Damit ein Sturz nicht tödlich endet: Mediziner erklären, wie sie hochbetagte Patienten versorgen

So früh wie möglich, so spät wie nötig nach Hause: Nach dieser Devise werden Patienten im Alterstraumazentrum am Caritas-Krankenhaus St. Josef behandelt. Priv.-Doz. Dr. Paul Schmitz, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie, und Prof. Dr. Rainer Kretschmer, Koordinator des Zentrums, erklären im Interview, was die Alterstraumatologie von anderen Stationen unterscheidet – und warum die Bedürfnisse älterer Menschen noch mehr an Bedeutung gewinnen müssen.
Wie sieht der klassische Patient aus, der im Alterstraumazentrum aufgenommen wird?
Priv.-Doz. Dr. Paul Schmitz: Er ist über 70 Jahre alt und hat sich bei einem Sturz einen Bruch im Bereich der Hüfte oder des Oberschenkels zugezogen. Neben dieser akuten Verletzung leidet er an Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Demenz. Der Heilungsverlauf findet bei ihm nicht mehr so statt, wie es bei einem jüngeren Menschen der Fall wäre.
Wird in so einem Fall immer operiert?
Schmitz: Nein, nur rund die Hälfte der Patienten, die bei uns stationär aufgenommen werden, werden operativ versorgt. Sehr viele Brüche werden konservativ behandelt, etwa mit Hilfe von Physiotherapie. Das Ziel ist eigentlich, dass eine Person, die im hohen Alter eine Verletzung erleidet, davon nicht so aus der Bahn geworfen wird, dass sie zum Beispiel eine Pflegeabhängigkeit entwickelt. Das funktioniert nicht immer, aber in den Strukturen eines Alterstraumazentrums deutlich besser. Dazu arbeiten wir in einem multiprofessionellen Team, das unterschiedliche Bereiche abdeckt.
Welche Experten braucht man, damit das funktioniert?
Schmitz: Neben Unfallchirurgen und Geriatern natürlich die Pflegekräfte, darunter spezielle geschulte Kräfte für Themen wie Demenz. Im Team sind außerdem Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Logopäden. Auch der Sozialdienst, der Patienten nach dem stationären Aufenthalt weiter unterstützt, ist wichtig.
Prof. Dr. Rainer Kretschmer: Ganz entscheidend sind außerdem die Angehörigen. Sie gehören zum Behandlungsteam dazu. Die Lebensumstände der Patienten sind oft sehr komplex, häufig liegen in dieser Altersgruppe dementielle Erkrankungen vor. „Für manche dieser Patienten kann ein Krankenhausaufenthalt der Auslöser für die Entwicklung eines Delirs sein, also eines Zustands akuter Verwirrtheit. Der Besuch von Angehörigen, die Dinge aus dem vertrauten Umfeld mitbringen, kann dem entgegenwirken.
Was hilft den Patienten noch?
Schmitz: Ich erinnere mich an einen Patienten, der morgens wie komatös im Bett lag. Wir haben ihn nicht zur Visite wach bekommen. Am dritten Tag haben wir erfahren, dass er ein Nachtmensch ist und immer bis 11.30 Uhr schläft. Nachdem wir den Tagesablauf auf ihn angepasst haben, gab es keine Probleme mehr. Da waren Informationen wichtig, die er uns selbst nicht geben konnte.
Kretschmer: Das ist ein gutes Beispiel dafür, was die Altersmedizin so komplex macht. Man muss sensibel sein und sich viele Gedanken über psychische Komponenten machen. Statt Patienten in einen bestimmten Krankenhaus-Rhythmus zu zwingen, beschäftigen wir uns mit den Biografien hinter den Fällen. Im Idealfall weiß das Behandlungsteam eine ganze Menge über den Patienten – und nicht nur über seine medizinischen Probleme. Das hilft bei der Heilung.
Das klingt sehr zeitintensiv.
Kretschmer: Absolut. Das unterscheidet ein Alterstraumazentrum auch von anderen Stationen. Gerade in Sachen Pflege sollten die Ressourcen, die ein alter Mensch hat, genutzt werden – zum Beispiel beim Zähneputzen, anziehen oder sich waschen. Wenn man diese Dinge einen Patienten selbst machen lässt, dauert es vielleicht dreimal so lang. Aber es ist aktivierende, therapeutische Pflege. Aus diesem Grund sollte so ein Zentrum auch einen anderen Personalschlüssel haben – wenn man die Leute dafür findet.
Setzen auch andere Häuser auf diese speziellen Stationen?
Kretschmer: Das Konzept hat enorme Verbreitung gefunden. Es hat sich gezeigt, dass sich dadurch nicht nur die Sterblichkeit senken lässt, sondern entlassene Patienten auch schneller wieder selbstständig werden. Unsere Klinik wurde 2014 als erstes Alterstraumazentrum der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie zertifiziert. Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum mehr als 160 Zentren. In Ländern wie Großbritannien oder Taiwan haben sich solche Strukturen allerdings noch viel früher etabliert.
Muss sich die Medizin in Zukunft noch mehr mit den Bedürfnissen älterer Patienten beschäftigen?
Schmitz: Die geriatrischen Aspekte, auf die im Zentrum besonders Wert gelegt wird, sollten sich auch in anderen medizinischen Disziplinen und grundsätzlich in Krankenhäusern einfinden. Durch den demografischen Wandel werden Patienten immer älter – nicht nur in der Unfallchirurgie.
Kretschmer: Es geht ja auch viel um das, was davor und danach passiert. Natürlich ist es schön, wenn wir die Patienten in der Klinik gut versorgen und die Menschen im Anschluss wieder nach Hause können. Aber wir sollten auch an Prävention denken, etwa in Bezug auf Osteoporose. Mit dem Alter verliert der Körper an Koordination und Balance – aber man kann das wieder trainieren und so beispielsweise Stürze abfangen. Um über dieses Thema aufzuklären, muss man die Krankenhausgrenzen verlassen und auch in den Austausch mit den niedergelassenen Kollegen treten.
Info: Zehn Jahre Alterstraumatologie am Caritas-Krankenhaus St. Josef
Zentrum: Das Caritas-Krankenhaus St. Josef wurde im Jahr 2014 als erstes Alterstraumazentrum der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie zertifiziert. Patienten sollen laut der Klinik nach ihrem Aufenthalt „so mobil wie möglich“ wieder nach Hause entlassen werden.
Runder Tisch: Die Klinik hat in diesem Zusammenhang zudem den „Regensburger Runden Tisch für Alterstraumatologie“ initiiert und ist Teil von „RatisBONE“, einem Projekt des Regensburger Ärztenetzes, das sich mit Themen wie Osteoporose und Prävention beschäftigt.
Symposium: Anlässlich des Jubiläums fand in der Klinik das Symposium „Stärker werden mit den Jahren“ statt. In Vorträgen ging es unter anderem um Themen wie Sturz- und Frakturprävention, aber auch um die Zukunft der Alterstraumatologie und moderne OP-Techniken.
