Auch Regensburger Alleinerziehenden droht ein hohes Armutsrisiko

Von Marion Koller · 12. Juli 2024 um 15:00

41 Prozent der Alleinerziehenden sind auch in Regensburg gefährdet, wirtschaftlich abzurutschen. Bei Julia Wohlmann fiel plötzlich der Kita-Platz weg. Das hat drastische Folgen.

Julia Wohlmann weiß, was sie will, ist eloquent und sehr offen. Die 31-Jährige kennt die Ämter, die ihr helfen, und kann mit Formularen umgehen. Ihren Lebensunterhalt hat sie stets selbst verdient. Doch seit der Trennung von ihrem Partner gerät die Regensburgerin an Grenzen. „Wir Alleinerziehenden machen den Job zweier Elternteile, körperlich, geistig und emotional. Und wir sind von Armut betroffen, auch im Alter später“, erlebt sie.

Bis Januar hat die Heilerziehungspflegerin 35 Stunden in der Woche gearbeitet und ist finanziell über die Runden gekommen. Doch ihr Sohn (4) hat Hörprobleme und konnte nicht mehr in der großen, lauten Kita-Gruppe bleiben. Einen Platz in einer integrativen Einrichtung mit kleineren Gruppen hat die junge Mutter erst für den Herbst gefunden. Deshalb musste sie ihre Stelle kündigen und lebt vom Bürgergeld.

In einer Studie vom Juni stellt die Bertelsmann Stiftung fest, dass bundesweit 41 Prozent der Alleinerziehenden einkommensarm sind. Paarfamilien geht es finanziell deutlich besser. Laut Studie ist eine Alleinerziehende mit einem Kind armutsgefährdet, wenn weniger als 1546 Euro im Monat netto zur Verfügung stehen.

Kontrolle der Kontoauszüge

Bei Julia Wohlmann übernimmt das Jobcenter ein Jahr lang die Miete. Mit Transferleistungen und Unterhaltsvorschuss bleiben ihr monatlich 700 Euro netto. „Zum Glück kann ich mit Geld umgehen“, sagt sie. Die Abhängigkeit vom Amt setzt ihr zu. Das Jobcenter fordert stichprobenartig Kontoauszüge ein. „Um zu sehen, ob ich regelmäßige Zahlungen von jemandem kriege.“ Deshalb wage sie es nicht einmal mehr, die alte Kinderkleidung zu verkaufen. Die Erlöse wären in den Auszügen zu sehen.

110 Alleinerziehende bei Beratung der Caritas

In Regensburg sind die Diakonie und die Allgemeine Sozialberatung der Caritas wichtige Anlaufstellen. 2023 haben sich bei der Caritas 1100 Personen beraten lassen, etwa 110 davon waren Alleinerziehende. „Der häufigste Grund sind finanzielle Notlagen“, sagt die Sozialpädagogin Theresa Hilz. Es beginne schon damit, dass Alleinerziehende oft nur Teilzeit arbeiten können – mit weniger Gehalt. Häufig lassen sich die Frauen nach einer Trennung beraten, weil sie Miete und Strom nicht mehr bezahlen können oder eine Wohnung brauchen. Die Caritas hilft bei der Beantragung eines Wohnberechtigungsscheins, vermittelt Kontakte zu Wohnbaugenossenschaften und weiß, welche Finanzhilfen es gibt. Wohlmann vernetzt sich mit den „Regensburger Mamis“ auf Facebook. Sie vermisst aber eine Anlaufstelle, die umfassend berät, etwa nach einer strittigen Trennung.

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Laut Bertelsmann Stiftung lässt sich das Armutsrisiko bei der Mehrheit der Alleinerziehenden nicht auf mangelnde Erwerbstätigkeit zurückführen: 71 Prozent der Mütter arbeiten. Aber ausfallende Unterhaltszahlungen tragen weiterhin wesentlich zur schwierigen finanziellen Lage bei. „Trotz der Reform des Unterhaltsvorschusses und des Kinderzuschlags ist es nicht gelungen, die Situation entscheidend zu verbessern", sagt Expertin Antje Funcke.

Mamas im Dauereinsatz

Anna Z. erzieht ihre Tochter alleine. Ende Juli kommt das zweite Kind zur Welt. Die 35-Jährige war als Sprachfachkraft und Erzieherin tätig. Mit dem Nettogehalt von 1900 Euro und Transferleistungen konnte sie alles finanzieren. „Das Baby stürzt mich in eine sehr schwierige soziale und berufliche Situation“, befürchtet sie. Die Schwangerschaft war nicht geplant. Anna Z. findet es schwer erträglich, dass sie auf Hilfe angewiesen ist: Ob sie abends ausgehen oder einen Kurs besuchen möchte, sie braucht immer jemanden, der auf die fast Dreijährige aufpasst.

„Männer sollten vom Staat stärker in die Pflicht genommen werden“, fordert sie. Der Unterhalt sei gar nichts im Vergleich zum Dauereinsatz der Mütter. Die Bertelsmann Stiftung appelliert an die Politik, die Anreize für Väter zu erhöhen, damit sie mehr Verantwortung übernehmen. Um Armut bei Alleinerziehenden zu vermeiden, brauche es mehr Kita-Plätze, Ganztagsschule, flexible Arbeitszeiten und eine gute Kindergrundsicherung.

Julia Wohlmann freut sich auf den Herbst. Ihr Sohn besucht dann die Kita und sie fängt wieder als Erzieherin an.

Mit einem Kind sind 1546 Euro monatlich zu wenig

Armutsgefährdung: Menschen, die ein Nettoeinkommen (mit Transferleistungen) unter bestimmten Schwellen beziehen, gelten laut Bertelsmann Stiftung als armutsgefährdet. Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren sind armutsgefährdet mit weniger als 1546 Euro monatlich; mit zwei Kindern unter 14 Jahren: 1903 Euro; mit drei Kindern – zwei unter und eins über 14 Jahren: 2498 Euro. Sie verfügen über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte. (Daten von 2022). 71 Prozent der alleinerziehenden Mütter arbeiten.

Bayern: Im Freistaat gelten 14,3 Prozent der unter 18-Jährigen als armutsgefährdet. Die Bertelsmann Stiftung stützt sich bei der Erhebung auf Statistische Ämter von Bund und Ländern.

Antje Funcke, Forscherin bei der Bertelsmann Stiftung, sagt, dass alleinerziehende Mütter im Wochenschnitt 15 Stunden mehr Care-Arbeit als die Väter erbringen. Foto: Fotostudio Clemens/Bertelsmann Stiftung