Mehr Inklusion, weniger Strafzahlungen: Start-up verhilft Firmen zu vielfältiger Arbeitskultur

Unternehmen sollten inklusiv sein, doch viele beschäftigen keine oder zu wenig Menschen mit Schwerbehinderung – und müssen deshalb Strafabgaben zahlen. Die Geschwister Johannes und Katharina Dotzler sowie Tobias Hiebl wollen das ändern. Mit ihrem Start-up Inklusionsmatch machen sie es Firmen leichter, den gesetzlichen Vorgaben nachzukommen.
Ein Unfall in der Familie führte den Dotzlers vor Augen, wie schnell es gehen kann. Vom einen auf den anderen Moment kann die Karriere vorbei und die Teilnahme am regulären Arbeitsmarkt beschränkt sein. In Deutschland leben rund 7,9 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung. Gesetzlich ist geregelt, dass Arbeitgeber ab einer Betriebsgröße von 60 Mitarbeitern mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Schwerbehinderung besetzen. Bei kleineren Betrieben gelten Ausnahmen.
Diese Vorgabe wird jedoch vom Großteil nicht erfüllt: In Deutschland haben laut der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2022 von rund 178 690 Arbeitgebern gerade einmal 68 850 die Beschäftigungspflicht erfüllt, in Bayern von 29 729 Arbeitgebern 11 480. Die Folge: Die Betriebe müssen eine Strafzahlung leisten – die sogenannte Ausgleichsabgabe. Diese steigt mit jedem nicht-besetzten Arbeitsplatz, mindestens beträgt sie monatlich 140, maximal 720 Euro, erklärt Hiebl. Die Summe, die dadurch insgesamt zusammenkommt, wird von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen 2020 auf fast 697 Millionen Euro geschätzt.
Zuständigkeiten in Unternehmen sind oft unklar
Aber woran hakt es bei den Unternehmen? „Es wird nicht gewusst, wie“, sagen die Gründer. Und manchmal auch nicht, warum es sich lohnen würde und was Menschen mit Behinderung tatsächlich alles leisten können. Oft seien bereits die Zuständigkeiten unklar. Grundsätzlich müsste es in den Betrieben zum Beispiel einen Inklusionsbeauftragten geben. Doch die seien oft nicht gut genug geschult.
Inklusionsmatch will Unternehmen an die Hand nehmen und ihnen eine „Win-Win-Situation“ bieten: Ausgleichsabgabe sparen, einen „sozialen Stempel“ bekommen und Menschen mit Behinderung unterstützen.
Auf der Website können Unternehmen erst einmal den Ist-Zustand berechnen. Dann wird aufgezeigt, wie viele Arbeitsstunden von Menschen mit Behinderung verrichtet werden müssten. Je nach Branche bekommt das Unternehmen dann Inklusionsaktivitäten vorgeschlagen – also mögliche Jobs, die von Menschen mit Behinderung ausgeübt oder Dienstleistungen, die mit Hilfe von Werkstätten und Inklusionsbetrieben umgesetzt werden könnten. Entscheidet sich das Unternehmen für einen Aufgabenbereich, wird dieser veröffentlicht und Werkstätten, Inklusionsbetriebe oder Menschen mit Behinderung können sich darauf bewerben.
Gründer haben Inklusion an OTH genauer betrachtet
Ein Beispiel: Inklusionsmatch hat wegen seiner überzeugenden Idee das Exist-Gründerstipendium der OTH Regensburg erhalten. Dieses wird gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und ist mit 130 000 Euro dotiert. Entscheidend dafür war auch die Zusammensetzung des Teams: Johannes Dotzler ist Wirtschaftsinformatiker, Hiebl hat BWL studiert. Katharina Dotzler bringt die praktische Erfahrung ein. Sie hat jahrelang behinderte und verhaltensauffällige Kinder betreut. Im Rahmen des Stipendiums haben sich die Gründer angeschaut, wo die Hochschule inklusiver werden könnte.
Das Ergebnis: Zehn Prozent der Produkte, die die OTH einkauft – von Seife bis zum Laptop – könnten durch Produkte ergänzt werden, die beispielsweise in einer Werkstatt für behinderte Menschen hergestellt werden, so Hiebl. Für soziale Einrichtungen ist Inklusionsmatch kostenlos nutzbar. Unternehmen sollen einen monatlichen oder jährlichen Betrag zahlen – der aber unter der jeweiligen Ausgleichsabgabe liegt, so Johannes Dotzler.
Der Fokus liegt aktuell auf der Kundenakquise
Seit Mai sind die Gründer auf sich gestellt. Nun stehe vor allem die Kundenakquise an – und viel bürokratischer Kram, sagt Katharina Dotzler. „Im besten Fall soll Inklusionsmatch in Zukunft der Inklusionsmanager für Unternehmen werden“, hoffen die Gründer. Künftig soll man über die Plattform die Möglichkeit haben, Dolmetscher zu finden, Inklusionsaufträge zu vergeben oder Talente zu finden. Das Start-up werde „der Ansprechpartner“ oder „der One-Stop-Shop“ für Inklusion“.
Irmgard Schroll-Decker, Professorin an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften, hat Inklusionsmatch während des Exist-Stipendiums begleitet. Sie weiß, dass es soziale Start-ups nicht leicht haben. Denn es sei ein „eingeschworener Bereich“. Auch die Gewinnmargen seien nicht so attraktiv wie beispielsweise in der Tech-Branche. Doch sie glaubt an den Erfolg der Gründer. Schon während des Stipendiums hätten sie mit Inklusionsmatch einen Fuß in die Szene bekommen und einige Preise abgeräumt – zuletzt den Nachhaltigkeitspreis der OTH. „Angesichts dessen, was ich an Ausdauer gesehen habe, sehe ich die Chancen als sehr groß an.“
Weitere Infos unter https://inklusionsmatch.de/
