Wie man häusliche Gewalt rechtzeitig erkennt: Berater Michael Grodd aus Neumarkt gibt Tipps

Michael Grodd berät in Neumarkt zu häuslicher Gewalt. Die Beratungen werden vom Institut für soziale und kulturelle Arbeit (ISKA) Nürnberg angeboten und richten sich an Männer. Tipps hat Grodd aber für alle Geschlechter.
Herr Grodd, häusliche Gewalt – was steckt hinter diesem Begriff?
Michael Grodd: Häusliche Gewalt ist immer eine Sache von Macht und Kontrolle. Gewalt gibt es dann, wenn der eine nicht das macht, was die andere Person will. Es gibt auch Abstufungen von Gewalt: Es gibt Streitereien, wo man sich wieder versöhnt und dann passt das. Aber wenn das immer wieder vorkommt und ein Muster ist, dann ist es irgendwann nicht mehr okay.
Die Frage ist, kann ich meine Grenze formulieren, kann ich meinem Partner oder meiner Partnerin sagen: Puh, das fand ich ganz schwierig, wie du die Kritik an mich herangetragen hast. Können wir das nächste Mal anders drüber reden? Und: Ist der Partner oder die Partnerin konfliktlösungsbereit oder wird einfach was Neues gesucht, was man als nächstes kritisieren kann. Das ist auch eine Frage, die man sich selber stellen kann als Check.
Wie kann sich denn Gewalt beispielsweise äußern?
Grodd: Wir haben zum einen körperliche Gewalt. Wenn im Streit zum Beispiel Teller fliegen, ist das schon eine körperliche Bedrohung. Es gibt sexuelle Gewalt. Ansonsten haben wir auch psychische und emotionale Gewalt, wie Drohungenen gegenüber dem Partner, der Partnerin oder Manipulationen – Sätze wie „Willst du wirklich noch das Stück Kuchen essen?“ Also wenn da so ein ständiges Kritisieren ist.
Es gibt das auch heutzutage noch, dass einer von beiden den Haushaltsplan macht und das Geld auf dem Konto sammelt und nur einer darf bestimmen, was mit dem von beiden erwirtschafteten Geld passiert – das wäre ökonomische Gewalt. Und wir haben noch soziale Gewalt. Das fängt oft an mit sowas wie „Deinen Kumpel finde ich ziemlich blöd“ oder „Ich fänd’s gut, wenn du weniger arbeitest.“ Das ist dann ein Versuch, in das soziale Gefüge des Partners oder der Partnerin einzugreifen und somit Kontakte gezielt zu verbieten.
Warnsignale für toxisches Verhalten
Wie beginnt Gewalt in Beziehungen?
Grodd: Das ist sehr schwierig zu sagen. Es gibt Betroffene, die sagen, wir waren total verliebt und wir haben viel Zeit miteinander verbracht und irgendwie wurde es relativ schnell sehr sprunghaft. Und andere erzählen, es gab später eine große Veränderung beim Partner oder der Partnerin. Und es gibt die Geschichten, in denen die Person sagt, ich fand es immer nicht so schlimm mit den Beschimpfungen, aber jetzt, wo wir Kinder haben und es vor den Kindern gemacht wird, geht es mir damit gar nicht mehr gut. Das ist dann sehr schleichend gewesen. Der oder die Partnerin kann sich auch durch eine psychische Krankheit verändern und übergriffig oder gewalttätig werden.
Gibt es Warnzeichen, die erkennen lassen, dass sich Gewalt in die Beziehung einschleicht?
Grodd: Ich würde immer auf das Bauchgefühl hören. Die eigenen Gefühle trügen einen selten. Ist der Partner nicht zur Konfliktlösung bereit und bleibt voll bei seinen Standpunkten? Dieses „nur du bist daran schuld“, immer wieder wird sich lustig gemacht. Vielleicht auch Überstürzungen. Ein Überraschungsbesuch in einer Fernbeziehung findet der eine vielleicht romantisch und ein anderer sagt, es ist ein bisschen überstürzt. Auch Aussagen, die die eigenen Gefühle und Empfindungen runtermachen wie „Sei doch nicht so empfindlich!“
Paartherapie ist Abwägungssache
Welchen Rat haben Sie für diese Situation?
Grodd: Die Leute sollen mutig sein und diesen ersten Schritt gehen, der meistens der schwierigste ist, und sich jemandem anvertrauen, sobald das Bauchgefühl nicht so gut ist. Wenn dieser erste Schritt getan ist, muss man nicht gleich eine 180-Grad-Wende machen. Wenn man sagt, man kann sich heute noch nicht trennen, aber man hat schon mal darüber gesprochen, gibt es vielleicht einen Zeitpunkt, an dem man das will. Einfach diesen Mut finden zu sprechen, sich Hilfe oder Rat zu suchen – und wenn es der anonyme Anruf an der Beratungsstelle ist und da mal nachzufragen und zu erzählen.
