„Die Technik ist schon da“: Kexi der Zukunft ist autonom – und rund um die Uhr im Einsatz

Wer wissen will, warum man in Kelheim hinter autonomen Bussen herzuckeln muss, fragt am besten Stefan Grüttner. Er ist der Kopf hinter Kexi, autonomen Shuttles und im Landratsamt für ÖPNV zuständig.
Im Interview spricht er über die nächste Evolutionsstufe des Kexi, warum es immer Linienbusse geben wird und warum er jetzt auch noch über Wassertaxis nachdenkt.
Herr Grüttner, viele Kelheimer nehmen die autonomen Busse vor allem als Ärgernis wahr – wozu das Ganze?
Stefan Grüttner: Das Autonome ist die Fortführung des Kexi-Systems. In den vergangenen drei Jahren haben wir gesehen, dass das On-Demand-System praktikabel ist und die Leute es annehmen. Aber es muss auch langfristig bezahlbar sein. Hier kommen die Projekte zum Autonomen Fahren, die wir im Landkreis haben, ins Spiel.
In wiefern?
Grüttner: Unser Ziel ist mittelfristig: Kexi autonom und on-demand. Das läuft unter dem Projektnamen Kelfleet.
Was ist das?
Grüttner: Dahinter steht die Überlegung: Wir wollen unseren Kexi ausbauen. Was ist beispielsweise mit den Leuten, die am Samstag erst um 23 Uhr weggehen? Die wollen – auch im ländlichen Raum – transportiert werden. Aber dafür brauchen einen wirklich autonomen Bus. Und es geht nicht nur um Leute, die weggehen wollen. Wir werden beim Land-Kexi an die Kapazitätsgrenze kommen. Wir können aus Kostengründen nicht unbegrenzt Fahrzeuge ins System bringen.
Wegen der Personalkosten?
Grüttner: Ein Kexi-Bus kostet rund 30000 Euro und hält etwa drei Jahre – 10000 Euro pro Jahr. Demgegenüber stehen drei Jahresgehälter für die Fahrer – pro Bus. Außerdem gibt es immer weniger Busfahrer.
Wie sieht das Kelfleet-Projekt konkret aus?
Grüttner: Wir hatten in einer ersten Skizze mit 25 Fahrzeugen geplant.
Wie viele davon wären autonom?
Grüttner: Bei Kelfleet wären alle autonom. Aber es ist eine Projektskizze, wir sind ganz am Anfang. Wenn wir jetzt einen Förderantrag stellen, würde der Betrieb allerfrühestens 2027 starten.
Ist die Technik bis dahin so weit? Noch fahren die autonomen Busse mit 20 Stundenkilometern durch Kelheim.
Grüttner: Die Technik ist schon da, schauen Sie sich Waymo an...
... das Unternehmen testet in den USA autonome Fahrzeuge...
Grüttner: ... die fahren schon schnell, etwa 40 Meilen pro Stunde, rund 65 Stundenkilometer. In den USA gelten andere rechtliche Rahmenbedingungen. In drei Jahren wird die Sache hierzulande auch anders aussehen.
Die US-Firmen haben kein Interesse am Landkreis Kelheim, noch nicht mal an Berlin.
Stefan Grüttner, Stabsstellenleiter ÖPNV
Wie schnell werden die Kelfleet-Fahrzeuge fahren?
Grüttner: Das kann man noch nicht genau sagen. Bei SUE haben wir 50 Stundenkilometer angepeilt, bei Safestream sind es etwa 30 Stundenkilometer. Klar ist, man braucht nicht mit 20 Stundenkilometern von Kelheim nach Abensberg zu fahren. Es muss schneller sein.
Warum werden autonome Fahrzeuge hier entwickelt? Sie haben gerade gesagt, in den USA sei man schon weiter.
Grüttner: Ja, Waymo würde auch hier funktionieren. Nur: Die US-Firmen haben kein Interesse am Landkreis Kelheim, noch nicht mal an Berlin. Die haben in den USA genug Potenzial. Und die sind rein auf Profit getrimmt, die interessieren sich nicht für die Leute. Wenn wir Mobilität wollen, müssen wir das selber entwickeln.
Ist es überhaupt möglich, in einem ländlichen Landkreis wie Kelheim Menschen vom Auto in den ÖPNV bringen?
Grüttner: Ja, wenn die Parameter stimmen. Wenn wir nur ein Bushäuschen im Nirgendwo anbieten, wo zweimal am Tag der Bus fährt, ist es kein Wunder, dass das keiner nutzt. Je ländlicher es ist, desto weniger funktionieren klassische ÖPNV-Angebote. Deswegen muss es on-demand sein. Unser Ziel ist aber nicht, dass die Leute kein Auto mehr haben – sondern, dass das Zweit- oder Drittauto abgeschafft wird.
Geht es dabei um Klimaschutz?
Grüttner: Jede Fahrt hilft, den CO2-Ausstoß zu mindern. Ein anderes Ziel ist Mobilität im Alter. Und Kexi ist ein Standortvorteil. Beispielsweise haben viele Unternehmen aus Gaden gesagt, wir wollen einen Stadt-Kexi in Abensberg. Weil wir Mitarbeiter haben, die ohne Auto nicht zu uns kommen. Weil wir dann attraktiver werden. Schaut man sich den IHK-Bericht für Kelheim und Regensburg aus dem Jahr 2019 an, da hat der ÖPNV ganz schlecht abgeschnitten.
Murnau in Oberbayern hat im vergangenen Jahr seinen preisgekrönten Rufbus aus Kostengründen abgeschafft. Ist ein On-Demand-System wie der Kexi nicht teuer?
Grüttner: Das ist ÖPNV generell! Nehmen Sie einen Regionalbus und nehmen Sie die Schüler raus. Dann gibt es keinen Busverkehr mehr im Landkreis. Null. Und ein Regionalbus kostet am Tag so viel wie ein Kexi. Man kann nicht sagen, Kexi ist teuer – ÖPNV ist teuer.
Gibt es noch eine Zukunft für den klassischen Linienbus im Landkreis?
Grüttner: Buslinien wird es immer geben, solange Schüler in die Schule müssen.
Wie soll also der ÖPNV im Landkreis zukünftig aussehen?
Grüttner: Die Vision ist: Große Strecken müssen mit dem Regionalbus funktionieren, etwa von Riedenburg nach Kelheim oder von Abensberg nach Neustadt. Eine Ebene darunter haben wir den Kexi. Und dann haben wir die Gemeinden. Wie kann ich mich da bewegen? Das geht in Richtung Mikromobiliät. Etwa ein Scooter-System. Da endet eigentlich unsere Zuständigkeit als Landkreis. Aber wenn man es Landkreisweit machen würde, könnten wir beispielsweise solche Scooter-Systeme in die Kexi-App integrieren. Das sind aber bisher nur Ideen.
Gibt es neben Kelfleet weitere konkrete Projekte?
Grüttner: Im Regionalmanagement untersuchen wir noch Fußgänger- und Radfahrmobilität. Und wir sehen uns Roboat an, ein System, das es in Amsterdam gibt. Also ÖPNV auf dem Wasser. Wir haben Wasser im Landkreis, nicht so viel wie Amsterdam oder Venedig. Aber wir untersuchen inwiefern könnten wir das nutzen, um Mobilität in den Landkreis zu bringen.
Interview: Etienne Nückel
