Mordprozess gegen Regensburger Pflegerin: So dramatisch waren die letzten Stunden der Verstorbenen (65)

Von Philip Hell · 18. Oktober 2024 um 19:00

Die Fußfesseln hängen knapp unter den Knien der zierlichen Asiatin. Die beiden Polizisten überragen die 37-Jährige um mindestens zwei Köpfe. Die ehemalige Krankenschwester aus Regensburg soll eine Mörderin sein – zumindest in den Augen der Staatsanwaltschaft.

Die Anklagebehörde wirft der Frau von den Philippinen vor, mehrere Patienten im Krankenhaus St. Josef betäubt und beraubt zu haben. Eine 65-Jährige starb infolgedessen. Der Vorwurf: Mord. Die Ex-Pflegerin bestreitet das.

Am Freitag drehte sich der Prozess vor allem um den Tod der Frau. Anhand mehrerer Zeugenaussagen versucht das Gericht, die letzten Stunden im Leben der 65-Jährigen zu rekonstruieren.

Eine Nachricht ins Nichts

Die Frau wurde am 22. Januar in das Krankenhaus eingeliefert. Sie hatte Krebs, kurz vor Weihnachten hatten ihn die Ärzte entdeckt. In der Klinik soll sich nun entscheiden, ob sie eine Chemotherapie erhält oder ob sie operiert werden muss. Es sieht nicht gut aus, die 65-Jährige war allerdings zum Kampf gegen die Krankheit bereit. „Sie wollte weiterleben“, sagt ihre Tochter am Freitag im Zeugenstand.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hat sie plötzlich Schmerzen. Sie erhält von einer Krankenschwester das Mittel Novalgin. In der Früh, es ist der 25. Januar, wird die Frau wach. Sie schreibt ihrer Tochter, berichtet von einer unruhigen Nacht. Um 6.43 Uhr klagt sie über Fieber. Das sei doch nicht so hoch, entgegnet ihre Tochter. Die Nachricht liest die Frau nicht mehr. Irgendwann um diese Zeit ist die Angeklagte in das Zimmer gekommen und hat ihr Midazolam gespritzt. Von dem anderen Medikament, dass der Patientin nachts gespritzt wurde, weiß die Angeklagte wohl nichts. Warum hat sie das getan? Das ist im Kern die Frage, mit der sich dieses Verfahren beschäftigt. Denn: Gegen 7 Uhr betreten die Angeklagte und zwei junge Pflegerinnen das Patientenzimmer. Die 65-Jährige scheint leblos zu sein. Die Angeklagte kontrolliert den Herzschlag. Er ist nicht mehr vorhanden. Die Frau wird reanimiert. Ihr Herz schlägt wieder. Das Bewusstsein erreicht sie nicht mehr. Die Ärzte kämpfen um ihr Leben. Drei Tage lang. Ohne Erfolg. Am 28. Januar um 18.17 Uhr stirbt sie. Es ist ein Sonntag. Eigentlich hätte sie am Freitag nach Hause gehen sollen. Nach ihrem Tod fällt den Angehörigen auf, dass der Ehering fehlt.

Medikamentenverbrauch kommt keinem verdächtig vor

Rund drei Wochen später erhält die Leiterin der Klinik eine Mitteilung. Ihr wird von einer Serie von Diebstählen berichtet – und von Vorfällen, bei denen Menschen plötzlich das Bewusstsein verloren. Sie sah Gefahr im Verzug, sagte sie am Freitag im Zeugenstand. Die Angeklagte wurde freigestellt. Die Vorgänge wurden intern aufgearbeitet.

Die ehemaligen Vorgesetzten der Angeklagten bestätigten die Aussagen der Klinikleitung. Darüber hinaus berichteten sie davon, dass die 37-Jährige seit August 2020 in der Klinik tätig war. Sie kam über ein spezielles Programm nach Deutschland. Die längste Zeit sei sie eine hervorragende Verstärkung für das Team gewesen. Seit Januar habe sie sich allerdings ein wenig seltsam verhalten, habe den Kontakt zu ihren Kollegen gemieden. In diese Zeit fallen auch die Taten. Die Vorgesetzten stellten im Rückblick fest, dass im Januar und Februar mehr Midazolam als üblich verbraucht wurde. In der Zeit selbst sei das allerdings niemandem verdächtig vorgekommen. Darüber hinaus hätten zahlreiche Menschen Zugang zu dem Schrank, in dem das Medikament aufbewahrt wird. Gegen Ende des zweiten Prozesstages konnten Beobachter des Verfahrens erstmals Einblicke in das Seelenleben der Angeklagten bekommen. Ihr bester Freund nahm auf dem Zeugenstuhl Platz. Der 27-Jährige stammt ebenfalls von den Philippinen. Die beiden lernten sich allerdings erst in Regensburg kennen.

Alkohol, Uhren und Geld

Die Angeklagte habe einen Sohn auf den Philippinen. Diesen habe sie im März nach Deutschland holen wollen, sagte der beste Freund aus. Die Angeklagte habe manchmal etwas mehr getrunken. Von Drogen wisse er aber nichts. Zu Jahresbeginn habe sie ihn aber darum gebeten, ihr Schlafmittel zu besorgen. Er habe abgelehnt. Zudem leide sie unter Epilepsie.

Unmittelbar vor ihrer Verhaftung am 27. Februar habe sie ihm knapp 1000 Euro in bar und einige Uhren überreicht. Er solle sie bei sich aufbewahren, damit die Polizei nicht darauf aufmerksam wird. Scheinbar wurde die 37-Jährige vor einer möglichen Hausdurchsuchung gewarnt. Die Verteidigerin der Angeklagten, Anna Schwarz, stellte das anders dar. Ihr zufolge habe der 27-Jährige seine Freundin dazu gedrängt, ihr das Geld und die Uhren zu übergeben.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Dann stehen die Ermittlungen im Fokus des Gerichts. Ein Urteil soll bereits am 28. Oktober fallen. So zumindest der derzeitige Stand.