„Schmeißen Säcke vor unsere Tür“: Regensburger sauer wegen Müllsäcken aus dem Landkreis

Von Christian Eckl · 28. Oktober 2024 um 05:00

Zwei verschiedene Entsorgungssysteme sorgen für kuriose Auswüchse an der Grenze zwischen Stadt und Landkreis Regensburg. Anwohner auf den Winzerer Höhen klagen über illegal abgelegte Müllsäcke. Sie haben Beweise aufgezeichnet.

Stadt und Landkreis wachsen immer weiter zusammen. Wer von Schwabelweis nach Tegernheim fährt, der merkt kaum, dass er die Kommune wechselt. Jeden Tag pendeln 70.000 Menschen ins Stadtgebiet, die meisten davon dürften aus einer Landkreis-Gemeinde kommen, wo sie leben. Andersrum ziehen viele Städter aufs Land, wenn sie Kinder bekommen und ein Haus bauen. Merken sollte man den Unterschied eigentlich nicht.

Doch halt: Da gibt es etwas, was Stadt und Landkreis historisch auseinanderdividiert – das Müllsystem. Während die Landkreis-Bewohner ihren Verpackungsmüll auf einen der etwa 40 Wertstoffhöfe bringen müssen, zumindest bis eine Gelbe Tonne eingeführt wird, stellen die Städter zweimal im Monat einfach gelbe Säcke vor die Haustür – der Entsorger holt sie ab.

Historisch gewachsen ist das deshalb, weil man in der Stadt bei der Einführung des Dualen Systems der Ansicht war, es führe zu Verkehrschaos, wenn man die Städter immer samstags die Wertstoffhöfe anfahren müssten. Auf dem städtischen Wertstoffhof, den es für Abfälle wie Sperrmüll gibt, der in Regensburg nicht abgeholt wird, kontrollieren die Aufseher auch streng und fischen Autos mit Landkreis-Nummernschilder raus.

Die Folgen zweier unterschiedlicher Mülltrennungs-Systeme bekommen allerdings Anwohner auf den Winzerer Höhen und im Stadtteil Winzer alle zwei Wochen ab. Und: Sie haben Beweise aufgezeichnet. „Immer kurz vor dem Abholungstermin kommen Autos mit Landkreis-Kennzeichen und schmeißen Säcke vor unsere Tür“, sagt einer der Anwohner. In der Tat belegen Videoaufzeichnungen, wie sich beispielsweise ein Fahrzeug nähert, anhält – eine Frau steigt aus und nimmt zwei prall gefüllte Säcke aus dem Kofferraum. Die wirft sie dann einfach vor die Seidenplantage. „Letzte Woche waren es zehn oder 15 Säcke“, sagt der Anwohner, der namentlich nicht genannt werden möchte.

„Ablagerung ist Straftat“

„Bei der Stadt hat man zu mir zwar gesagt, dass es sich um eine Straftat handelt – immerhin haben wir hier oben ein Landschaftsschutz- und teilweise sogar ein Naturschutzgebiet.“ Doch wer ahndet das schon? „Unten in Winzer ist es noch schlimmer“, sagt der Anwohner. Dort türmten sich bis zu 40 Säcke. „Wir haben den Verdacht, dass die im Landkreis wohnen und in der Stadt arbeiten würden.“ Die Säcke selbst seien ohne weiteres zu besorgen. „Da sparen sie sich den Weg in die Wertstoffhöfe, die ja nur zu bestimmten Zeiten offen und zu den Stoßzeiten großen Zulauf haben“, sagt der Anwohner. Zudem müssen Landkreis-Bewohner sogar unterschiedliche Verpackungsmaterialien trennen, während die Städter alles in eine Sack werfen.

