Ein Leben für den Hund – Karlheinz Kagerer aus Ettmannsdorf schult seit Jahrzehnten Mensch und Tier

Von Martin Kellermeier · 21. Oktober 2024 um 05:00

Wenn die Schulkinder Wochenende haben, sperrt er seine Schule auf: Jeden Samstagnachmittag wird Karlheinz Kagerer in „Ingrid’s Hundeschule“ zum Lehrer für Mensch und Tier. Der Ettmannsdorfer (Ortsteil von Schwandorf) hat sich der Erziehung von Hunden verschrieben – und das seit mehr als 50 Jahren.

Es ist ein grauer Samstagnachmittag, nur die Blätter an den Bäumen machen den Tag bunt. In dem kleinen Waldweg bei Pittersberg, dort wohin sich selbst mit schlechtem Navi kein Autofahrer verirrt, geht es auf einmal zu wie am Taubenschlag. Autos biegen von der B85 ein, eins nach dem anderen. Die, die aussteigen, sind für die Witterung bestens präpariert. Man trägt Wanderschuhe und Funktionshosen. Und man holt den Hund aus dem Auto, schließlich hat man das selbe Ziel: Kagerers Hundeplatz auf dem früheren Mathias-Zechen-Areal.

Die meisten kennen sich. Herrchen und Frauchen wie Dackel und Pudel. Mittendrin ist Karlheinz Kagerer. Er kennt hier jeden beim Namen und hat offenbar immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Dafür mögen wir ihn, soll später eine Frau in der Pause sagen.

So fing alles an

Hunde und Kagerer – das passt schon immer zusammen. Der heute 73-Jährige wuchs in Ettmannsdorf unweit der Pfarrkirche auf. Der Vater sorgte als Bahnarbeiter für den Lebensunterhalt der Familie, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt. Gemeinsam betrieb man zudem eine kleine Landwirtschaft. Ein paar Kühe, Schweine, Gänse und Hühner hielt man. Und einen Hofhund. Erst war es ein Schäferhund, dann ein Spitz. Letzterer war wohl ein ziemlicher Frecker. Leute, die sein Herrchen nicht mochte, soll er einfach angepinkelt haben.

1972 lernte Kagerer, damals als Zeitsoldat im Stab der Panzerbrigade 12 in Amberg tätig, seine Frau Ingrid kennen. Kurze Zeit später wurde geheiratet und der Schwiegervater suchte nach einem gemeinsamen Hobby mit dem Schwiegersohn. Die Hunde hatten es beiden angetan. Und so stapfte man eines Tages zum Hundeplatz nach Ettmannsdorf. Das gemeinsame Hobby war gefunden.

Schnell stellten sich die Erfolge bei Begleithunde- oder Schutzhundeprüfungen ein. Und auch bei Ausstellungen schnitt man gut ab. Kagerer wurde zum Vorsitzenden des Schäferhundevereins Ettmannsdorf gewählt, engagierte sich ferner als Zucht- und Übungswart, Schutzdiensthelfer und Schauleiter. „Kurzum: Ich bin immer mehr auf den Hund gekommen“, sagt Kagerer rückblickend. Heute macht er nur noch die Hundeschule.

Auf den Hund gekommen, das sind sie hier alle auf dem Übungsplatz bei Pittersberg. Die Doppelstunde hat schon begonnen. Hundeschule ist keine Spielstunde, die Vierbeiner sind angeleint.

Gerade werden die Kommandos geübt. „Sitz“, „Platz“ und in der jeweiligen Position verharren, das ist die Aufgabe. Immer und immer wieder. Kagerer schaut genau hin. „Geh nicht so weit weg von deinem Hund. Man sieht, dass er noch Angst hat, dass du abhaust“, sagt er zum Beispiel. „Lieber langsam steigern, das wird schon.“ Die Übung sei ganz wichtig, erklärt der Hundetrainer wenig später am Rande der Einheit. Was, wenn man schnell in ein Geschäft will und den Hund nicht davor absetzen kann? Die Hunde „salonfähig“ machen, das sei sein Ansatz. „Je mehr der Hund gehorcht, desto mehr kann er am Leben des Menschen teilnehmen“, erklärt der Experte.

