Wenn die Wut überkocht: Hier lernen Täter, wie Konflikte nicht mehr eskalieren

Von Christine Schröpf · 13. Juli 2024 um 05:00

Häusliche Gewalt: In einer Regensburger Trainingsgruppen lernen Männer aus der Oberpfalz, was für ein Leben ohne Übergriffe auf ihre Frauen und Familien nötig ist. Vielen fällt es schwer, sich Hilfe zu holen. Trotz hoher Fallzahlen in der Polizeistatistik sind beim Verein „Kontakt Regensburg“ noch Plätze frei.

Einmal hat er seine Freundin im Spanien-Urlaub gegen ihren Willen aus dem Auto gezerrt. „Ich mache alles für sie – und dann will sie einfach im Auto sitzen bleiben“, erinnert sich Martin S. (Name geändert) daran zurück, was damals seine Wut entfachte. Ein anderes Mal versetzte er ihr nachts im Bett beim Einschlafen einen Schlag ins Gesicht. Er habe nur gewollt, dass sie endlich zum Reden aufhört, erzählt er beim Interviewtermin. Röte legt sich über sein Gesicht. Im ersten Anlauf wählt er Worte, die die Geschehnisse auch für ihn selbst nicht ganz so krass erscheinen lassen. Erst danach kommt er zum Punkt und bekennt sich zu den Momenten seiner Beziehung, in denen er rote Linien überschritten hat.

Zahl der Gewalttaten steigt

Häusliche Gewalt ist ein bundesweit wachsendes Problem. Bundesinnenministerin Nancy Faeser musste kürzlich einen deutlichen Anstieg vermelden: 2023 erhöhte sich die Zahl der polizeibekannten Fälle auf 265276, ein Zuwachs um 6,5 Prozent im Vergleich zu 2022. Im Jahr davor war bereits ein Plus von über acht Prozent zu verzeichnen gewesen. Allein in der Oberpfalz wurden 2023 rund 2073 Übergriffe im familiären Umfeld erfasst. Drei Viertel aller Tatverdächtigen waren Männer. Die Opfer: zu 72 Prozent Frauen. Das Spektrum reichte von versuchten Tötungen, lebensbedrohlichen Attacken und Vergewaltigung, bis zu Körperverletzung, Nötigung und Stalking. Schieflagen in Beziehungen beginnen aber weit früher – wenn Streits immer wieder so sehr eskalieren, dass das Gegenüber nur noch niedergeschrien wird.

Was Martin S. von anderen Männern unterscheidet, die ihre Wut schwer zügeln können? Er hatte den Mut, Hilfe zu suchen. Im vergangenen dreiviertel Jahr absolvierte er ein Verhaltenstraining, das der Verein „Kontakt Regensburg“ für Täter aus dem Raum Regensburg, aus Burglengenfeld und den Landkreisen Cham und Neumarkt anbietet.

Wöchentliche Gruppen-Sitzungen gegen Wut und Gewalt

Bei wöchentlichen Gruppen-Sitzungen müssen sich die Teilnehmer dort der Wahrheit stellen, dass sie sich dringend ändern müssen. Martin S. lernte die Auslöser seines manchmal schier unbändigen Zorns kennen – und wie er sich in schwierigen Situationen trotzdem in den Griff bekommen kann. Bei ihm sind immer Augenblicke gefährlich, in denen er sich in die Enge getrieben fühlt. Er komme inzwischen deutlich besser damit zurecht, berichtet er. „Es waren aber auch ein paar Rückfälle dabei.“

Martin S. spricht über seine Geschichte mit der Gewalt, um andere Männer zu motivieren, ihr Problem ebenfalls anzupacken. Wie schwer das Tätern fällt, zeigt sich auch daran, dass von potenziell acht Plätzen in der Tätergruppe aktuell vier unbesetzt sind. „Verwunderlich, wenn man bedenkt, wie viele Gewalttaten es gibt“, sagt Sozialpädagoge Alexander Hassan-Mansour. Seit Januar 2024 unterstützt er den Psychologen Ralf Wargitsch bei der Leitung der spezialisierten Trainingsgruppe. Auf welche Männer die beiden dort treffen? Es gehe querbeet durch alle Gesellschafts- und Altersschichten.

