Der Handlanger des Zufalls: Trauer um Objektkünstler Daniel Spoerri

Der berühmte Erfinder der Eat-Art starb im Alter von 94 Jahren. In Regensburg inszenierte er 2002 ein denkwürdiges Bankett: von Sarah Wiener im Museum aufgetischt.
Mit Daniel Spoerri verliert die Kunstwelt einen ihrer originellsten Köpfe, der den Kunstbegriff ins Extreme dehnte, spielerisch und intellektuell, mit Sinnlichkeit und Humor. Bekannt wurde er vor allem durch Bilder aus Essensresten. Am Mittwoch ist er. 94 Jahre alt, gestorben, wie Wolfgang Sabath vom Ausstellungshaus Spoerri in Österreich bestätigte.
Daniel Spoerri war einer der bedeutendsten Vertreter der Objektkunst, er gründete die Gruppe Nouveau Réalisme und gilt als Erfinder der Eat-Art. Spoerri selbst ordnete seine Rolle sehr viel bescheidener ein: „Ich glaube, dass gar nichts Bedeutendes aus mir geworden ist“, meinte er, 2019, als ein Dokumentarfilm über ihn herauskam. „Ich bin kein Spezialist im Sinne von irgendetwas. Ich mache nur, was ich meine machen zu müssen von Tag zu Tag.“ Einen „Handlanger des Zufalls“ nannte er sich.
Daniel Spoerri war begeisterter Koch und bat – erstmals schon 1959 – Gäste, am Ende einer Mahlzeit, dreckiges Besteck und Teller mit Essensresten stehenzulassen. Das zufällige Arrangement fixierte er und hängte es an die Wand. Die Werke, Fallenbilder genannt, sorgten für Furore. „Das Frühstück des Kichka I“ etwa wurde im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt.
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Regensburg hat eine besondere Verbindung zu Spoerri: 2002 inszenierte er im Kunstforum Ostdeutsche Galerie ein außergewöhnliches Dinner. Sarah Wiener, damals außerhalb kunstaffiner Kreise noch nicht sehr vielen Menschen als Köchin und Autorin ein Begriff, parkte eine rollende Küche im Stadtpark, direkt am Kunstforum, und bereitete mit ihrer Crew „Das Palindromische Bankett“ zu, das 100 handverlesene Gäste im großen Ausstellungssaal verspeisten.
Serviert wurden Gänge – wie beim Palindrom, das sich rück- und vorwärts lesen lässt – in vermeintlich umgekehrter Reihenfolge. „Der Capuccino mit Sahnehäubchen entpuppte sich als Ochsenschwanzsuppe mit Meerrettich, die Zigarren mit Bauchbinde als köstliches Stangenbrot und die Fischmousse ähnelte einer Agnes-Bernauer-Torte“, beschrieb es Gerhard Leistner, damals Sammlungsleiter im KOG. Zum Abschluss wurde ein Korb mit Zigarren gereicht, die sich als Marzipanstangen erwiesen.
Das Bankett, das Essgewohnheiten und Sinneswahrnehmungen hinterfragte, hatte Spoerri dem Schweizer Maler, Zeichner und Dichter André Thomkins (1930-1985) gewidmet, der oft Palindrome verwendete. Ein ähnliches Dinner tischte er im gleichen Jahr 2002 im Jeu de Paume in Paris auf.
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Die Reste des Regensburger Mahls wurden zur Momentaufnahme eingefroren: Dinge vom Trödel, abgegessene Teller, Brotkrümel, Aschenbecher wurden mit Kunstharz auf einem Leinentuch fixiert. Das Fallenbild gehört zum Bestand des Regensburger Museums.
Viel später, im Jahr 2016, ehrte das Kunstforum Spoerri mit dem Lovis-Corinth-Preis und widmete ihm eine große Ausstellung unter dem Titel „Das offene Kunstwerk“. Direktorin Agnes Tieze erinnerte danach auch an das denkwürdige Dinner von 2002, das zwei künstlerische Konzepte Spoerris vereinte: Eat-Art und Fallenbild.
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Das Bayern-MEat-Art ist nur eine Facette im weitläufigen Kosmos Spoerri. Der Schweizer, dessen Familie 1942 vor den Nazis aus Rumänien geflohen war, studierte als junger Mann in Zürich Tanz und Pantomime, war sogar Solotänzer in Bern, inszenierte Stücke etwa von Eugène Ionesco und Pablo Picasso und versuchte sich als Kurzfilm-Regisseur, bevor er 1959 nach Paris zog. Spoerri schuf erste Objektkunstwerke und war schnell im Kreis der Avantgarde daheim, etwa mit Jean Tinguely und Yves Klein, mit denen er 1960 die Gruppe Nouveau Réalisme gründete. 1968 eröffnete er in Düsseldorf das Restaurant der Sieben Sinne: Parterre eine Bar, oben Speiselokal, an der Fassade Palindrom-Schilder von André Thomkins.
Daniel Spoerri war über seine eigenwilliges Kunstschaffen hinaus vieles: Er lehrte als Professor Dreidimensionale Gestaltung in Köln, wechselte 1983 an die Kunstakademie nach München, veröffentlichte nebenbei Kochbücher und legte in der Toskana einen einzigartigen Skulpturengarten an.
2008 zog Spoerri nach Österreich. Niederösterreichs Regierungschefin Johanna Mikl-Leitner, würdigte ihn als „großen Ausnahmekünstler“ und „Meister der Bildenden Kunst“. Mit dem Haus Spoerri in Hadersdorf habe er eine „wahre Wunderkammer seiner Kunst“ gegründet.
Mehr zu Daniel Spoerri im KOGDie Führung: Mona Stocker, Sammlungsleiterin für Malerei und Skulptur im KOG, erzählt am 12. Dezember (18. 30 Uhr) Hintergründe zu Daniel Spoerri und seinem Werk.
Der Workshop: Der Workshop am 1. Dezember nimmt Bezug auf „Das Palindromische Bankett“: für Sehbinderte, Blinde und Sehende ab zehn Jahren, Anmeldung unter Telefon: (09 41) 29 714 20.
