Regensburger BSW-Stadträtin im Interview: Irmgard Freihoffer kandidiert für Landesvorsitz

Von Juliana Ried · 15. November 2024 um 09:00

Die Regensburger BSW-Stadträtin Irmgard Freihoffer engagiert sich bisher besonders für die Verkehrswende und weniger motorisierten Individualverkehr. Jetzt will sie Landeschefin einer Partei werden, deren Frontfrau Sahra Wagenknecht sich für Verbrenner und den Kauf von russischem Gas und Öl einsetzt.

Frau Freihoffer, Sie sind bisher Einzelkämpferin im Stadtrat. Warum wollen Sie – als Co-Chefin neben Klaus Ernst – BSW-Landesvorsitzende werden?

Irmgard Freihoffer: Ich habe von Anfang an Einblick in die Sache. Die Entfremdung von der Linken fand lange vor meinem Austritt statt. Auch Klaus Ernst kenne ich schon lange und kann mit ihm gut zusammenarbeiten. Es ist mir auch wichtig, dass die Partei in Bayern Fuß fasst und weiter aufgebaut wird.

Irmgard Freihoffer will Stadträtin bleiben

Aber Regensburger Stadträtin bleiben Sie?

Freihoffer: Auf alle Fälle. Ich gebe im BSW nur die Zuständigkeit für die Oberpfalz ab.

Was hat Sie von der Linken entfremdet?

Freihoffer: Das war zum einen ein überbordender Moralismus, gerade in der Migrationsfrage. Es gibt den Fokus darauf, möglichst alle, die kommen möchten, aufzunehmen, ohne zu prüfen, ob man wirklich alle unterbringen kann. Für mich ist das ein sehr verengter Blick auf die Problematik. Man richtet zu wenig den Blick darauf, wie man Fluchtursachen bekämpfen kann. Auch gab es zu viel Wokeness. Nebenthemen wie die Probleme von queeren Menschen sind zum Teil zu sehr in den Mittelpunkt gerückt worden, auch wenn deren Anliegen grundsätzlich Berechtigung haben. Und die Linke hat teilweise ihren friedenspolitischen Ansatz aufgegeben.

Bald ist Bundestagswahl. Kandidieren Sie für das BSW?

Freihoffer: Das kann ich im Augenblick nicht sagen. Wir müssen erst mal schauen, dass wir an diesen Samstag die Gründungsversammlung des Landesverbands gut über die Bühne bringen.

Wie stark ist das BSW in Regensburg?

Freihoffer: Wir wollen ja nicht schnell, sondern kontrolliert wachsen. Wir sind in Regensburg nur eine Handvoll Leute. Jetzt kommt aber irgendwann die nächste Aufnahmewelle.

Haben Sie Sahra Wagenknecht persönlich kennengelernt?

Freihoffer. Ja. Ich bin ihr bei Wahlkampfauftritten, beim politischen Aschermittwoch und beim Gründungsparteitag begegnet. Das waren durchaus angenehme Begegnungen. Aber ob sie sich noch an mich erinnern kann, weiß ich nicht.

Vehemente Stadtbahn-Vertreterin

Im Stadtrat prangern Sie die Ihrer Meinung nach zu autozentrierte Stadtplanung an. Sahra Wagenknecht dagegen setzt sich für Verbrenner ein. Wie geht das zusammen?

Freihoffer: Es gibt neuere Entwicklungen bei den Verbrennermotoren, die eine deutlich höhere Effizienz haben und dann von der Umweltbilanz entweder nicht oder nur wenig schlechter abschneiden als Elektroautos. Generell muss man natürlich weg vom Autoverkehr. Da geht es auch um Lärm, Feinstaub, und darum, dass die Straßen die Stadt zerschneiden. Aber man muss Entscheidungen treffen, die auch dem Rechnung tragen, dass Deutschland kaum Bodenschätze hat und vom industriellen Sektor abhängig ist. Auch hier in Regensburg ist die Auto- und Zulieferindustrie ein großer Gewerbesteuerzahler. Wenn die Industrie abwandert, sinken die CO2-Emissionen nicht. Trotzdem ist wichtig, dass man in Zukunft eben deutlich mehr für den öffentlichen Verkehr ausgibt. Ich war deshalb auch immer wirklich sehr vehement Vertreterin einer Stadtbahn, die man dann auch ins Umland weiterführt.

Auch fordern Sie, dass Regensburg mehr tut beim Klimaschutz, während Frau Wagenknecht wieder russisches Gas und Öl kaufen will.

Freihoffer: Bevor ich dieses dreckige Fracking-Gas aus den USA beziehe, was dort schwere Umweltschäden verursacht, bin ich lieber für Pipeline-Gas. Um den Krieg zu beenden, wären andere Maßnahmen gefordert.

Wie will das BSW in der Großstadt Regensburg punkten, wo bisher die Grünen stark sind?

Freihoffer: Ich würde nicht großartig von meinen jetzigen Themen abweichen. Ein wichtiges Thema in Regensburg ist die Wohnungspolitik. Da spielt natürlich die Bundesgesetzgebung eine große Rolle. Wichtig ist natürlich auch, dass genügend Geld da ist für den öffentlichen Verkehr, überhaupt für die öffentliche Infrastruktur, das betrifft auch Schulen. Wenn man immer mehr für Rüstung ausgibt, dann werden Kommunen auch weniger Zuschüsse von Bund und Land bekommen. Das ist eine recht einfache Rechnung.

Zur Person

Beruf: Irmgard Freihoffer (62) studierte Anglistik und Musik beziehungsweise Musikwissenschaft (Lehramt und Magister). Nach Stationen im Ostdeutschen Musikarchiv, in der Erwachsenenbildung und einer Softwarefirma ist sie seit 2001 Realschullehrerin für Englisch und Musik.

Ehrenamt: Freihoffer ist seit 2008 Stadträtin, zuerst als parteilose Stadträtin für die Linke, bis Oktober 2023 dann als Linken-Mitglied.