Seit 1976 schult er Mensch und Tier

Seit 1976 schult Kagerer Mensch und Tier auf dem Übungsplatz bei Pittersberg. Auch während seiner Zeit in einer Führungsposition in der Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse Weiden hat er das getan. Jetzt im Ruhestand ist der wöchentliche Kurs am Samstagnachmittag eine willkommene Abwechslung. Der Ettmannsdorfer freut sich jede Woche aufs Neue. Auch wenn er nach dem Tod seiner Schäferhundedame Mausi vor ein paar Jahren keinen eigenen Hund mehr hat, ist er von den Tieren fasziniert. „Es gibt keinen treueren Weggefährten als einen Hund“, findet Kagerer.

Und damit der Vierbeiner möglichst überall problemlos mitgehen kann, geht es für die Gruppe nun raus auf den Waldweg. Kagerer schiebt ein altes Fahrrad raus, holt ein ferngesteuertes Auto. „Wie reagieren eure Hunde, wenn ein Radfahrer kommt oder das Nachbarskind mit dem Auto spielt?“, will er wissen. Auch an diese Situationen müsse man Hunde gewöhnen, findet Kagerer, zückt die Fernsteuerung und lässt den kleinen, elektrischen Geländewagen losfahren. Die Hunde spitzen die Ohren und schauen gespannt. Was kommt da auf mich zu? Lieber versteinert dasitzen oder doch bellen?

Schon im Welpenalter üben

Die Expertise von Kagerer hat sich über all die Jahre herumgesprochen. Neben seiner Hundeschule gibt er auch an der VHS Kurse. „Informationen vom Fachmann“ werden den Teilnehmern bei den Terminen mit dem Ettmannsdorfer versprochen. Man erhalte das „Know-how“, den eigenen Vierbeiner zu einem folgsamen Hund auszubilden.

Früh genug anfangen kann man damit nicht, findet Kagerer. Schon im Welpenalter könne und solle man mit der Ausbildung beginnen. „Je mehr der Hund erlebt und vorsichtig an das Leben herangeführt wird, desto umgänglicher und gebrauchsfähiger wird er“, ist sich Kagerer sicher.

Die Stunde am Hundeplatz neigt sich derweil dem Ende entgehen. Die Anfangsszenen wiederholen sich, nur rückwärts. Hunde ins Auto, Herrchen ans Steuer und der kleine Waldweg wird für ein paar Minuten wieder zur Straße.

Der Hundetrainer blickt zufrieden über seinen Platz. So lange es die Gesundheit erlaubt, will er weiter jeden Samstag hier stehen und seine Erfahrung weitergeben. Manchmal, so sagt er, müsse er den Hundebesitzern aber auch die Augen öffnen.

Denn nicht alle Entwicklungen heißt Kagerer für gut. Die Hundelaufwiese beim Sepp-Simon-Stadion in Schwandorf hätte er zum Beispiel nie gebaut. „Durch die Umzäunung werden die Besitzer geblendet. Sicherheit gibt es dort nicht“, sagt der Fachmann. Der erste Kontakt zwischen Hunden sollte immer an der Leine passieren, so sein Rat. Man wisse ja schließlich nicht, wie die Tiere aufeinander reagierten.

Zweibeiner und Vierbeiner im Kreis: Die Übungsstunden sind immer in mehrere Elemente geteilt. Im ersten Trainingsabschnitt geht es vor allem um den Gehorsam der Hunde. Foto: Daniel Seger, Moods Photography
Sie sind ein Team: Wolfgang Haschke (r.) unterstützt Kagerer bei den Stunden. Foto: Daniel Seger, Moods Photography