„Fast schon eine Volkskrankheit“: Pflege-Experten erklären, welche Gefahr von Druckgeschwüren ausgeht

Diagnose Dekubitus: Diesen Befund möchten Alexandra Stich, Direktorin für Pflege- und Patientenmanagement, und Matthias Winterl, Bereichsleitung Zentrum für Aus-, Fort- und Weiterbildung, bei den Patienten des Caritas-Krankenhauses St. Josef vermeiden. Warum Druckgeschwüre nicht nur für ältere Menschen zum Problem werden können und weshalb es dazu in der kommenden Woche sogar einen eigenen Thementag an der Klinik gibt, erklären sie im Interview.
Wer nicht aus dem medizinischen Bereich kommt, wird mit dem Ausdruck „Dekubitus“ wohl erst einmal wenig anfangen können. Ist das Thema in der Gesellschaft zu wenig bekannt?
Alexandra Stich: Das würde ich so nicht sagen. Es ist eher so, dass der Begriff selbst nicht so geläufig ist. Umgangssprachlich sagt man etwas wie „wund gelegen“ oder vielleicht auch „man hat sich einen Wolf gelaufen“. Ein Dekubitus, ein Druckgeschwür, ist eine Verletzung der Hautschichten, die im schlimmsten Fall bis zum Knochen gehen kann.
Matthias Winterl: Fast jeder kennt es, sich beim Wandern oder generell in zu engen Schuhen eine Blase gelaufen zu haben. Im Prinzip ist ein Dekubitus genau das.
Im Klinikalltag geht es dann vermutlich aber um weit mehr als um beim Wandern wund gelaufene Füße.
Stich: Gefährlich wird es für Patienten, die immobil sind. Dazu zählen ältere, pflegebedürftige Menschen, aber auch Personen, die an einer Durchblutungsstörung oder aufgrund von Diabetes an einer Gefühlsminderung an bestimmten Körperstellen leiden. Patienten, die während einer Operation mehrere Stunden liegen und dann im Bett bleiben müssen, laufen ebenfalls Gefahr, Druckstellen zu bekommen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie schnell so etwas passieren kann. Im Endeffekt kann es jeden betreffen.
Und die Pflege sorgt dafür, dass es gar nicht so weit kommt?
Stich: Dekubitus zu vermeiden, sehe ich als eine der wichtigsten Aufgaben und Profession unseres Berufsstandes an. Das beginnt damit, dass eine Pflegekraft bei jedem Patienten, der das Haus betritt, prüft, ob ein Risiko besteht. Ist jemand zum Beispiel übergewichtig, steigt die Gefahr. Wir können dann entsprechende Maßnahmen ergreifen, wie etwa ein spezielles Bett oder Mobilisationstechniken. Auch eine bestimmte Ernährung kann sinnvoll sein. Das zweite Setting, mit dem wir arbeiten, umfasst Patienten, die bereits von extern mit einem tiefen Dekubitus eingeliefert werden.
Wie gut lässt sich so etwas behandeln?
Stich: Ein unbehandelter Dekubitus kann im schlimmsten Fall zu einer Sepsis, einer Blutvergiftung, führen. Daran können Patienten versterben. Generell gibt es verschiedene Stadien. Die Bandbreite reicht von oberflächlichen, verfärbten Stellen über sich ablösende Haut bis hin zu Fällen, in denen sich bereits richtige Wundtaschen gebildet haben. Das Gewebe kann so stark zersetzt sein, dass man bis auf den Knochen sehen kann. Dann bleibt nur noch die Option, in der Plastischen Chirurgie Gewebe zu verpflanzen.
Winterl: Für solche Patienten gibt es Spezialbetten. Dabei handelt es sich um ein Becken, das man sich wie eine Badewanne vorstellen kann. Unten befindet sich eine Art Glasperlen, die durch Luft aufgewirbelt werden. Aufgrund des Luftdrucks und der Glasperlen gibt es keine Auflagefläche – der Patient schwebt. Das ist für die Haut hervorragend, aber für das Körpergefühl natürlich nicht sehr angenehm. Bis sich die Haut erholt hat, muss man mehrere Tage darin liegen.
Wie häufig kommt es vor, dass man zu solchen Mitteln greifen muss?
Stich: Generell nimmt die Zahl der Patienten mit Dekubitus durch den demografischen Wandel, die Zunahme von Adipositas und Erkrankungen wie Diabetes zu. Man könnte fast schon sagen, dass es sich bei Dekubitus um eine Volkskrankheit handelt.
Winterl: Um vermehrt auf das Thema aufmerksam zu machen, veranstalten wir am kommenden Dienstag einen eigenen Dekubitus-Thementag, zu dem internes und externes Pflegepersonal, aber auch Ärzte und weitere Gesundheitsfachberufe eingeladen sind. Wir haben bereits mehr als 100 Anmeldungen.
Worum geht bei der Veranstaltung konkret?
Winterl: Wir sprechen über neue Erkenntnisse aus der Forschung, aber werden auch Workshops und praktische Vorführungen anbieten, beispielsweise mit dem Spezialbett. Die Teilnehmer sollen selbst erfahren, wie es sich anfühlt, darin zu liegen.
Stich: Solche Veranstaltungen wollen wir zukünftig regelmäßig durchführen. Dekubitus als erster Inhalt bietet sich auch deshalb an, weil er alle Berufsgruppen im Haus betrifft – und trotzdem ein Thema ist, bei dem die Pflege ihre Expertise zeigen kann. Es handelt sich um ein medizinisches Problem, bei dem die erste Einschätzung stets durch die Pflegekraft erfolgt. Deshalb finde ich das so wichtig.