Akkordeon-Großmeister Igor Kvashevich wohnt jetzt mit seiner Familie in Schwandorf

Von Hubert Heinzl · 5. Februar 2024 um 19:00

Das Konzert in der Spitalkirche war ausverkauft, und am Ende hielt es die Zuhörer nicht mehr auf ihren Sitzen. Zuvor hatte der Mann auf der Bühne seinem Namen alle Ehre gemacht. Igor Kvashevich (44) gilt nicht zu Unrecht als „Paganini des Akkordeons“. Seit 2016 wohnt der musikalische Großmeister mit seiner Familie in Schwandorf.

Der Mann aus Belarus (Weißrussland) empfängt im gepflegten Einfamilienhaus auf dem Weinberg, das sich die Familie mit viel Eigenleistung gebaut hat. Fleißig war er schon immer, aber auch ungewöhnlich begabt. „Schon mit vier Jahren habe ich gesungen und Knopf-Akkordeon gespielt“, erzählt Igor. Mit acht Jahren folgten dann die ersten öffentlichen Auftritte bei Jubiläen und Hochzeiten. Lange war er unentschlossen, ob er Fußball spielen („Ich war Stürmer“) oder doch lieber Musik machen wollte.

Erstes professionelles Konzert brachte die Wende

Das erste große Konzert, das er im Alter von zwölf Jahren besuchte, gab dann den Ausschlag – fürs Akkordeon. Es folgten sieben Jahre Ausbildung an der Musikschule und vier weitere an der Fachoberschule für Musik. Nach der erfolgreichen Zulassungsprüfung schloss sich ein fünfjähriges Bachelor-Studium an der Musikhochschule in der weißrussischen Hauptstadt Minsk an und daran weitere zwei Jahre im Meisterkurs. Im Jahr 2003 war Igor schon Solist der Staatlichen Philharmonie und in der Folgezeit nicht nur in seinem Heimatland, sondern zunehmend auch international als Künstler gefragt.

Igor Kvashevich hat zahlreiche internationale Wettbewerbe gewonnen, darf sich „Sieger der Oberliga des weltweiten Akkordeons“ nennen und ist mit seinem Instrument längst aufgestiegen in den musikalischen Olymp. Doch ohne harte Arbeit und unbändigen Fleiß ist ein solches Niveau nicht zu halten. „Ich übe immer noch zehn bis zwölf Stunden täglich“, sagt der 44-Jährige und führt in seine Bibliothek. Heute liegen die Sonaten von Domenico Scarlatti auf dem Notenpult. Die Blätter sind schwarz gepunktet mit schnellen Tonfiguren.

Ehefrau arbeitet inzwischen als Oberärztin

Dass Kvashevich heute in Deutschland lebt, hat viel mit seiner Frau Nina Yakush zu tun. Kennengelernt haben sich die beiden – natürlich – beim Akkordeonspiel an der Musikschule in ihrer Geburtsstadt Telehany in der weißrussischen Provinz. „Musik spielte in unserer Beziehung schon immer eine wichtige Rolle“, sagt Igor. Und noch heute spielen die beiden zuhause oft zusammen, ist Nina seine erste und wichtigste Kritikerin, wenn er am Programm tüftelt. Doch seine Ehefrau studierte nicht Musik, sondern Medizin, und wurde Kardiologin.

Bei einem Aufenthalt in Pirmasens 2013, erzählt Igor Kvashevich, hospitierte Nina in einem Krankenhaus. Und sie war nach seinen Worten vom deutschen Gesundheitssystem begeistert. In nur zwei Monaten lernte sie Deutsch bis zum Sprachniveau B2, und irgendwann beschloss die Familie, hierzubleiben.

Erster Wohnort war Cham, weil Nina Yakush in der Reha-Klinik Windischbergerdorf Arbeit fand. 2016 siedelte die Familie nach Schwandorf um, wo die beiden heute elf- und 16-jährigen Töchter das Gymnasium besuchen. Nina arbeitete eine Zeit lang als Medizinerin am Krankenhaus St. Barbara, ist aber inzwischen als Oberärztin an den Kliniken Nordoberpfalz tätig. Ihren Facharzt der Kardiologie, der in Deutschland nicht anerkannt wurde, hat sie noch einmal abgeschlossen.

Ukrainische Familie aufgenommen

Haben auch politische Gründe beim Umzug nach Deutschland eine Rolle gespielt? Auf diesem Terrain hält sich Igor Kvashevich, der allein 2016 und 2017 etwa 250 Konzerte in Belarus gegeben hat, zurück. Der Krieg in Osteuropa ist für ihn „eine große Tragödie und Katastrophe für die Gegenwart“. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass die Familie für drei Monate ukrainische Flüchtlinge bei sich zuhause beherbergt hat.

Doch die Politik ist nicht Igors Welt. Er setzt auf die Macht der Kultur. „In diesen schweren Zeiten kann uns die Musik verbinden“, sagt der 44-Jährige. Oder: „Kultur ist das Beste, was wir haben.“ Sein Gott ist kein Staatsmann, sondern Johann Sebastian Bach. Bei den Dirigenten schwärmt er von den großen deutschen Namen – Otto Klemperer zum Beispiel oder Bruno Walter. Und beide Eltern finden, „dass die Kinder in der Schule zu wenig lesen“. Nicht Fachbücher, sondern Literatur.

Für Kvashevich ist jeder Auftritt ein Fest

An seiner neuen Heimat Bayern schätzt Igor Kvashevich neben dem Fleiß der Leute vor allem „die Verbindung von Tradition und moderner Entwicklung“. Als er beim Konzert in der Spitalkirche die Bayernhymne angestimmt hat und alle Leute mitsangen, hat ihn das nach eigenen Worten tief berührt. Jetzt will der Mann aus Belarus einen Beitrag dafür leisten, dass die Kunst des Akkordeonspiels sich noch weiter ausbreitet. Er träumt von einer eigenen Akademie und freut sich auf die nächsten Auftritte: „Jedes Konzert ist für mich ein Fest, das Schönste, was es im Leben gibt.“

Und dann greift Igor Kvashevich zur Scandalli Super VI, Baujahr 1959, die ihm einst die russische Akkordeon-Legende Valery Kovtun vermacht hat. Und er spielt vor – Auszüge aus Tschaikowskis „Jahreszeiten“, aber auch „Griechischer Wein“ oder den Radetzky-Marsch. Wer Glück hat, kann den Musiker bisweilen auch auf dem Schwandorfer Marktplatz erleben, wenn er etwas Neues ausprobiert. Denn das geht am besten „im Freien und vor realen Menschen“.

Die nächsten Konzerte gibt es im März

Sein nächstes Konzert gibt Igor Kvashevich zum Abschluss der Ukrainischen Kulturtage am Freitag, 1. März, um 19Uhr im Kulturzentrum M26 an der Maximilianstraße 26 in Regensburg. Ein weiteres Konzert findet in der Dreifaltigkeitskirche Regensburg am Sonntag, 10. März, um 17 Uhr statt.

Der Musiker übt nach wie vor zehn bis zwölf Stunden täglich. Zurzeit liegen die Sonaten von Domenico Scarlatti auf dem Notenpult. Foto: Hubert Heinzl