Wer war Wilhelm Seidl aus Furth im Wald, der nach dem 2. Weltkrieg Flüchtenden aus dem Osten half?

Von Alexander Frimberger · 29. Oktober 2024 um 11:00

Es waren die Taten mutiger Männer, die es nach dem 2. Weltkrieg Flüchtenden ermöglichten, in den Westen zu fliehen. Einer davon hieß Wilhelm (Willi) Seidl. Er lebte zeitweise in Furth im Wald und später in Cham, wo er ein stadtbekanntes Café betrieben haben soll.

Tragische Hauptperson der Geschehnisse, die sich ab Februar 1948 an der bayerisch-böhmischen Grenze zugetragen haben, ist aber ein Polizist namens Stanislav Liska.

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Wie die Forschende Vaclava Jandeckova im Rahmen eines Vortrags im Georgssaal ausführte, war er Polizist in Neumark, dem heutigen Vseruby.

Ein amerikanischer Agent

Der Ort liegt über der Grenze unweit von Eschlkam. Von dort betrieb Liska ein doppeltes Spiel. Aus Angst um seine Familie beteiligte er sich an der Aktion Kamen, einem perfiden Plan, Staatsfeinde, die flüchten wollten, zu schnappen und dingfest zu machen.

Andererseits schleuste er an anderen Tagen tatsächlich Menschen über die Grenze in den Westen (wir berichteten). Hier kommt Verbindungsmann Willi Seidl ins Spiel. Im Rahmen ihres Vortrags sagte Jandeckova: „Liska arbeitete eng mit dem Sudetendeutschen Willi Seidl, einem amerikanischen Agenten, zusammen, von dem er nachrichtendienstliche Informationen für seine Vorgesetzten erhielt.“ Er soll zur damaligen Zeit in Furth im Wald gewohnt haben. Mehr, so die Forscherin, habe sie im Rahmen ihrer Recherche nicht in Erfahrung bringen können.

Doch schon nach dem Vortrag wurde Katharina Drescher-Seidl, Kulturwissenschaftlerin im Dienste der Stadt Furth im Wald, von einem Zuhörer angesprochen. Demnach war ein Freund von ihm zu Jugendzeiten häufig Gast im damals angesagten Café Seidl. Der Inhaber ist demnach im Jahr 1984 verstorben. Der Informant gibt weiter an: „Laut dessen eigenen Angaben im Gasthaus war Seidl im 2. Weltkrieg Panzerführer der Wehrmacht und ist dabei im Osten eingesetzt gewesen. Laut meinem Freund hat er öfter aus dieser Zeit im Gasthaus erzählt. Mein Freund kann sich durchaus eine Tätigkeit Seidls in Zusammenhang in dem im Vortrag angesprochenen Milieus vorstellen.“

Auf Initiative unserer Zeitung ist Fred Wutz, Mitarbeiter im Stadtarchiv, auf die Suche gegangen und hat viel über den mutigen Willi Seidl in Erfahrung gebracht. Geboren ist er am 26. Dezember 1911 in Neumark, römisch katholisch getauft, hat er den Beruf eines Kaufmanns ergriffen. Seine Eltern waren Siegfried Seidl (geboren in Neumark) und Josefa Seidl (Geborene Siller, geboren in München). In erster Ehe war er mit der am 2. Juni 1912 in Pilsen geborenen Marta Schkarda (Schreibweise unklar) verheiratet. Nach der Scheidung am 15. Dezember 1952 durch das Landgericht Amberg blieben Marta und die aus der Ehe hervorgegangenen Kinder Eva (14. Juni 1937) und Willi (25. August 1938) in Neumark. Weiter konnte Fred Wutz recherchieren, dass Willi Seidl am 3. Februar 1948 von Rimbach nach Furth im Wald gezogen ist und zunächst in der im Josefshaus in der Kreuzkirchstraße 97 gewohnt hat. Später zog er in die Konrad-Utz-Straße um.

Laut Wutz liegt die Vermutung nahe, dass er in der Wohnung der zukünftigen Schwiegereltern untergekommen ist, die unter der identischen Adresse geführt werden. Seine spätere Frau, Erna Zilker (geboren am 2. September 1923 in Waldmünchen) kam mit ihren Eltern Johann Zilker (23. Juli 1893 in Waldmünchen) und Franziska Zilker (11. November 1897 in Schönthal) am 9. Dezember 1927 aus Herzogau nach Furth im Wald.

1953 nach Cham gezogen

Am 10. Juli 1939 zog die junge Frau wieder nach Herzogau und war vom 1. Juli 1940 bis zum 10. Oktober 1941 beim Reichsarbeitsdienst beschäftigt. Am 26. Oktober 1942 kehrte sie aus München nach Furth im Wald zurück.

Gabriele Gertrud Zilker (geboren am 10. Oktober 1952 in Furth im Wald), Kind aus zweiter Ehe, erhielt den Namen Seidl nach der Eheschließung ihrer Eltern am 27. Dezember 1952. Schließlich ist die kleine Familie am 15. Mai 1953 nach Cham in die Ludwigstraße 3 umgezogen. Im Rahmen seiner Nachforschungen ist Fred Wutz noch auf weitere familiäre Spuren in Waldmünchen gestoßen, diese müssen aber erst noch verifiziert werden.

Aktion Kamen

In ihrem als Comic gestalteten Buch zur Aktion Kamen schreibt die Autorin Vaclava Jandeckova: „An mehreren Orten im südwestlichen Grenzgebiet der Tschechoslowakei wurden vorgezogene fiktive Grenzanlagen mit scheinbar deutschen Zollämtern und Büros der amerikanischen Spionageabwehr eingerichtet. Für flüchtende Neuankömmlinge waren dies perfekt ausgeklügelte Fallen. In den penibel eingerichteten Büros hingen Portraits amerikanischer Präsidenten sowie amerikanische Flaggen. Die Flüchtlinge wurden mit amerikanischen Zigaretten und Getränken getäuscht.“

Stanislav Liska (im Bild) hatte Hilfe von Seidl Foto: Vaclava Jandeckova