Ecstasy statt Champagner: Was die Ermittler in dem Fall in Weiden bisher wissen

Von Isolde Stöcker-Gietl, André Baumgarten · 17. Oktober 2024 um 19:00

Die Weidener Staatsanwaltschaft meldet Fahndungserfolg – wieder führte die Spur in die Niederlande. Womöglich haben Zollfahnder nun den wahren Drahtzieher hinter dem Drogenschmuggel gefasst. Ihm wird fahrlässige Tötung vorgeworfen, doch beendet sind die Ermittlungen noch nicht.

Es ist eine fröhliche Runde, die an jenem frühen Sonntagmorgen im Februar 2022 bei einem Weidener Szene-Italiener zusammen kommt. Sie feiern mit einer Drei-Liter-Flasche Champagner Moët & Chandon Ice Impérial und stoßen auf die Teilnahme eines Bekannten bei einer TV-Kuppelshow an. Doch der Abend endet in einer beispiellosen Tragödie, die bis heute die Ermittler beschäftigt.

Acht Gäste des Lokals brechen in jener Nacht zum 13. Februar 2022 mit teilweise schwersten Vergiftungssymptomen zusammen, ein 52-Jähriger aus dem Landkreis Schwandorf bezahlt einen kräftigen Schluck vom vermeintlichen Edelgetränk gar mit seinem Leben. Denn statt Champagner befand sich MDMA, flüssiges Ecstasy, in der Flasche. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Weiden einen weiteren Ermittlungserfolg vermeldet.

Ermittler des Münchner Zollfahndungsamtes hatten den Weg der in Weiden ausgeschenkten Droge bis in die Niederlande zurückverfolgen können. Nach einer ersten Festnahme eines 35-jährigen polnischen Staatsbürgers im Herbst 2023, der im Verdacht stand, für die Lagerung und auch den Vertrieb der mit Ecstasy befüllten Flaschen verantwortlich gewesen zu sein, meldet die Ermittlungsbehörde den neuen Zugriff im Nachbarland im Norden. Bei dem neuen Tatverdächtigen handelt es sich um einen 45-jährigen Niederländer.

Ist es der Drahtzieher hinter dem Schmuggel?

Anfang Juni sei der Mann im „Champagner-Verfahren“, wie die Staatsanwaltschaft in Weiden den Komplex nennt, verhaftet worden. Niederländische Ermittler hatten ihn aufgespürt. Alle bekannten Adressen, an denen der Verdächtige sich zuletzt aufgehalten hatte, seien „durchsucht und weitere Beweismittel sichergestellt“ worden, hieß es weiter. Schon seit mehr als einem Monat sitzt der neue, dringend Tatverdächtige in Bayern in U-Haft.

Auf seine Spur waren Ermittler des Zollfahndungsamtes in München wohl durch 2023 sichergestellte Speichermedien gekommen, die die Fahnder seither ausgewertet hatten. Der Mann scheint ein wichtiger Akteur im international angelegten Schmuggel mit MDMA zu sein. Die Vorwürfe wiegen schwer: Als Teil einer Bande soll er für den Export der Magnum-Champagnerflaschen zuständig gewesen sein.

Weil die Drogen danach weiterverkauft wurden, wird dem Niederländer bandenmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vorgeworfen. Und: Weil in Weiden durch eine – mit hoher Wahrscheinlichkeit vermutlich irrtümlich in den Handel gelangten – Flasche Moët ein Mensch starb und sieben verletzt wurden, liegt dem 45-Jährigen auch fahrlässige Tötung und Körperverletzung zur Last. Neu ist: Der im November 2023 ausgelieferter Pole ist wieder frei. Der Tatverdacht gegen den damals 35-Jährigen ließ sich laut Staatsanwaltschaft nicht erhärten. Schon nach der Festnahme hatte sich die Staatsanwaltschaft in Weiden sehr bedeckt zu dessen Rolle gegeben.

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Die seit inzwischen über zweieinhalb Jahre währenden Ermittlung sind zudem längst nicht abgeschlossen. Auch, weil viele Recherchen im Ausland notwendig wurden – mit den entsprechenden Sprachbarrieren. Dabei ging es zunächst Schlag auf Schlag: Nach dem Todesfall in der Oberpfalz und vier weiteren Vergiftungsfällen in den Niederlanden wenige Tage später, war schnell klar, dass die manipulierten Flaschen zur selben Charge gehört hatten.

Im Internet bestellt, in Weiden ausgeschenkt

Der zuständige Staatsanwalt Wolfgang Voit sagte damals im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern: „Es gibt Anzeichen, dass ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Flaschen besteht.“ Die Flaschen waren jeweils über das Internet bestellt worden. In Weiden war es ein regionaler Händler. Mit bloßem Auge war nicht erkennbar, dass die Korken der in eine blickdichte Hülle gefassten Flaschen nicht mehr die originalen waren.

Die Verbraucherzentralen warnten seinerzeit: Das flüssige Ecstasy rieche nach Anis und habe eine rot-bräunliche Färbung. Auch sonst habe die Flüssigkeit nicht viel mit den Eigenschaften von perlendem Champagner gemein. Farbe und Geruch seien wichtige Indizien, um nicht zu kosten, denn die hochkonzentrierte Droge – ein Wirkstoff aus der Gruppe der Amphetamine – entfaltet schon nach einem einzigen Schluck eine lebensbedrohliche Wirkung.

Tatsächlich meldeten sich nach der Warnung mehrere Personen, die verdächtige Flaschen zu Hause hatten. Sie wurden sichergestellt. Später tauchten weitere mit Ecstasy befüllte Moët-Flaschen in Luxemburg auf.