„Es war nicht cool oder schön“: Kopf hinter Kelheims autonomen Shuttles im Interview

Von Etienne Nückel · 6. Dezember 2023 um 19:00

Autonome Shuttles fahren ab 2. Januar 2024 im regulären Kexi Betrieb. Das wurde am Dienstag beim Kelheimer Landratsamt gefeiert. Arwed Schmidt von der Herstellerfirma Easymile ist einer der Köpfe hinter dem Projekt.

Im Interview erklärt er, warum nun ein Meilenstein beim autonomen Fahren erreicht wurde und wie das die Mobilität verändern könnte.

Herr Schmidt, was genau ist beim Kexi ab 2. Januar neu?

Arwed Schmidt: Wir sind an mehreren Punkten in Neuland vorgestoßen. Zunächst bei der Fläche: Bisher waren die Betriebsgebiete klein und zerstückelt. Hier haben wir ein zusammenhängendes Gebiet, das sich nach den Bedürfnissen der Bevölkerung richtet. Es ist das größte Gebiet, das je in Europa für diese Technologie eingemessen wurde.

Was noch?

Schmidt: Wir müssen relativ störungsfrei fahren. Das bedeutet: Neueste Softwareversion. Weil da sehr große Technologiebausteine mit drin hängen, muss das natürlich vom TÜV abgenommen werden – weil es sicherheitsrelevant ist.

Welche Bausteine sind das?

Schmidt: Den größten Technologiebaustein nennen wir AWP – All Weather Package. Das Fahrzeug soll unter verschiedensten Wetterbedingungen störungsfrei fahren. Das war bislang eine große Herausforderung für die Technologie. Auch hier gibt es Grenzwerte. Aber Mit AWP sind wir im Vergleich zum Betrieb von vor einem Jahr sehr viel störungsärmer, etwa bei Regen oder Schnee.

Was erhoffen Sie sich von der nächsten Projektphase?

Schmidt: Die Menschen sollen den Kexi nutzen, gerne regelmäßig. Sie sollen über die App kostenfrei buchen und erkennen, wo Stärken und Schwächen sind. Nur dann bekommen wir ein direktes Feedback aus dem Markt.

Was kommt danach?

Schmidt: Wenn alles gut läuft, können wir 2025 erste Tests ohne Begleiter im öffentlichen Raum durchführen.

Die Kexi-Shuttles fahren nur 20 Stundenkilometer – In den USA gibt es schon viel schnellere selbstfahrende Autos.

Schmidt: In den USA steht Performance an erster Stelle: So schnell wie möglich und teils auch mit brachialer Gewalt, ohne Rücksicht auf Verluste. Das sehen wir in den Sicherheitsstatistiken und das ist kein Vorbild.

Dort gab es bereits tödliche Unfälle mit selbstfahrenden Autos – Wie sieht demgegenüber Ihr Ansatz aus?

Schmidt: Wir müssen zeigen, dass wir sicher sind – sicherer als der menschliche Fahrer. Und das tun wir. Der TÜV Rheinland und die Behörden hier im Landkreis Kelheim müssen verpflichtend eingebunden werden.

Gab es schon Unfälle mit dem Kexi oder anderen Easymile-Fahrzeugen?

Schmidt: Nein, keinen einzigen – und das seit neun Jahren, mit verschiedenen Fahrzeuggenerationen. Uns wird immer zur Last gelegt, dass wir so konservativ unterwegs sind. Der Grund für diese Entscheidung ist, dass wir eben nicht in dem Performance-Rausch mitmachen, sondern uns Schritt für Schritt bewegen – aber dabei sicher sind.

Was bremst Sie: Behördliche Vorgaben oder die eigene Vorsicht?

