Vivaldi im Sternenstaub: In Regensburg wartet eine neue Illumination auf bis zu 60.000 Gäste

Von Marianne Sperb · 8. November 2024 um 15:15

In der Minoritenkirche Regensburg wartet ein wohliges Bad in Licht und Musik auf bis zu 60.000 Gäste. Eine berauschende halbe Stunde lang führt die neue Illumination „Enlightment“ durch die vier Jahreszeiten.

„Die Menschen haben darauf gewartet“, das ist der Eindruck von Julia Köppel. Sie holt mit Karin Weber als „Die Kulturoptimisten“ eine neue Licht-Musik-Show in die Minoritenkirche – die dritte immersive Inszenierung in Regensburg inzwischen. Produziert wurde sie wieder vom Züricher Künstlerkollektiv Projektil, das seit Jahren in dem Genre international unterwegs ist.

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Noch bevor das erste Lichtpünktchen im gotischen Gotteshaus aufscheint und bevor der erste Ton erklingt, sind für „Enlightment“ bereits an die 10.000 Tickets gebucht. Die Zielmarke – 50.000 bis 60.000 Gäste, ähnlich viele wie bei „Genesis II“ 2023 – scheint also absolut plausibel, auch wenn die Show 2024 einige Tage weniger laufen wird. Start ist am 9. November. Auffallend, so Julia Köppel: Zunehmend mehr Menschen buchen vier, fünf oder mehr Karten, als Gruppenerlebnis.

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Nach Teil eins und zwei der Schöpfungsgeschichte, die ab 2022 erst die Museumskirche St. Ulrich, dann die Minoritenkirche bespielt hat, geben nun nicht die Bibel und eigens kreierte Elektrosounds den Ton an, sondern Barockstar Antonio Vivaldi. Seine „Vier Jahreszeiten“ aus dem Jahr 1725 sind ungeheuer populär, ein Ohrwurm, unkaputtbar, ein Meisterwerk mit Wohlfühlfaktor. Die Komposition gilt als Glücklichmacher, der sich drastisch positiv auf emotionalen und mentalen Zustand auswirkt.

In der Tat: Die Preview in der beinahe menschenleeren Kirche macht starken Eindruck. Die Musik und das synchrone Lichtspiel, präzise aufs gotische Maßwerk abgestimmt, nehmen einen mit auf die Reise durch den Jahreskreislauf. Rosen erblühen in 20 Metern Höhe am Kirchenhimmel, angedeutete Äpfel kullern über die Wände, Lichtgarben imitieren die Aussaat, Herbstblätter wirbeln auf, eisige Schneekristalle zuckern den Putz. Der Besucher fühlt sanften Wind, sieht Blitze zucken, hört Vogelstimmen, Gräserrauschen und Regengeprassel, ist berieselt vom zartem Lichtflimmern und feinstem Sternenstaub. Insgesamt bleibt „Enlightment“ wohltuend abstrakt und wirkt auch filigraner als die Vorgänger-Shows. Die Illumination arbeitet vor allem mit Mustern und Strukturen. Lichtbänder fahren die Steinrippen nach. Rotierende Kreise, Bläschen, Wirbel, Wellen, Würfel und Wolkengebilde in psychodelischen Farben, von Op-Art inspiriert, malen den Raum aus. Eine berauschende, auch beschwingende halbe Stunde geht so wie im Flug vorbei.

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Vivaldis Zyklus von vier Violinkonzerten wurde für „Enlightment“ neu arrangiert und eingespielt. Von dem ikonischen Werk, das normalerweise gut eine Stunde dauert, hat sich Silvio Buchmeier für Projektil etwa ein Drittel herausgepickt, mit eigenen Sounds unterfüttert oder pointiert und: Er hat die Inszenierung mit einem fünften und sechsten Akt angereichert. „Samsara“ tippt den Zyklus von Leben, Leid und Wiedergeburt an, mit „Nirvana“, dem Zustand von Frieden und Erleuchtung, klingt die Show aus.

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„Die Kulturoptimisten“ haben die Illumination 2024 um zwei, drei Ticks verfeinert. Erstmals ist gelungen, die Obergaden- und die Chorfenster gegen Licht abzuschirmen. Keine banale Sache, wie Julia Köppel erklärt. „Sie können da nicht einfach sagen: Verdunkeln Sie mir mal die Fenster.“ Die denkmalkonforme Konstruktion aus Stoffbahnen, die nun gefunden ist, wurde selbst ertüftelt.

Das Konzept der Kurzkonzerte haben die Veranstalterinnen ausgebaut. In special nights begleiten Ensembles und Solisten eine Langversion der Show mit eigener Musik: an Gitarre oder Orgel, mit Saxophon, Akkordeon oder Elektroloops, als Chorgesang. Zum Auftakt der Serie am 19. November kommt Irina Pak, erste Geigerin im Tonhalle-Orchester Zürich. 2024 gibt es zu „Enlightment“ außerdem Führungen durch Kirche und Viertel.

Am 11. Januar zieht die Illumination weiter. Nach der Deutschland-Premiere in Regensburg warten andere Städte und andere Länder auf sie. Der Siegeszug der anfangs benasrümpften Events, die auf Überwältigung setzen, geht weiter. In Regensburg laufen schon Gespräche über das nächste Projekt, die nächste Show.

Die Show: „Enlightment“ läuft von 9. November bis 11. Januar in der Minoritenkirche Regensburg, Details: enlightment-regensburg.de.

Die Special Nights: Solisten und Ensembles begleiten die Lichtshow mit Live-Musik, in einer 45-Minuten-Langversion. Aktuell sind sechs Konzerte angesetzt, weitere Termine folgen.

Die Führung: Zur Show gibt es einen Rundgang mit Geschichten zu Kirche, Bettelorden und Ostenviertel, an sieben Terminen (je 15.30 Uhr), der mit „Enlightment“ endet, Kombitickets: Tourist Info.

Ein Eindruck aus der Minoritenkirche, wo jetzt eine neue Licht-Show startet Foto: altrofoto.de
Die Illumination begleitet zu Musik von Vivaldi durch den Jahreskreislauf. Foto: altrofoto.de