Hochzeit früher und heute: Warum Paare heiraten und was sie sich von der Ehe versprechen

Von Lena Michalowski, Marie Kristin Nebel · 27. Oktober 2024 um 09:21

Warum zwei Menschen entscheiden zu heiraten, hat unterschiedliche Gründe. Es geht um Romantik, Tradition, Glaube oder auch Pragmatismus. Zwei Paare erzählen von ihrem Ansporn und ihrer Heirat. Eine Hochzeit liegt erst wenige Monate zurück, die andere mehr als 50 Jahre.

Gesellschaftlicher Strukturwandel und Werteverschiebung sind die Stichworte. Lange war die Ehe eine notwendige Institution – für Frauen geradezu unumgänglich. Der Mann agierte als finanzieller Versorger, die Frau übernahm Haushalt und Kindererziehung. Vertragliche Arbeitsteilung wenn man so will.

Klassische Rollenverteilung bröckelte mit den Babyboomern

Mit den Babyboomern begann diese klassische Rollenverteilung langsam aber sicher zu bröckeln. Man heiratete zwar immer noch aus Tradition, aber weniger, weil die Frau vom Mann abhängig war. Die Ehe stand – und steht – für Loyalität, Familiengründung, Ernsthaftigkeit, Verantwortung und romantische Liebe.

Heutzutage rückt der kirchliche und traditionelle Aspekt einer Heirat in den Hintergrund. In den vergangenen vier Jahren sind Kirchenaustritte rasant angestiegen und kontinuierlich auf einen neuen Negativrekord zugesteuert. Auch die kirchlichen Trauungen nehmen stetig ab – wenn auch nicht ganz so deutlich. Waren es vor zehn Jahren beispielsweise noch mehr als 44.000 katholische Trauungen, so waren es 2023 nur noch etwa 27.500. Hochzeiten an sich sind weiter verbreitet – nur eben häufig ohne die Kirche.

Katja und Mickey: Pragmatische Hochzeit und ein Schuss Romantik

Nur standesamtlich heirateten auch Katja und Mickey (37 und 32 Jahre) aus Regensburg. Sie interpretieren die Ehe ziemlich modern – trotzdem blieb auch ein Funken Tradition und Romantik nicht aus. Die beiden lernten sich 2021 über Tinder kennen. Schnell entstand daraus eine Beziehung, sie zogen zusammen und im Oktober 2023 war es dann so weit: Das Thema Hochzeit kam zur Sprache. „Wir haben am Küchentisch über die Möglichkeit gesprochen, zu heiraten““, erinnert sich Katja. „Da ging es glaub ich um die Krankenversicherung“, sagt Mickey. „Ziemlich unromantisch“, sagt Katja und lacht.

Die beiden sitzen in ihrer über 100 Quadratmeter großen Altbauwohnung im Regensburger Osten – die erst vier Wochen alte Josefine liegt auf Katjas Brust. „Wir waren uns einig, dass wir es uns beide vorstellen können zu heiraten und damit waren wir dann verlobt.“ Etwa fünfeinhalb Monate später war es so weit. Mickey und Katja heirateten vor dem Regensburger Standesamt – im engsten Kreis. Danach ging es noch ins Museumscafé zum Essen und netten Beisamensitzen.

Mickey habe hauptsächlich aus pragmatischen Gründe geheiratet, erzählt er, finanzielle und soziale Vorteile stehen im Vordergrund. „Natürlich ist das auch ein extra Commitment (dt.: Bekennung, Verpflichtung), trotzdem ändert das nichts an der Qualität unsere Beziehung.“ Das gemeinsame Kind bedeute ihm auch für ihre Beziehung viel mehr. Damit habe er einen Schritt gemacht, der die Beziehung extrem festige und für ihn „wahnsinnig wertvoll“ macht. Katja sieht das ähnlich, und trotzdem war die scheinbar unromantische Verlobung für sie emotional. „Das war eine Verlobung auf Augenhöhe, ein gemeinsamer Wunsch, den wir ausgesprochen haben – das hat zu uns gepasst“, sagt sie. Und so beschreiben die beiden auch ihren Hochzeitstag: Unaufgeregt und entspannt. „Am Abend waren wir sogar noch beim Geburtsvorbereitungskurs“ erzählt Mickey lachend. „Das war echt ein wilder Tag.“

Ein klein wenig Tradition war ihnen – vor allem Katja – trotzdem wichtig: Sie trugen Brautkleid und Anzug, Katja war beim Friseur und hat sich schminken lassen. Eheringe tragen die beiden auch.

Zu den Ringen hat Mickey eine ziemlich lustige Geschichte parat: Als er die gravierten Ringe im Donaueinkaufszentrum (DEZ) abgeholt hat, kam er mit seinem Ring am Finger nach Hause. Als er Katja dann auch ihren Ring zeigen wollte, stutze er. Überall wo er schaute – Tasche, Auto, Jacke – nirgendwo konnte er den Ring finden. „Da ist schon leichte Panik aufgekommen“, erzählt der 32-Jährige. Dann habe er sich direkt aufs Rad geschwungen und ist den Weg bis zum DEZ abgefahren, bis er auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums angekommen war. Und dort entdeckte er dann – ziemlich zerfleddert – die Schatulle von Katjas Ring. Aber Glück im Unglück: Der Ring war heil geblieben. Mickey selbst war wohl mit dem Auto darüber gefahren, glaubt er. Seine Interpretation: „Unsere Beziehung ist unzerstörbar“, sagt er mit einem Grinsen auf dem Gesicht.

