Inklusion am Arbeitsplatz: Wie Menschen mit Handicap integriert werden

Von Bernhard Neumayer · 26. Mai 2023 um 05:00

Menschen mit Beeinträchtigung haben es auf dem Arbeitsmarkt oft schwer. Zwei Beispiele aus dem Landkreis Neumarkt zeigen, wie Inklusion funktionieren kann. Hilfe soll eine neue Anlaufstelle geben.

Marion T. (Name von der Redaktion geändert) brauche zwar etwas länger als andere Mitarbeiter, Neues zu erlernen. Zudem habe die Frau Probleme, sich mehrere Aufgaben gleichzeitig zu merken, sagt ihre Chefin über sie. Trotzdem sei die Leiterin „wahnsinnig froh“, dass Marion Teil ihres Teams in einer Küche im Landkreis ist.

Marion ist eines von mehreren positiven Beispielen im Landkreis Neumarkt, wie Inklusion am Arbeitsplatz funktionieren kann. Als „Best-Practice-Beispiel“ berichtete ihre Vorgesetzte bei der Veranstaltung „Inklusion am Arbeitsplatz“ über die Mitarbeiterin.

Der Erfahrungsaustausch fand bei der Firma Huber SE in Erasbach statt. Dort stellte Martin Schmid die neue Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber (EAA) vor. Diese wurde auf Grundlage des Teilhabestärkungsgesetzes in Bayern eingeführt. Schmid ist der Koordinator der EAA für die Oberpfalz. Für Neumarkt ist André Nickley zuständig. Er und weitere Mitarbeiter informieren, beraten und unterstützen Firmen bei der Ausbildung, Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung.

Inklusion: Einheitliche Ansprechstelle Bayern berät Arbeitgeber

Welche Förderung können Firmen beantragen? Welche Zuschüsse können Arbeitnehmer erhalten? Und wer ist überhaupt der richtige Ansprechpartner? Die EAA, die bei Bedarf weitervermittelt, ist zentraler Anlaufpunkt für Arbeitgeber.

Marion hat bei ihrer jetzigen Arbeitsstelle angefangen, als es die EAA noch nicht gab. Seit 2009 arbeitet sie in der Küche ihres Arbeitgebers. Dort ist die Vollzeitkraft hauptsächlich für die Spülmaschine verantwortlich. Und die läuft auf Hochtouren. „Man darf die Aufgabe nicht unterschätzen“, betont ihre Chefin. Es sei eine Menge Geschirr zu spülen.

Zusätzlich übernimmt Marion weitere Aufgaben: Sie bestückt Konferenzräume mit Getränken und sorgt für Ordnung im Aufenthaltszimmer. „Man muss ihr genau erklären, was sie erledigen muss“, sagt ihre Chefin, die zugibt, dass man sich intensiver um Marion kümmern müsse als um andere Mitarbeiter. „Man braucht auf jeden Fall mehr Zeit“, sagt die Leiterin. Trotz des höheren Aufwands betont die Chefin: „Marion ist eine sehr wertvolle Mitarbeiterin.“ Und Marion selbst fühlt sich nach eigenen Angaben in dem kleinen Team in der Arbeit sehr wohl.

Motivierte Mitarbeiter zu gewinnen, ist das Ziel der meisten Firmen. Die Teilnehmer der Veranstaltung am Dienstagnachmittag bei der Firma Huber SE sehen in der Inklusion Chancen für Arbeitgeber, neues Personal zu finden. Das sagten unter anderem Silke Auer (Neumarkter IHK-Geschäftsstellenleiterin), Patrick Brandl (Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Neumarkt), Mario Göhring (Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz), Wolfgang Eberl (Leiter des Inklusionsamtes) und Neumarkts Landrat Willibald Gailler.

„Wir können es uns nicht leisten, auf Talente zu verzichten“, sagte Gailler, der es nicht nur als wirtschaftliche Aufgabe ansehe, sondern auch als soziale Aufgabe, Menschen mit Behinderung Chancen zu geben.

Bei der Huber SE arbeiten derzeit nach Angaben des Personalleiters Michael Hiller 26 Menschen mit Beeinträchtigung. Die Pflichtquote von fünf Prozent (das wären bei Huber 43 Beschäftige) erreiche das Unternehmen zwar nicht. Die Firma gleiche dies aber aus, indem sie mit Behinderten-Werkstätten zusammenarbeite. Von den 26 Mitarbeitern wurden laut Hiller nur zwei eingestellt, die vor dem ersten Arbeitstag ein Handicap hatten. Die anderen 24 Arbeitnehmer dagegen haben bereits bei Huber gearbeitet, ehe sie eine Behinderung erlitten haben, sagte Hiller, der von einem Mitarbeiter erzählte, der mittlerweile über zehn Jahre bei Huber arbeitet.

Arbeiter mit Handicap bei Firma Huber SE in Erasbach integriert

2013 stellte die Firma den Mann ein. „Er war schnell integriert, es hat gut funktioniert“, schilderte Hiller. Doch dann habe der Mitarbeiter oft gefehlt und Fehler gemacht. Auch nach einem Wechsel in eine andere Abteilung habe sich der Mitarbeiter häufig krank gemeldet. Erst als die Firma Huber Kontakt zum Integrationsfachdienst aufgenommen habe, sei es besser geworden. In den Gesprächen sei festgestellt worden, dass der Mitarbeiter wichtige Medikamente nicht eingenommen hatte.

Danach fehlte der Mann knapp vier Jahre deutlich weniger als zuvor, bis ab 2020 die Leistung wieder abfiel, wie Hiller sagte. Danach wandte sich der Personalleiter unter anderem an Martin Schmid von der EAA. Dieser informierte über Fördermöglichkeiten. In diesem Fall konnte ein Lohnkostenzuschuss gewährt werden. Seitdem laufe es wieder gut, berichtete Hiller.

Das Beispiel zeigt, dass Inklusion am Arbeitsplatz keine leichte Aufgabe ist. Darin waren sich die Verantwortlichen der Expertenrunde einig. Sie seien längst noch nicht am Ziel. „Wir müssen weitere Arbeitgeber sensibilisieren, um mehr Menschen mit Handicap im Arbeitsmarkt zu integrieren“, gibt Eberl als Marschroute aus.