Sie raten also nicht grundsätzlich zur Trennung?
Grodd: Jeder hat ein Recht auf ein gewaltfreies Leben. Wenn eine Grenze schon überschritten wurde, ist das Weiterführen der Beziehung oft nicht mehr möglich. Ich glaube aber, dass man eine Paartherapie oder eine Paarberatung angehen kann, wenn beide sagen, wir möchten daran arbeiten.
Aber wenn das ein Muster ist, das der Partner oder die Partnerin nicht aus sich rausbekommt, dann wird es schwierig, vor allem, wenn der oder die Partnerin nicht an sich selber arbeiten möchte. Ich kann aber nicht nur von der anderen Person erwarten, dass sie an sich arbeitet und ich möchte nichts verändern. Wenn man sich für andere verbiegt und immer anpasst, damit man möglichst gut dazu passt, ist das auch nicht gesund.
Ab wann sollten Betroffene sich auch an die Polizei wenden?
Grodd: In akuten Notsituationen sollte keiner alleine bleiben müssen. Wenn man körperlich verletzt worden ist, ist es ganz klar: Ich gehe zur Polizei und zeige das an. Bei Drohungen oder Bedrohungen ist da ein Unterschied. Ich kann auch erst zu Freunden und Bekannten gehen, mal eine Nacht woanders unterkommen.
Es kann sein, dass der Partner oder die Partnerin einem nachstellt, die Polizei anruft und behauptet, die Freundin wolle sich umbringen, obwohl das nicht der Fall ist. Dann sollte man unbedingt anfangen, Beweise zu sichern, zum Beispiel Chats oder Sprachnachrichten, die Beleidigungen und Drohungen enthalten. Generell gilt: Fühlen Sie sich bedroht oder in Not, dann rufen Sie die Polizei.
Männliche Rollenbilder werden zum Problem
Ihre Beratung richtet sich nur an Männer – wieso wird hier nach Geschlechtern getrennt?
Grodd: Es braucht hier eine sehr reflektierte Auseinandersetzung und eine Stelle, die die Lebenswelt von Männern versteht und ernst nimmt. Das Thema häusliche Gewalt gegenüber Männern ist einfach noch ein sehr scham- und kränkungsbelastetes Thema. Viele Männer haben immer noch das Bild von sich selbst als einsamer Cowboy, der das alles ganz alleine hinbekommt und immer stark ist. Deswegen brauchen wir spezielle Beratungsangebote für Männer.
Gibt es unabhängig vom Geschlecht Anzeichen oder Verhaltensweisen, die das direkte Umfeld aufhorchen lassen sollten?
Grodd: Oft ist eine Person ein bisschen gefangen in der Situation und findet keinen Ausweg. Ein Warnzeichen ist oft, wenn man sich sozial isoliert, also wenn sich jemand sehr zurückzieht, nicht mehr so viel erzählt. Vielleicht aber auch eine emotionale Veränderung, eine Niedergeschlagenheit, vielleicht erlebt man die Person ein bisschen depressiv. Oder auch Nervosität, Anzeichen von Angst, psychische, physische Veränderungen, gesundheitliche Probleme, weil die Person so im Stress ist, bloß nichts falsch zu machen.
Wie kann man als Freund oder Verwandter eine betroffene Person unterstützen?
Grodd: Ohne zu urteilen einfach mal zuhören. Ich würde sie einfach erzählen lassen und ernst nehmen, was erzählt wird. Oftmals sind Ratschläge dann nicht das Gewünschte. Eine gute Frage kann sein: Wenn ich dir das jetzt alles erzählen würde, was du mir gerade erzählt hast, was würdest du mir raten?
Man sollte aber nicht zu einer Entscheidung drängen. Was man machen sollte, ist, konkrete Hilfe anzubieten. Also jemanden anbieten, bei sich zu übernachten oder mit ihm eine Beratungsstelle aufzusuchen.
Beratungen in Neumarkt
Der Berater: Michael Grodd berät jeden ersten Dienstag im Monat von 12 bis 14 Uhr Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Die Beratungen werden von der ISKA Nürnberg angeboten und sind kostenfrei und auf Wunsch anonym.
Wichtig: Eine Anmeldung ist unbedingt notwendig, entweder unter Tel.: (09 11) 27 29 98 20, oder per Mail an bhgm@iska-nuernberg.de. Ort: Das Café Immergrün in der Pulverturmgasse 4 stellt den Raum zur Verfügung.
Hilfsangebote (auch für Frauen): Weißer Ring, (Tel. (01 51) 55 16 47 70, Frauenberatung Nürnberg, Tel. (09 11) 28 44 00, Beratungsstelle für psych. Gesundheit, Tel. (09181) 4 64 00
