Massiver Ausbau in Regensburg, aber: Bahn stellt Kleingärtner aufs Abstellgleis

Der Schienenausbau in Regensburg nimmt Formen an. Die Bahn möchte bei Obertraubling von zwei auf vier Gleise erweitern. Das hat auch massive Auswirkungen auf das Stadtgebiet. Jetzt hat die DB InfraGo sorgen in einer Infoveranstaltung bei Kleingärtnern für Entsetzen gesorgt.
Die Verantwortlichen hatten das richtig professionell gemacht – und doch überwogen kritische Stimmen: Am Mittwochabend informierte die Deutsche Bahn beziehungsweise die Infrastrukturtochter DB InfraGo über den Ausbau, der mitten in Regensburg stattfinden wird. Klar: Wer die Bahn als das Mittel für die Verkehrswende sieht, der muss sie endlich leistungsfähiger machen. Doch dass ein Ausbau von Schienen in einem beengten Stadtgebiet nach Ärger riecht, das müsste auch den Verantwortlichen klar gewesen sein. Vor allem jene Regensburger, die eine grüne Oase zu verlieren haben, dürften sich über die Pläne nicht freuen. Wer künftig auf das Verkehrsmittel Bahn setzt oder schon darauf angewiesen ist, den werden die langen Planungskorridore eher entsetzt haben.
Die Regensburger seien ein Volk der „Nimbys“ geworden, hatte der frühere Oberbürgermeister Hans Schaidinger einst gesagt. „Not in my Backyard“, zu Deutsch: Anhänger des Floriansprinzips. Doch klar ist auch, dass die Bürger das Grün in ihrer Stadt mit Zähnen und Klauen verteidigen. Ausgerechnet die Bahn, die das Klimaproblem des Verkehrs lösen soll, könnte mit ihren Plänen das grüne Idyll am Prüfeninger Schloss zerstören. Dort gibt es eine Kleingartenanlage, eine wichtige grüne Lunge. Für Stirnrunzeln bei den Zuhörern sorgte, dass diese zu Gunsten von Abstellgleisen verschwinden sollen.
Prognose vor Bahnausbau
Immerhin 80 interessierte Bürger nahmen an dem Digitalformat teil. Und es hagelte Fakten. Norman Wilk ist der Gesamtprojektleiter für den Ostkorridor Süd. Der Ostkorridor soll im Prinzip von der Adria-Küste bis nach Skandinavien führen. Wilk erklärte, was der sogenannte Deutschlandtakt bedeutet: Im Prinzip sei die Planung „rückwärtsgewandt“. Damit meinte der Bahn-Infrastruktur-Spezialist, dass zunächst die prognostizierten Verkehrsströme in den Fahrplan eingerechnet werden. Der gibt dann die Ausbaubedürfnisse der Bahn vor. „Wir fragen dann: Brauche ich zwei oder mehr Gleise an der Stelle? Brauche ich eine Elektrifizierung? Ja, das brauchen wir alles an der Stelle“, erklärte Wilk.
Doch klar ist auch: Zehn Jahre wird es dauern, bis die Projektphasen durchschritten sind und etwas gebaut wird. Sowohl der Ausbau mit einem dritten und vierten Gleis in Obertraubling, als auch die Elektrifizierung der Strecke Regensburg-Marktredwitz sind im sogenannten Verkehrswegeplan 2030 der Bundesregierung. Jetzt sei man in der Phase der Vorplanung. So wollte Wilk dann auch die Kleingärtner in Prüfening beruhigen.
Thomas Sulzer von der DB InfraGo erklärte in dem Bürgertermin, dass die Bahn versucht, für den Ausbau weitgehend eigene Grundstücke zu nutzen. Das ist logisch, denn diese Flächen sind bereits als Bahnflächen gewidmet. Sie umzuwidmen, ist ein schwieriges Verfahren.
„Wir haben durch das Projekt auf langen Bereichen die Gleise auf bahneigenem Gelände“, erklärte Sulzer etwas umständlich. „Diese Gleise stehen aber nicht mehr zum Abstellen zur Verfügung. Das ist ein Vorgang, der notwendig ist.“ Aber: „Wir wollen die vorhandene Infrastruktur nicht reduzieren.“ Zu Deutsch: Die Bahn muss Abstellgleise schaffen.
Und das möchte sie dort, wo sie Abstellgleise zu befahrbaren Gleisen umwidmet und die Strecke erweitert: Im Stadtgebiet. Zwar waren alle Teilnehmer des Dialogformats stumm geschaltet, aber als Sulzer das erzählte, ploppten die Kommentare geradezu auf: „Gibt es Kartierungsprojekte bezüglich geschützter Arten?“, fragte ein Bürger. „Warum die Abstellgleise in der Stadt?“ Und noch heftiger: „Allein in unserem Garten haben wir eine umfangreiche wertvolle Fülle an Lebewesen.“
Sulzer versuchte, die Prüfeninger zu beruhigen. „Wir werden die Kleingärten so spät wie möglich kündigen und räumen“, sagte er.
Und weiter: „Sie können davon ausgehen, dass Sie bis in die 30er Jahre hinein die Kleingärten bewirtschaften können.“
Insgesamt ist der Zeithorizont für den Bahnausbau ohnehin relativ weit gespannt. Welche Auswirkungen der Ausbau der Schienen durch Regensburg auf das Stadtgebiet haben wird, das wird man sehen – zahlreiche Bauwerke, über die auch Straßen führen, sind betroffen.
Die Dimensionen sind zudem immens. 13 Kilometer Bahnstrecke sind betroffen, die zum größten Teil direkt durch die Stadt führen. Fünf Straßen- und 20 Eisenbahnbrücken müssen erneuert oder neu gebaut werden. Auch vier Bahnhöfe müssen ertüchtigt werden. Zwei sogenannte Überwerfungsbauwerke müssen entstehen, vergleichbar mit Autobahnkreuzen, bei denen Straßen an unterschiedlichen Ebenen entlangführen: Auf Höhe des BMW-Werks und im Regensburger Osten müssen gebaut werden – all das im laufenden Bahnbetrieb.
Güterbahnhof kommt eher
Der in Burgweinting geplante Güterumschlagbahnhof werde früher kommen, hieß es. „Das wird deutlich vor unserem Projekt in die Realisierung gehen“, sagte Sulzer. Auch die geplante Elektrifizierung der Strecke Marktredwitz-Regensburg, die auch das Stadtgebiet betreffen wird, hat nochmal eine ganz andere Dimension als der Gleisausbau durch das Stadtgebiet: Hier sind es mehr als 120 Eisenbahnbrücken betroffen.

