Manfred Nett aus Waldetzenberg hat 10.000 Schallplatten im Keller: „Ich sammel nur, um mich zu freuen“

Von Friederike Klett · 21. November 2024 um 11:00

„Planen Sie mindestens zwei Stunden ein, denn es gibt einiges zu sehen“, sagt Gärtner Manfred Nett am Telefon. Der Waldetzenberger (Landkreis Regensburg) sammelt seit über 30 Jahren fast alles aus den 60ern und 70ern, manches auch aus den 50ern. Mehrere Kellerräume sind mit Schallplatten, Plattenspielern, Tonbandgeräten, Schreib- und Rechenmaschinen gefüllt.

„Es gibt ja Sammler, die alles nur aufeinanderstapeln. Ich wollte immer Ordnung haben“, sagt Nett. Fein säuberlich sind die Stücke in Regale einsortiert, will er etwas bestimmtes zeigen, braucht er nicht lang zum Suchen. In einem Ordner befinden sich alte Bravo-Hefte. Die Anfänge der berühmten Foto-Love-Stories sind zu sehen, eine Titelseite von 1972 verspricht „Die schönste Liebesgeschichte in erregenden Bildern“. Ein weiterer Ordner beherbergt Comics, auch die erste Ausgabe des Micky-Maus-Heftes. „Ich habe auch noch ein paar Mittelbayerische Zeitungen aus den 50er Jahren“, sagt er.

Kofferradios vom Sperrmüll

Wann seine Sammelleidenschaft begonnen hat, ist für Manfred Nett schwer zu sagen. Schon in den 70er Jahren habe er immer Kofferradios aus dem Sperrmüll geholt. „1979 hatten wir dann ein Hochwasser.“ In seinem Keller stand das Wasser teilweise 1,60 Meter hoch. „Und da lagen alle meine Radios in der deckigen Brühe drin. Da habe ich dann keine Lust mehr gehabt, habe alles weggeschmissen und wollte es gar nicht mehr sehen.“

Das hielt lang an. Aber Mitte der 90er bekam er eine Musiktruhe geschenkt und fing wieder an, über den Sperrmüll zu schauen und auf Flohmärkte zu gehen. „Es fing mit Schallplatten an, davon hatte ich auch noch eine Menge aus meiner eigenen Jugend.“ Auf einem Flohmarkt holte er sich drei kleine Kisten mit Singles. „Damit war ich damals der King. Heute habe ich ungefähr 10 000 Platten.“

Im Reithnerhaus in Deuerling fand in dieser Zeit eine Ausstellung statt. „Wolfgang Lutz hat das damals geleitet und mich gefragt, ob ich da auch meine Sachen dazugeben möchte. Er hatte damals die Geräte und ich die Platten. Dort hat mich der Virus wieder gepackt.“ Diesmal fing er an alles zu sammeln, was ihn interessierte – nicht mehr ausschließlich Radios und Platten.

Schellackplatte treibt Nett Tränen in die Augen

Im Flur sind die Regale mit alten Kameras und Diaprojektoren gefüllt. Ein Projektor hat einen kleinen Schornstein – statt einer Glühbirne hat man eine Kerze in das Gerät gesteckt. Ein Projektor für Dias und Filme stammt aus der DDR. Dazu hat er drei Filme – Bilder aus Oberhof, „Der Teufel mit drei goldenen Haaren“ und „Das tapfere Schneiderlein“.

„Wenn man bedenkt, dass alles in diesen Regalen in zigfacher Verbesserung heute in einem Gerät drin ist“, sagt Nett und schüttelt den Kopf. „Was das eigentlich für eine Materialverschwendung war.“ Ein Regal mit alten Grammophonen steht auch in Netts Keller. Eine Schellackplatte – das war der Vorgänger der Vinylschallplatte – treibt dem Gärtner Tränen in die Augen. „Da hat eine Familie 1955 in einem Tonstudio in Cleveland Ohio eine Platte besprochen und die der Oma nach Deutschland geschickt.“ Nett kurbelt an dem Grammophon, das ohne Strom funktioniert und legt die Nadel auf die Platte. Nach einigen Sekunden Rauschen ist eine Stimme zu hören. „Liebe Mama“, sagt eine Frau. „Zu deinem 70. Geburtstag haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht.“ Die Enkelkinder sprechen nach ihr, sie haben schon einen amerikanischen Akzent beim Deutschsprechen. „So toll“, sagt Nett immer wieder und lacht berührt.

Wert eines Kleinwagens

Viele der Geräte, die Nett in den vergangenen 30 Jahren angesammelt hat, funktionieren nur noch sporadisch oder nicht mehr. „Ich habe auch immer mal welche zur Reparatur gebracht“, sagt er. Mittlerweile sei sein Freund, der sich darum kümmert aber schon über 80 und er wolle ihn nicht mehr so oft behelligen. Der Verkaufswert der Objekte sei für ihn aber auch nicht das Entscheidende. „Ich sammel nur, um mich zu freuen.“ Nur einige Schallplatten, die er doppelt hatte, hat er auch mal verkauft. „Insgesamt hat die Sammlung vielleicht den Wert eines Kleinwagens“, schätzt er. Denn bei den Preisen habe er auch seine Grenzen. „Ich will nicht rechnen müssen, ob ich mir noch ein Stück leisten kann. Es soll nur Spaß machen.“

An zwei Tagen in der Woche geht Nett in seinen Keller und dreht die Musik auf. „Meine Frau sitzt dann oben und die Couch wackelt“, sagt er amüsiert. Trotzdem wolle er die Sammlung auch mal wieder herzeigen. Am liebsten anderen Sammlern.

Ein Bravo-Heft wirbt mit „erregenden Bildern“. Foto: Friederike Klett
Das Innenleben einer Musiktruhe aus den 60ern Foto: Friederike Klett
Im Flur sind die Kameras aufgestellt. Foto: Friederike Klett