Künstlerin auf der Flucht: Olha Borovska bringt ukrainische Kunst nach Neumarkt

In Olha Borovskas Heimatstadt Poltawa in der Ukraine starben vor Kurzem mindestens 50 Personen bei einem Bombenangriff. Seit zwei Jahren lebt die Künstlerin mit ihren Kindern in Neumarkt und fertigt vor allem ukrainische Scherenschnitte. So will sie die alten Traditionen weiterleben lassen.
In einer kleinen schwarzen Schatulle bewahrt Olha Borovska ihre Klingen auf. Manche von ihnen haben eine gerade Kante, andere sind schräg, eine ist vorne geschwungen. Alle sind hauchdünn und nur wenige Zentimeter groß. Borovska schneidet damit nach der ukrainischen Tradition Vytinanka filigrane Muster in Papier. Die Künstlerin ist auf ihrer Flucht vor dem Krieg vor mehr als zwei Jahren mit ihren beiden Kindern nach Neumarkt gekommen.
Das Häuschen, in dem sie seitdem lebt, hat die 36-Jährige gemütlich dekoriert. Einige Zimmerpflanzen stehen vor der Fensterfront, den Blumenkranz an der Wand hat sie selbst gemacht – genauso wie die Bilder. „Ich bin Perfektionistin“, sagt Borovska. Ihre gleichmäßigen Scherenschnitte bestätigen das.
Bomben flogen auf Heimatstadt
Die geometrischen Figuren und geschwungenen Linien gehen gleichmäßig ineinander über. Der Hintergrund – mal weiß, mal hellblau, mal bunte Farbverläufe – lässt die Schnitte hervortreten. In vielen sind Natur-Motive zu sehen, vor allem Vögel und Blumen. Andere haben einen historischen oder religiösen Bezug zu ihrer Heimat. „Ich will, dass ukrainische Traditionen, die Kultur und Symbole so in der Welt weiterleben “, sagt sie.
Die meisten von Borovskas Werken sind allerdings in der Ukraine geblieben. Sie standen oder stehen unter anderem in Privatsammlungen, Museen oder Kirchen. Als Kunstlehrerin unterrichtete Borovska an der Lyzeum Nr. 1 in Poltawa. Ihr Mann lebt bis heute dort.
Die knapp 300.000-Einwohner-Stadt im Zentrum des Landes wurde Anfang September von Russland mit Raketen angegriffen. Über 50 Personen starben dabei. Später erzählte ihr Mann, dass Raketensplitter auch auf ihr Hausdach gefallen seien. „Ich mache mir große Sorgen darüber, was in der Ukraine passiert“, sagt Borovska. Immer wieder spielt sie mit dem Kreuzanhänger an ihrer Halskette.
Platz zum Töpfern fehlt
Mit der Flucht vor dem Krieg musste sie nicht nur ihren Mann zurücklassen, auch als Künstlerin ist sie seitdem eingeschränkt. Borovska beherrscht viele Künste, für die ihr nun oft der Platz und die Zeit fehlen: Keramik, Schnitzerei, Linoldruck und verschiedene Mal- und Zeichentechniken. „Ich habe zu viele Ideen“, sagt sie und lacht.
Diese Ideen hängen nicht nur als Bilder an der Wand. Sie backt Torten – auch mehrstöckige – und bastelt Deko, wie den Lampenschirm aus Papierkreisen, der an ihrer Decke hängt. Auch das weiße Kleid mit braunen Ärmeln und Nähten, das sie trägt, war ihr eigener Entwurf. Auf der linken Seite steckt eine Vogel-Brosche in den Farben der ukrainischen Flagge.
„Ich lebe im Hier und Jetzt“
Genäht hat das Kleid ihre Mutter, die in der Ukraine einst eine eigene Boutique führte. „Ich habe früher oft Entwürfe gezeichnet, die sie dann genäht hat“, erzählt Borovska in gebrochenem Deutsch. Wenn ihr die Worte fehlen, wirkt sie ungeduldig. Dann hilft sie sich mit Übersetzungsapps weiter. „Es ist wie ein Fisch ohne Wasser“, vergleicht sie das Gefühl, nicht alles verstehen und sagen zu können.
Dass sie Künstlerin werden will, stand für sie schon als Jugendliche außer Frage. „Wenn ich male, denke ich nicht nach, was gerade los ist. Das ist meine Meditation“, sagt sie. Die Ergebnisse dieser „Meditation“ waren vergangenes Jahr für mehrere Wochen im KunstRaum Klostertor zu sehen. Für Kinder und Erwachsene hat sie außerdem verschiedene Kurse gegeben: von Malkursen über Kranzbinden bis zum Bemalen von T-Shirts. Was sie in ihren Workshops zeigen will, ergibt sich oft einfach: „Ich lebe im Hier und Jetzt. Ich plane nur Termine.“, sagt sie.

