Selbstfahrende Shuttles haben in Kelheim dazugelernt – ihre Zukunft ist bundesweit fraglich

Die Tage, in denen fahrerlose Kleinbusse auf den Straßen von Stadt und Kreis Kelheim rollen, scheinen gezählt: Mit Auslaufen der diversen Forschungsprojekte im Landkreis droht nicht nur hier, sondern bundesweit der Schritt vom Erproben ins Anwenden zu scheitern, letztlich am Geld. Wie es im Landkreis weitergeht, war jetzt Thema im Mobilitätsausschuss.
Mehrere Projekte rund ums autonome Fahren, für die der Landkreis das Testfeld ist, biegen heuer und nächstes Jahr auf die Zielgerade ein, sprich: die Förderung dafür läuft aus. So zum Beispiel beim Projekt „Safestream“. Dessen Ziel ist ein echter „Level 4-Betrieb“, also ein Minibus, der komplett ohne Bedienpersonal unterwegs ist und nur von einer Zentrale aus überwacht wird.2025 soll er im Kelheimer Donaupark erste Runden drehen; Ende Juli ist aber definitiv Schluss, berichtete Stefan Grüttner, Landratsamts-Stabsstellenleiter Mobilität, im gleichnamigen Kreistagsausschuss. Nicht zuletzt, weil dem Projektbetreiber, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, ein wichtiger Partner abhanden kommt: die Berliner EasyMile GmbH, die die Shuttles herstellt.
Denn deren Mutterkonzern, die in Frankreich ansässige, zehn Jahre alte Firma EasyMile SAS, hat heuer im Sommer Insolvenz angemeldet. Hinter der Insolvenz stehe ein genereller Kurswechsel, so Grüttner: Die Hauptaktionäre wollten aus der seit Jahren defizitären Teilsparte „fahrerlose Kleinbusse“ aussteigen und sich ganz auf die zweite Betriebssparte konzentrieren, nämlich selbstfahrende elektrische Gepäcktraktoren („TractEasy“). Aus Grüttners Sicht eine symptomatische Entwicklung.
US-Konzerne liegen vorne
Der Verkehrsexperte sieht beim autonomen Fahren die USA im wahrsten Wortsinn meilenweit vorne, weil in ganz anderen Dimensionen investiert werde. Hinter dem Pionier „Waymo“ etwa stecke der Google-Konzern. Nur solche Riesen könnten sich die Milliardensummen leisten, die das Entwickeln von kamera-gesteuerten Fahrzeugen koste.
Deutschland und den anderen europäischen Ländern fehle dafür wohl die Wirtschaftskraft, lautete Grüttners ernüchtertes Fazit; das gelte auch für Unternehmen. „Dass EasyMile vom Markt verschwindet, schmerzt uns – aber noch mehr, dass es keine Unternehmen mehr gibt, die in dem Sektor weitermachen wollen.“
Ziel von „Sue“: Das autonome Fahren soll einen Zahn zulegen und bis zu 50 km/h erreichen
Ungewiss scheint daher, ob die weiteren Erkenntnisse und Entwicklungen aus dem Kelheimer „Testlabor“ ihren Weg in den regulären Straßenverkehr finden werden. Dazu zählt auch das Projekt „Sue“, das wie „Safestream“ für den Landkreis kostenneutral ist und noch bis 30. September 2025 läuft. Bis dahin soll es zumindest noch auf der Straße starten, und zwar im Projektgebiet Neustadt samt Bad Gögging. Ziel von „Sue“: Das autonome Fahren soll einen Zahn zulegen und bis zu 50 km/h erreichen.
Von solchen Geschwindigkeiten noch weit entfernt sind die autonomen Shuttles, die für das Projekt KelRide ihre Runden durch die Stadt Kelheim zogen. Wetterfester als ihre Vorgänger sollten sie werden und ihre Einsetzbarkeit „On demand“, also im Rufbus-System Kexi, unter Beweis stellen.
Shuttles sind noch zu haben
Unter diesen Aspekten „ist das Projekt erfolgreich abgeschlossen“, sagte Grüttner. Die dafür zur Verfügung gestellten Fahrzeuge kämen aus Kelheim weg; bis auf eines, das für „Safestream“ eingesetzt werde. Zwei weitere autonome Shuttles, die der Landkreis gekauft hat, seien noch einige Zeit in Betrieb; „danach können Sie sie kaufen“, antwortete Grüttner auf die Frage von Kreisrat Dennis Diermeier (FW).
Kreisrat Manfred Jackermeier (CSU) griff den Aspekt Personal auf: „Wenn die Förderprojekte jetzt auslaufen und wegfallen – was machen denn dann die dafür angestellten Mitarbeiter noch?“ Das hänge von deren bisheriger Tätigkeit ab, erwiderte der Stabsstellenleiter; die „Operatoren“ in den autonomen Fahrzeugen etwa seien nicht mehr nötig, wenn diese nicht mehr verkehren. Aber im Sachgebiet seien auch neue Aufgaben entstanden; allein für die Abwicklung des Deutschland-Tickets sei eine Vollzeitkraft nötig.
Sitzung fand unter extremen Zeitdruck statt
Jackermeier und sein CSU-Kollege Christian Schweiger forderten für die nächste Sitzung eine Aufschlüsselung zum Personaleinsatz im Sachgebiet an. Weiter wurde dieses Thema nicht mehr diskutiert; die gesamte Sitzung mit 14 Tagesordnungspunkten fand unter extremem Zeitdruck statt, weil sie unmittelbar vor der „Seilbahn“-Infoveranstaltung stattfand.
Weil zudem die Kreisräte erst kurz vorm Termin die Unterlagen dazu erhalten hatten, hatte AfD-Sprecher Georg Bergermeier eingangs beantragt, Entscheidungen zu vertagen; das lehnte eine Ausschussmehrheit ab.
Geld für die Mobilität
Volumen: Der Haupt-Haushaltsplan für den Öffentlichen Nahverkehr sieht 2025 Ausgaben von 9,9 und Einnahmen von 7,4 Mio. Euro vor. Somit bleibt ein Defizit von knapp 2,5 Mio., das aus Landkreismittel zu decken ist. Defizit heuer: geplant 2,2 Mio). Höhere Ansätze sind 2025 u.a. bei den Netto-Personalausgaben vorgesehen und beim Aufwand für den Express-Rufbus „Kexi“, für den der Kreis rund 900.000 Euro drauflegt (geplant heuer : rund 700.000 Euro).
Kostenneutral: Keine Auswirkungen auf die Kreisfinanzen haben zwei weitere ÖPNV-Haushaltspläne, für die Projekte „Safestream“ und „Sue“ (Autonomes Fahren): Sie sind gegenfinanziert aus Fördermitteln.
Abstimmung: Kreisrat Michael Schöll bekundete nach der Haushalts-Präsentation im Schnelldurchlauf noch Klärungsbedarf – er forderte, die Verabschiedung des Teilhaushaltsplans zu verschieben. Das lehnte Landrat Martin Neumeyer ab: „Dafür wäre eine neue Sitzung nötig, ohne dass sich die Zahlen ändern.“ Schöll stimmte in der Folge (als einziger) gegen den Plan.