De Anwohner sind auch deshalb sauer, weil sie mit ihren Müllgebühren den Abtransport des Landkreis-Mülls mitbezahlen würden. „Auch wenn die Entsorgungsfirma die Säcke mitnimmt“, sagt der Anwohner. „Das kostet Gebühr!“

Doch was sagen eigentlich Stadt und Landkreis zu den Vorwürfen der Anwohner auf den Winzerer Höhen? „Bei den auf dem Foto abgebildeten Säcken handelt es sich offensichtlich um Verpackungsmaterial, das in Kunststoffsäcken zur Abholung bereitgestellt wurde.“ Die Stadt entsorge die in ihrem Stadtgebiet anfallenden Abfälle aus privaten Haushalten. Die Säcke dürften maximal 24 Stunden vor der Abholung vor die Tür gestellt werden. „Das System der Gelben Säcke in der Stadt wird vom privatwirtschaftlichen Dualen System organisiert“, sagt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra. Die Dualen Systeme beauftragen ihrerseits Entsorger mit dem Einsammeln der Verpackungen vor Ort. „Für Stadt ist die Firma Meindl Entsorgungsservice GmbH Halter dieser Verträge.“ Die Abfallwirtschaft des Landkreises biete ebenso Entsorgungssysteme für ihre Bürgerinnen und Bürger an. „Das Ablegen von Müllsäcken aus dem Landkreis auf städtischem Grund ist nicht erlaubt“, sagt die Sprecherin weiter. „Kontrollen sind jedoch nur schwer durchführbar und oftmals fehlen konkrete Zeugenaussagen.“

„Kontrolle nicht umsetzbar“

Schätzungen über die Mengen an Müll, die aus dem Landkreis in die Stadt gebracht würden, liegen dieser allerdings nicht vor. „Leider kommt es immer mal wieder an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet vor, dass Müllsäcke unerlaubterweise irgendwo hingestellt werden.“ Von einem stadtweiten Dauerproblem könne jedoch nicht gesprochen werden.

„Soweit es zutreffen sollte, dass vereinzelt Landkreisbürger Abfälle auf städtischem Gebiet entsorgen, ist dies laut Abfallwirtschaftssatzung ein rechtswidriges Verhalten“, sagt zwar auch Landratsamts-Sprecher Hans Fichtl. Aber: „Eine Kontrolle ist in der Praxis jedoch schwierig umsetzbar.“ Die Abfallwirtschaft des Landkreises biete ein – über Jahre kontinuierlich weiter entwickeltes – hochwertiges und umfangreiches Entsorgungssystem an, „das allen Bürgerinnen und Bürgern eine komfortable und kostengünstige Entsorgung ihrer Abfälle ermöglicht“, teilt Fichtl weiter mit. „Welche Motive für diese Art der Müllentsorgung maßgeblich sind, ist offen. Ob sich diese Einzelfälle auch nach der möglichen Einführung eines Landkreis-Holsystems für Verkaufsverpackungen wiederholen, kann daher aus Sicht der Abfallwirtschaft nicht beurteilt werden.“ Denn irgendwann bekommen die Landkreis-Bewohner sie ja, die Gelbe Tonne.

Zwei Kommunen, zwei Müllsysteme:

Beschluss: Der Kreistag hat bereits im März 2023 beschlossen, die Gelbe Tonne einzuführen und damit vom Bring- auf ein Hohlsystem umzustellen. Aber: Fünf sogenannte Duale Systeme, also Verwerterfirmen, haben dagegen geklagt. Nun muss zunächst das Verwaltungsgericht entscheiden und dann wahrscheinlich der VGH.

Retourkutsche: Die Klage der Winzerer über wilden Müll ist verständlich. Aber: Wie ein Pettendorfer sagt, soll so mancher Winzerer auch den Wertstoffhof in Kneiting nutzen. Zudem ist die Abholung von Sperrmüll im Landkreis kostenlos. Bei manchen Sperrmüllbergen besteht der Verdacht, dass sie auch von Städtern angehäuft wurden.

Bilder einer Kamera zeigen ein Fahrzeug und eine Frau aus dem Landkreis mit Müllsäcken. Foto: privat