Schmidt: Beides. Ich bin schon vor Jahren mit Easymile-Technologie knapp 40 Stundenkilometer schnell gefahren. Aber: Hier sind wir im öffentlichen Raum. Da gibt es für den ÖPNV ganz klare Vorgaben. Bisher dürfen wir nicht schneller als 25 Stundenkilometer fahren. Das ist das theoretische Maximum für diese Technologie. Zukünftig wollen wir mit anderen Plattformen schneller fahren. Aber wir dürfen nicht versuchen, zu schnell zu hohe Performance zu erreichen und unsere aufgebaute Reputation beim Thema Sicherheit damit zu gefährden. Wir wollen zügig vorankommen, aber akzeptiert werden in dem was wir tun.

Warum eignet sich der Landkreis Kelheim zur Erforschung autonomen Fahrens?

Schmidt: Der Straßenverkehrsraum ist vergleichbar mit anderen. Das ist wichtig, damit unsere Erkenntnisse übertragbar sind. Was den Landkreis auszeichnet, ist eine unfassbare Unterstützung. Das ist nicht nur Landrat Martin Neumeyer, sondern auch der Leiter für die Mobilität, Stefan Grüttner. Er hat einen unprätentiösen und pragmatischen Weg, Probleme anzugehen.

Zum Beispiel?

Schmidt: Wir stehen davor: Diese Garage für die Kexis. Man hätte auch sagen können, ich baue ein Zelt auf und die Ladeinfrastruktur ist temporär und so weiter.

Aber das hier ist betoniert, asphaltiert, mit automatischen Schiebetüren, die Ladeinfrastruktur hängt daran.

Wie bewerten Sie die Akzeptanz in der Bevölkerung?

Schmidt: Wir bekommen sehr viel Kritik. Aber man muss bedenken: Vor 140 Jahren fuhren die ersten Krücken durch den schwäbischen Raum, die hießen noch nicht einmal Auto. Denken Sie nur an die berühmte Bertha Benz Fahrt...

... die erste erfolgreiche Fernfahrt mit einem Automobil von Mannheim nach Pforzheim im Jahr 1888...

Schmidt: ... da wurde gezeigt: Da geht was. Es war noch längst nicht massentauglich, es war nicht cool oder schön. Es ging erstmal nur. Wir sind jetzt ein Stück weit an diesem Punkt.

Wie soll es weiter gehen?

Schmidt: Wir wollen im nächsten Schritt mit guter Geschwindigkeit fahren, also 30 bis 40 Stundenkilometer. Und zwar mit Fahrzeugen, in denen Menschen sich wohlfühlen und die sie gerne nutzen wollen.

Was ist Ihre Vision?

Schmidt: Ich nenne es IÖV: Individualisierter Öffentlicher Verkehr. Der ÖPNV ist ein gewachsenes System, in dem wir Grenzen feststellen. Auf der anderen Seite haben wir Amerika: Produkte von Amazon bis Google sind am Individuum orientiert. Sie stehen im Vordergrund, Sie dürfen entscheiden, Sie haben ein Bedürfnis, das sofort beantwortet wird. Das ist nicht sehr ökologisch.

Wie sieht die Lösung aus?

Schmidt: Was wir brauchen liegt zwischen dem Wünsch-dir-was der USA und dem europäischen Wir-haben-doch-schon-ÖPNV. Ich möchte eine kluge Zusammenführung der Stärken aus beiden Systemen.

Also etwas zwischen dem starren Linienbus und dem eigenen Auto?

Schmidt: Genau. Ich möchte sagen können: Komm direkt zu mir vor die Haustür, fahr mich genau dorthin, wo ich hin muss – ohne Umstieg. Aber nicht als privatwirtschaftliches Angebot, sondern als Plattform, die beispielsweise durch einen Landkreis organisiert ist. Das Produkt ist wichtig, darf aber nicht über ökologische oder verkehrspolitische Zielsetzungen gestellt werden. Und jemand muss als Fahrtvermittler bei Versicherung und Haftung eine tragende Rolle spielen.

Interview: Etienne Nückel

Arwed Schmidt ist bei Easymile unter anderem für die Strategie zuständig. Foto: Easymile