird seit mehr als 5000 Jahren gebraut. Es war Bestandteil der täglichen Nahrung bis ins 20. Jahrhundert hinein und eigentlich ein Lebensmittel“, berichtet Allacher. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts mussten manche Tagelöhner in Schwandorf mit einem Stück Brot und einer Maß Bier pro Tag auskommen.
Bis ins späte Mittelalter wurde nur obergärige Herstellung praktiziert, also bei normaler Zimmertemperatur. Allerdings war dieses Bier bereits nach wenigen Tagen sauer, und so wechselte man auf das Gärverfahren böhmischen Ursprungs: die untere, „kalte“ Gärung, die eine konstante Temperatur von unter zehn Grad erfordert. Die unterirdischen Gewölbe, die das ganze Jahr über acht bis neun Grad aufweisen, waren perfekt dafür geeignet. Um das Jahr 1500 wurden immer mehr Bürger zu Kommunbrauern und ließen Keller zur nebengewerblichen Bierherstellung und zur Lagerung errichten.
Voraussetzungen für das Braurecht waren persönliche Freiheit, Grundbesitz und Ausübung eines Gewerbes in der Stadt. Schon um das Jahr 1600 war das Brauwesen neben der Landwirtschaft und der Fischzucht die wichtigste Einnahmequelle der Bürger. Im Jahr 1859, als Schwandorf einen Bahnhof erhielt, erfolgte die Errichtung dreier privater Brauereien. Nach dem Ersten Weltkrieg kam das Kommunbrauwesen ganz zum Erliegen.
Von den rund 130 Kellern sind heute 60 im Rahmen einer Führung zu besichtigen, die sich immer lohnt – allein schon wegen der vielen Anekdoten, die jeder Gästeführer zu erzählen weiß. Darüber hinaus geben Erlebnisführungen mit der Regensburger Stadtmaus lebendige Einblicke in die Geschichte der Kellerdiebe. Denn in der Zeit der Weltwirtschaftskrise wurden manche Kellerräume als Lager für Lebens- und Genussmittel genutzt.
Im Felsenkeller an der Fronberger Straße finden außerdem regelmäßig kulturelle Veranstaltungen ein begeistertes Publikum.
Mit Erlebnis oder Musik
Touren: Sowohl die normalen Felsenkeller-Führungen als auch die Erlebnisführungen (mit Schauspieleinlagen der Regensburger Stadtmaus) sind über das Tourismusbüro der Stadt Schwandorf telefonisch unter (09431) 45550 oder online unter www.schwandorf.de buchbar. Im Februar finden Führungen jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag statt. Jederzeit können Gruppenführungen gebucht werden.
Kultur: Es lohnt sich auch ein Blick in den Kulturkeller an der Fronberger Straße. In außergewöhnlicher Location bietet das Kulturamt Schwandorf hier ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm. Nähere Informationen und Tickets gibt es unter www.schwandorf.de/Kultur-Tourismus/Kulturangebot/ Kultur-im-Felsenkeller oder über das Kulturamt der Stadt Schwandorf unter der Nummer (09431) 45247.