Der Wille, sich gegen die eigenen destruktiven Verhaltensmuster zu stemmen, ist ebenfalls stark unterschiedlich ausgeprägt. „Es sind Männer mit mit hoher Selbstmotivation darunter − bis hin zu Männern, die per Bewährungsauflage verpflichtet worden sind“, sagt Wargitsch. Auslöser sind oft Worte oder Gesten, die als Respektlosigkeit gewertet werden, auch wenn das objektiv betrachtet gar nicht der Fall sein muss. Dann schaukelt es sich in Eigendynamik in rasendem Tempo hoch. „Sie ,backen‘ sich ihren Ärger selbst“, sagt Wargitsch. „Unser Gehirn ist ein heikles Konstrukt. Bei meinen Klienten springt – bedingt durch biografische Vorerfahrungen – das innere Bedrohungssystem besonders schnell und heftig an. Das intensive Trainieren des inneren Beruhigungssystems hilft hier beim Regulieren.“

Fehlendes Selbstwertgefühl

Oft steckt dahinter, dass ein gutes Selbstwertgefühl fehlt. Dort setzten er und Hassan-Mansour den Hebel an. „Raus aus dem Tunnel und rechtzeitig gegensteuern“, ist die Strategie, die sie mit Gruppenteilnehmern trainieren. Auch festgefahrene Rollenbilder von Mann und Frau werden hinterfragt.

Im Freistaat gibt es nach Wargitschs Worten zehn weitere Fachstellen für Täterarbeit, die vom bayerischen Sozialministerium gefördert werden. Standorte sind unter anderem in Passau, Landshut und Ingolstadt – eine Konsequenz aus der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung häuslicher Gewalt, die zu Angeboten für Täter verpflichtet. Deutschland hat das völkerrechtliche Übereinkommen unterzeichnet.

„Watschn“ schadet nicht?

Viele Täter von heute waren in ihrer Kindheit selbst Opfer von Schlägen und Übergriffen. Wargitsch und Hassan-Massour müssen deshalb oft die Fehleinschätzung beseitigen, dass Gewalt normal ist. „Ich höre öfter: Mir hat die Watschn früher doch auch nicht geschadet“, sagt Hassan-Mansour. Oder: „Wenn ich Scheiß‘ gebaut habe, hatte ich eine Watschn verdient. Da lernt man was davon.“ Er hake dann immer nach, was wirklich positiv an der Gewalt gewesen sein soll. „Sie sorgt nicht für Respekt, sondern nur für Angst.“

Für Gruppenteilnehmer Martin S. wurde letztendlich die Nacht, in der er seiner Freundin ins Gesicht schlug, zur Zäsur. Auch wenn er bis heute beteuert, dass es ein Schlag in die Rippen werden sollte, der im Dunkeln danebenging. „Sie hat gesagt: Jetzt musst Du was machen. Sonst trenne ich mich.“

Aus der Dynamik gewalttätiger Beziehungen könnten Paare alleine kaum ausbrechen, sagt Wargitsch. Er verweist darauf, dass Konflikte in Deutschland an jedem dritten Tag so sehr eskalieren, dass eine Frau von ihrem Partner getötet wird. „Es ist ein sehr tabuisiertes und schambesetztes Thema.“ Was er sich wünschen würde? Dass jeder gewalttätige Mann die Kraft hat, nach Hilfe zu suchen – und er in diesem Fall auch unverzüglich fündig wird. „Es bräuchte in jedem Landkreis eine Anlaufstelle.“ Dafür wäre viel zu tun. Aktuell teilt sich Wargitsch seine Stelle mit einem Kollegen aus dem Anlaufpunkt in Weiden.

Trainingsprogramm gegen Gewalt

Fachstelle: Der Verein „Kontakt Regensburg“ ist Anlaufpunkt für Täter, die gegenüber ihren Frauen und Kindern nicht länger gewalttätig werden wollen. Die Männer lernen ihre Wut in Konfliktlagen auszuhalten und abzuschwächen. Für zur Gewalt neigende Frauen – im Vergleich zu Männern in der Minderzahl – gibt es individuelle Angebote. Infos unter (09 41) 378 008 21 (Dienstag bis Donnerstag), Anfragen auch unter ralf.wargitsch@kontakt-regensburg.de

Strategie: Ziel der Gruppenarbeit ist, dass die Männer Verantwortung für ihre Gewalttaten übernehmen. Sie sollen kritisch hinterfragen, wie sie ihre Übergriffe bisher sich selbst gegenüber gerechtfertigt haben. Wichtig ist, dass sie Empathie für ihre Opfer entwickeln. Das Verhaltenstraining, das sich insgesamt über eine Dauer von mindestens 50 Stunden verteilt und auf in der Regel ein halbes Jahr erstreckt, findet einmal wöchentlich am Abend statt.

Gewaltstatistik: Allein bei der Oberpfälzer Polizei wurden 2023 insgesamt 2073 Fälle von häuslicher Gewalt aktenkundig. Ein Plus von 3,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein Opfer kam zu Tode, vier Mal handelte es sich um versuchte Tötung, 29 Mal um Vergewaltigung. 267 mal drehten sich die Delikte um gefährliche oder schwere Körperverletzung. 329 Mal ging es um Bedrohung, 90 mal um Stalking. Drei Viertel der 1781 Verdächtigen waren Männer.

Helfen Männern, die zu Gewalt neigen: Ralf Wargitsch (l.) und Alexander Hassan-Mansour F.: is