„Wir geben diesen Kindern eine Chance“: Regensburger Mediziner erklärt, wie die Kleinsten versorgt werden

Etwa zehn Prozent aller Kinder weltweit werden zu früh geboren. Rund 0,6 Prozent kommen als extrem Frühgeborene zur Welt. Prof. Dr. Sven Wellmann, Chefarzt und Klinikleiter der Neonatologie an der KUNO Klinik St. Hedwig, erklärt im Interview, warum es wichtig ist, mit dem Welt-Frühgeborenen-Tag am 17. November auf diese Zahlen aufmerksam zu machen – und weshalb die Eltern bei der Versorgung der Kinder eine entscheidende Rolle spielen.
Herr Professor Wellmann, wann spricht man von einem Frühgeborenen?
Prof. Dr. Sven Wellmann: Als frühgeboren gilt ein Kind, das vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen ist. Darunter fällt also auch ein Baby, das in der 36. Woche geboren ist und auch schon drei Kilogramm wiegen kann. Es weist vermutlich nur eine leichte Unreife auf, doch muss trotzdem im Blick behalten werden. Als extrem frühgeboren gelten Kinder, die mit weniger als 1000 Gramm oder vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren werden. Bei ihnen ist entsprechende Förderung und Achtsamkeit besonders wichtig, um spätere Probleme zu vermeiden.
Wie häufig kommt so etwas bei Ihnen vor?
Wellmann: In der KUNO Klinik St. Hedwig versorgen wir etwa 400 Frühgeborene pro Jahr, darunter rund 40 extrem frühgeborene Kinder. Das klingt nicht nach einer so großen Zahl, doch ist eine sehr anspruchsvolle Medizin. Auf der Neonatologie werden extrem Frühgeborene ab 300 Gramm betreut. Unter dieser Gewichtsgrenze gibt es weltweit nur ganz wenige Fälle von so kleinen Kindern, die überlebt haben. Wo genau man die Grenze zieht, ist im Übrigen auch eine ethische und kulturelle Frage. Mein Verständnis und auch das meiner Kollegen im deutschsprachigen Raum sowie in Ländern wie beispielsweise Japan und Skandinavien ist, dass wir diesen Kindern eine Chance geben. Hier in der Klinik können wir die Maximaltherapie anbieten und sie nicht nur zu Beginn auf der Intensivstation, sondern auch in der Zeit danach, auch nach der Entlassung, begleiten.
Wie sieht die Versorgung solcher Kinder aus?
Wellmann: Es handelt sich um ganz zarte Pflänzchen, die sanfte Begleitung benötigen. Es braucht ein routiniertes, multiprofessionelles Team aus erfahrenen Neonatologen, Fachkrankenpflegern für Kinder und Intensivpflege und weiteren Experten, das schon die Erstversorgung im Kreißsaal sicherstellt. Eine zentrale Rolle spielen zudem die Eltern. Wenn diese sich fürsorglich und empathisch kümmern und darin vom Team unterstützt werden, ist das für die Entwicklung extrem förderlich. Das ist ein Faktor, dem in der Medizin vor zehn oder fünfzehn Jahren noch nicht diese Bedeutung beigemessen wurde.
Für die Eltern ist eine solche Situation sicherlich enorm belastend.
Wellmann: Es ist ein Schicksalsschlag. Deshalb gehören auch Psychologen zu unserem Team. Für die Eltern ist es sehr wichtig, dass Dinge positiv formuliert werden und dass ihnen ein Licht am Ende des Tunnels aufgezeigt wird. An das Negative denken sie schon genug.
Wie geht es für die Familien nach der Entlassung aus der Klinik weiter?
Wellmann: Während man früher Behandlungen über lange Zeit in der Klinik durchgeführt hat, entlassen wir die Kinder mittlerweile so bald wie möglich und unterstützen die Eltern weiter in ihrem Zuhause. Gerade bei extrem Frühgeborenen ist der Bedarf in den ersten Jahren hoch. Beispielsweise, wenn die Kinder noch Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme oder Atmen brauchen und eine Magensonde oder künstlichen Sauerstoff benötigen. Damit das funktioniert, arbeiten wir mit der sozialmedizinischen Nachsorge zusammen, zum Beispiel Einrichtungen wie dem Bunten Kreis KUNO-Familiennachsorge. Da solche Angebote nicht komplett von den Krankenkassen übernommen werden, sind wir auf Spenden angewiesen.
Am Sonntag ist Welt-Frühgeborenen-Tag. Warum ist es wichtig, dass es dafür ein spezielles Datum gibt?
Wellmann: Das Thema rückt so in den Fokus der Öffentlichkeit. In Forschungsbereichen wie der Altersmedizin, ohne Zweifel ein sehr wichtiges Feld, werden in jüngster Zeit große wissenschaftliche Erfolge gefeiert. Die Kindermedizin und die Neonatologie dagegen geraten ein wenig in den Hintergrund – auch, weil es aufgrund der kontinuierlichen Entwicklung von Kindern schwieriger ist, allgemeingültige Modelle zu entwickeln.
In Ihrer Berufslaufbahn haben Sie wohl schon unzählige Kinder betreut. Wie sehr nehmen Sie die einzelnen Fälle mit?
Wellmann: Mich berührt jeder Fall, ob früh- oder krank geborenes Kind. Eine Geschichte, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist die der Zwillinge Jonas und Moritz. Sie sind vor drei Jahren, genau einen Tag vor dem Welt-Frühchen-Tag, zur Welt gekommen. Das war während der Corona-Zeit und vermutlich war auch eine Covid-Infektion der Mutter der Auslöser für die Frühgeburt mit 26 Schwangerschaftswochen. Es gab schwere Komplikationen und die Situation war in den ersten Wochen hochdramatisch. Ihre Mutter und ihr Vater haben sehr viel Einsatz gezeigt und waren von Beginn an wunderbare Eltern. Obwohl es ein sehr langer Weg war und einige Dinge langsamer gehen, haben sich die beiden Kinder toll entwickelt. Das hat mich sehr beeindruckt.