Auch beim Thema Nachname schlagen die beiden einen modernen Weg ein: „Wir konnten uns zuerst nicht einigen und deswegen haben wir gesagt, wir knobeln es aus“, erzählt Mickey. Er habe gewonnen. „Nach einem kurzen Siegesrausch ist mir aufgefallen, dass es mir eigentlich gar nicht so wichtig ist“, sagt er. Deswegen heißen die beiden jetzt Ertl – Katjas Nachname.

Marieluise und Hans: Kirchliche Hochzeit im kleinen Kreis

Bei Marieluise und Hans Graßl aus Blaibach (Landkreis Cham) ging alles ziemlich schnell. Kennengelernt haben sich die beiden beim Tanzen. Marieluise war da gerade mal 15 Jahre alt – und bekam den großen jungen Mann mit den dunklen Haaren nicht mehr aus dem Kopf. Hans ging es ganz ähnlich. „Ich habe gewusst, das ist die Frau für mich“, erinnert er sich. Doch bevor die beiden zueinanderfinden konnten, galt es, ein paar Steine aus dem Weg zu rollen. Der härteste Brocken: Marieluises Vater war gegen die Verbindung. „Ich war nicht der gewünschte Schwiegersohn“, sagt Hans. Er arbeitete damals als Postbeamter und Marieluises Vater – sie war Einzelkind – suchte einen Nachfolger für sein Autohaus. Aus Liebe zu Marieluise schulte Hans um. Ihm konnte es nämlich nicht schnell genug gehen: „Ich dachte mir, ich muss sie so schnell wie möglich heiraten, sonst kriege ich sie nicht mehr“. Auch Marieluise war sich bei Hans ganz sicher – sie wäre auch bei ihm geblieben, wenn er nicht umgelernt hätte. „Ich wäre mit meinem Hans überall hingegangen“, sagt sie. Doch das war schlussendlich nicht nötig. Der Vater akzeptierte die Entscheidung seiner Tochter – auch wenn es, bis aus ihm und Hans echte Freunde wurden, noch fünfzehn Jahre gedauert hat.

Kirchlich geheiratet haben Hans und Marieluise schließlich am 29. Januar 1972, nur einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag. Die Trauung fand im kleinen Kreis mit ihren Familien und den engsten Freunden statt – auch, weil Hans Bruder nur sechs Wochen zuvor tödlich verunglückt war. Verschieben wollten Marieluise und Hans ihre Hochzeit aber nicht. Zum Start ins Eheleben gab es erst einmal Krach. Auslöser war der alte Brauch des Brautstehlens. Obwohl Marieluise und Hans das eigentlich nicht wollten, „entführten“ Verwandte und Freunde die Braut in ein nahegelegenes Wirtshaus. Dort wartete Marieluise auf ihren Hans. Und was tat der? „Er fuhr mit dem VW-Käfer seines Bruders an mir vorbei und hat nur gewunken.“ Das hat Marieluise gar nicht gefallen, sie saß am Fenster und vergoss an ihrem Hochzeitstag bittere Tränen. „So hat die Ehe also begonnen“, sagt Marieluise. Sie hat ihm vergeben – am allerersten Ehetag und bis heute immer wieder. Und Hans ihr genauso. Sie seien verschieden, aber beide dickköpfig, sagt Marieluise. Das könne doch nicht gutgehen! Oder? Doch, für sie sei das Gegenteil sei der Fall: „Unterschiedlichkeit ist unsere Stärke“. Dass es mal Krisen gebe, sei ganz normal. „ Es gibt keine Ehe, die nicht irgendwann einmal vor der Wand steht“, sagt Hans.

Inzwischen liegt die Hochzeit von Hans und Marieluise mehr als 50 Jahre zurück, acht Kinder und 18 Enkel haben die beiden. Alle acht Kinder sind verheiratet. Mit 300 Gästen und mit 60, katholisch, evangelisch und freikirchlich: „Jede Hochzeitsfeier war auf ihre Art wunderschön“, sagt Marieluise. Aber warum sollte man heute noch heiraten? „Weil man Verantwortung übernehmen will“, findet Marieluise. Auch für Hans ist die Ehe ein tiefes Versprechen: „Für mich ist das nicht einfach ein Vertrag, sondern ein Bund“. Dass heute mehr als ein Drittel aller Ehen geschieden werde, müsste nicht sein, finden die beiden. Dass Ehen auseinanderbrächen, liege ihrer Meinung nach oft daran, dass Grundbedürfnisse nicht erkannt würden, sagt Hans. Etwa, wenn sich der eine vom anderen nicht respektiert fühle.

Hans und Marieluise wollen ihre eigenen Erfahrungen weitergeben. Im deutschsprachigem Raum bieten sie Ehevorbereitungskurse an, auch langverheiratete Paare beraten sie. Begonnen hat das mit den Brautleutetagen in der katholischen Kirche. „Bevor ihr heiratet, macht die Augen weit auf. Wenn ihr verheiratet seid, macht sie auch mal zu,“ rät Hans mit einem Augenzwinkern. Könnte er die Zeit zurückdrehen, so viel ist sicher, würde er sich noch einmal für Marieluise entscheiden: „Ich tät‘ meine Frau sofort wieder heiraten!“.

Marieluise und Hans Graßl heute: Das Ehepaar hat acht Kinder und mittlerweile 18 Enkel.