Bad Kötzting verliert ein Traditions-Geschäft: Im Januar schließt die Drogerie Kretschmer

Seit 66 Jahren arbeitet Marianne Kretschmer in der gleichnamigen Drogerie in der Innenstadt von Bad Kötzting (Landkreis Cham). In dieser Zeit hat sich vieles geändert. Im Gespräch geht es auch darüber, als niemand selbst einen Fotoapparat hatte, die Drogerie Salzsäure verkaufte, und wie Pfingsten sie und ihren Mann Werner zusammenbrachte.
Ab Montag beginnt der Ausverkauf in der Drogerie Kretschmer. Vor 71 Jahren hatte Werner Kretschmer das bestehende Geschäft übernommen und ab 1958 gemeinsam mit seiner Frau Marianne ausgebaut. Werner Kretschmer starb 1981, seitdem führt Marianne Kretschmer das Geschäft alleine, mit heute 88 Jahren. 66 Jahre in der Drogerie sind es insgesamt, auf die sie zurückblicken kann.
Eigentlich war sie Fachlehrerin für Hauswirtschaft, Handarbeiten und Sport. Doch – wie könnte es in Bad Kötzting anders sein? – es kam die Pfingst-Tradition irgendwie dazwischen. 1956 war Marianne Greß Pfingstbraut an der Seite von Georg Barth. Werner Kretschmer stammte zwar nicht aus der Stadt, hatte aber dennoch (oder vielleicht sogar genau deswegen) eine besondere Verbindung zum Pfingstbrauchtum der Stadt.
Drogerie war Zufall
Als der aus Görlitz stammende Kretschmer in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in den damaligen Markt Kötzting kam, hatte er erst einmal das Problem sehr vieler Menschen: keine Arbeit und wenig Perspektive. Ohne entsprechende Ausbildung fand er Anstellung in der Drogerie, die damals der Familie Baumeister gehörte. Wobei eine Medizinal-Drogerie noch etwas anderes gewesen sei als das, was man heute kenne, sagt Marianne Kretschmer. Zu kaufen gab es weniger Kosmetika, dafür in heutigen Zeiten eher ausgefallene Waren wie Salzsäure oder selbsthergestellte Salben aller Art, Windeln, Milupa Babynahrung oder 4711 waren Hauptartikel, aber auch abgefüllte Tees.
Artikel, die die junge Marianne Greß – ohnehin in dieser Zeit überwiegend im Internat – wohl nicht unbedingt in die Drogerie geführt hätten. Doch Werner Kretschmer hatte eine Leidenschaft, die ihn mit der jungen Pfingstbraut zusammenbrachte: die Fotografie. Als er 1954 nach dem Tod von Gottlieb Baumeister das Geschäft übernahm, habe er als eine der ersten Neuerungen ein Foto-Labor eingerichtet. Was in den folgenden Jahrzehnten entstanden ist, kann wohl als nicht weniger als das größte private Fotoarchiv der Stadt bezeichnet werden.
Kretschmer habe nicht nur die Marktlücke erkannt, Filme für Einheimische und Touristen zu entwickeln, sondern auch, dass zu damaliger Zeit ein Fotoapparat in Privathaushalten die Ausnahme war. Bis zu seinem Tod 1981 dokumentierte er alle Feste, die es im Ort gegeben hatte, und dazu gehörte selbstverständlich auch das Pfingstgeschehen 1956.
1958 heirateten Marianne und Werner Kretschmer. Seit dieser Zeit steht sie selbst fast täglich im Geschäft. 1966 konnten beide das Gebäude erwerben. In den 1970ern kam ein Kosmetikstudio dazu, das Café Regina, das in den Nachkriegsjahren noch einen Teil der Fläche belegt hatte, war zwischenzeitlich geschlossen worden. Unvergessen sind nicht nur bei den Bad Kötztingern außerdem die Schaufensterscheiben, die sich an Pfingsten immer in eine Ausstellung für das Pfingstbrautpaar und die Pfingstreiter verwandelten, in dem unzählige Fotos vom Geschehen rund um die Festtage zu sehen waren. Ab 1981 führte Marianne Kretschmer die Dokumentation, die ihr Mann begonnen hatte, bis 2022 fort.
Nach über sechs Jahrzehnten, selbst 88 Jahre alt, sei es nun aber an der Zeit zu schließen, sagt sie. Nach über 100 Jahren habe sich kein Nachfolger für das Traditions-Geschäft gefunden, das in früheren Jahren sogar Niederlassungen in Lam und Bodenmais mit insgesamt 14 Mitarbeitern und zwei bis drei Lehrlingen pro Jahr betrieben hatte. Andere Geschäfte mit Angeboten für Fotografien oder Parfüm kamen und gingen in dieser Zeit, geblieben ist die Drogerie Kretschmer. Marianne Kretschmer weiß um die Probleme des Einzelhandels, die sich weiter verstärkt hätten.
Viel zu tun im Archiv
Aktuell sind noch fünf Mitarbeiter beschäftigt, von denen zwei das Rentenalter aber ohnehin bereits erreicht hätten. Klar sei es ihr ein Anliegen, die Räume nach der Schließung zum Jahreswechsel mit Leben, also einem neuen Geschäft zu füllen. Interessenten hab es schon gegeben, doch das liege noch in der Zukunft. Nun gehe es ab Montag erst einmal darum, den Warenbestand an die Kunden zu bringen. Das Fußpflegestudio im ersten Stock, das bleibe aber übrigens auch nach der Schließung der Drogerie im Erdgeschoss bestehen, sagt Marianne Kretschmer.
Dass es nicht nur für die Kunden, sondern auch für sie selbst eine „große Umstellung“ sein werde, erwarte sie mit dem Jahreswechsel selbstverständlich auch. Bei guter Gesundheit freue sie sich nun aber auch darauf, Zeit für Dinge zu haben, die neben der Arbeit im Geschäft in den vergangenen Jahrzehnten hintanstehen mussten. So auch die Arbeit am hauseigenen Archiv, das unzählige Negative, Fotos und Dias umfasst. Viele Teile seien digitalisiert und geordnet, aber weit nicht alles – und darin finden sich sicher noch wahre Schätze der Heimatgeschichte aus über 70 Jahren.
Gegründet vor über 100 Jahren
1922: Vor 102 Jahren gründet der Drogist Scheible das noch bis Ende des Jahres bestehende Geschäft im Ortskern des damaligen Marktes Kötzting in der Marktstraße.
1937: Gottlieb Baumeister übernimmt das Geschäft und zieht damit an den heutigen Standort an der Kreuzung Herren- und Müllerstraße.
1954: Werner Kretschmer übernimmt das Geschäft und erweitert das Angebot gleich um ein Schwarz-Weiß-Fotolabor.
1958: Marianne Kretschmer arbeitet in der Drogerie ihres Mannes mit, die zwischenzeitlich sogar Niederlassungen in Lam und Bodenmais betrieben hat.
2025: Nach über 102 Jahren schließt die Drogerie.


