Neue alte Debatte: Dürfen Regensburger Gastronomen ihre Freisitze beheizen?

Von Rainer Wendl · 1. November 2024 um 19:00

In der Energiekrise war das Thema vom Tisch, doch jetzt gibt es einen neuen Vorstoß für beheizbare Freisitze. Die Reaktionen sind unterschiedlich – und teils harsch.

Sollen die Freisitzflächen in der Altstadt in der kalten Jahreszeit beheizt werden dürfen? Vor zwei Jahren war die Antwort auf diese Frage angesichts des damals noch jungen Kriegs in der Ukraine und der als Folge befürchteten Energiekrise ein klares „Nein“.

Mittlerweile wird mit dem Thema Energie aber längst wieder sorgloser umgegangen, vor einem Jahr kehrte die Stadt zum Beispiel zur abendlichen Beleuchtung des Doms und weiterer Baudenkmäler zurück. Ist daher auch der Einsatz von Heizgeräten an Freisitzen salonfähig?

Die Stadtratsfraktionen von CSU, FDP und CSB-Einzelstadtrat Christian Janele finden dies schon. Für die Sitzung des Planungsausschusses am Dienstag haben sie unter der Überschrift „Altstadt im Winterschlaf?“ einen Antrag zur Zulassung von wärmenden Strahlern und vergleichbaren technischen Geräten gestellt.

Ökostrom als Bedingung

Die einzige Bedingung für deren Einsatz soll sein, dass sie mit Biogas oder Ökostrom betrieben werden. Die Antragsteller erhoffen sich davon positive Effekte für Gastronomie, Wirtschaft und Tourismus sowie Arbeitsplatzsicherheit für das Personal von Lokalen und allzeit frische Luft für die Gäste.

Zu den „Umweltaspekten“ wird angeführt, dass moderne Heizstrahler gezielt Wärme abgeben und nicht die ganze Umgebung aufheizen würden. Zudem seien sie flexibel einsetzbar und könnten je nach Bedarf ein- und ausgeschaltet werden. „Für alle ein Gewinn“, lautet der Schlusssatz des Antrags.

„Da bleibt einem die Spucke weg“

„Wie so oft beim Thema Klimaschutz bleibt einem die Spucke weg“, sagt hingegen Raimund Schoberer Kreisvorsitzender vom Bund Naturschutz. Er verweist auf den Klimawandel und seine in ganz Europa und auch direkt in Regensburg bereits spürbaren Folgen.

Jeder Einzelne müsse sich fragen, ob er beim Klimaschutz Teil der Lösung oder Teil des Problems sein wolle. Für Schoberer steht fest: „Heizpilze sind ein Symbol für Klimazerstörung aus Spaß an der Freude.“ Er appelliert deshalb an die Antragsteller, diesen Antrag schnellstmöglich zurückzuziehen.

Die Öko-Parteien im Stadtrat sind erwartungsgemäß der gleichen Meinung. „Wir gehen da nicht mit“, hat sich Grünen-Fraktionschef Daniel Gaittet bereits festgelegt. Für ihn ist das Erwärmen von Außenluft Energieverschwendung, daran ändere auch eine nachhaltige Herkunft nichts. „Wenn einer seine Wohnung voll aufheizt und dann alle Fenster aufreißt und nach draußen schreit ,Ich heize aber mit Biogas’, würde das auch niemand verstehen.“

Benedikt Suttner (ÖDP) erinnert daran, dass das Beheizen von Freisitzen zur Milderung der Corona-Folgen für die Gastronomie kurzzeitig erlaubt war. „Das ist längst Geschichte, die städtischen Zielsetzungen bezüglich unserer Klimaziele sind aber weiterhin aktuell und müssen konsequent verfolgt werden“, betont er. Heizpilze seien hier kontraproduktiv, weshalb die ÖDP den Antrag ablehnen werde.

Umwelt-Bürgermeister ist dagegen

Nahezu identisch äußert sich Umwelt-Bürgermeister Ludwig Artinger (Freie Wähler): Die Gastronomie habe in der Corona-Krise zahlreiche Hilfen erhalten – „doch jetzt ist Corona vorbei, und es sollten wieder Belange des Umweltschutzes Vorrang haben“, sagt er. „So etwas passt nicht in die Zeit, wenn Energie, sei es auch grüne Energie, einfach in die Luft geblasen wird.“

Dem Argument der Antragsteller, wonach auch andere Großstädte Heizstrahler auf Freisitzflächen erlaubt hätten und gut damit gefahren sein, hält der Bürgermeister entgegen: „Ich hab mich vorab umgehört. In Bayern gibt es mit Fürth nur eine einzige Großstadt, die das gemacht hat.“

Den vorliegenden Antrag ablehnen wird voraussichtlich auch die SPD-Fraktion, wenngleich deren Vorsitzender Thomas Burger die Vorteile für Saisonarbeitskräfte oder den besseren Infektionsschutz im Freien durchaus als relevante Punkte sieht. „Mit einer Beschränkung auf bestimmte Formen der Infrarotheizungen, die nicht die Umgebungsluft, sondern effizient lediglich die angestrahlten Körper erwärmen, könnte man in Verbindung mit Bewegungsmeldern und Leistungsbeschränkungen oder sogar einer besonderen Vergütung der Wärmeleistung durchaus eine durchdachte Lösung entwickeln“, meint er.

Die Freiluft-Cafés – Kiosk am Neupfarrplatz und Milchschwammerl – sind nicht beheizt

Doch dazu seien ein längerer zeitlicher Vorlauf und eine intensivere Befassung mit dem Thema nötig. Den aktuellen Antrag bezeichnet Burger als einen „wenig durchdachten und nach Beifall heischenden Schnellschuss – lieblos und nicht sonderlich kreativ“.

Florian Rottke von der Brücke-Fraktion betreibt mit dem Kiosk am Neupfarrplatz sowie dem Milchschwammerl selbst zwei Freiluft-Cafés, die auch im Winter geöffnet haben. Wie gehabt wird er hier auf eine Beheizung verzichten, „weil ich es ökologisch nicht für sinnvoll halte“. Dennoch tendieren er und seine Fraktionskollegen zu der Haltung, den Gastronomen diese Entscheidung selbst zu überlassen: „Wir wollen noch die Debatte abwarten, aber höchstwahrscheinlich werden wir zustimmen.“

Gastronomie ist gespalten

So hat der Antrag am Dienstag durchaus eine Chance, es könnte zu einer äußerst knappen Entscheidung kommen. In der Gastronomie gibt es zu diesem Thema seit jeher geteilte Meinungen. Die einen lehnen das Beheizen von Freisitzen aus Gründen der Umwelt und Moral ab und verteilen lieber Decken und Wärmflaschen, andere sehen die Sache nonchalanter.

„Man könnte doch auch mal Fünfe grade sein lassen und sich freuen, dass die Stadt belebt ist“, sagte beispielsweise im letzten Winter Merlin Szabo vom Café Lorraine beim Dachauplatz-Parkhaus. Er nutzt Heizstrahler und darf das auch – sein Lokal steht nämlich auf Privatgrund. Hier hat nicht die Stadt, sondern das Tochterunternehmen Stadtwerk das Sagen.