So viele Kaiserschnitte wie noch nie? Experten der Regensburger Geburtshilfe ordnen Zahlen ein

Immer mehr Kinder kommen per Kaiserschnitt zur Welt – so lautete das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichen Auswertung der Kaufmännische Krankenkasse (KKH), die sich auf deutschlandweite Zahlen aus dem Jahr 2023 bezieht. Fast 35 Prozent der Babys sollen demnach per Sectio, also mittels Bauchschnitt, geboren worden sein. In den Vorjahren, so heißt es in der Mitteilung der KKH, habe der Wert noch bei 30 bis 33 Prozent gelegen.
Ob die Zahlen auch in der Region nach oben gegangen sind, weiß Angela Köninger, Direktorin und Chefärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Klinik St. Hedwig. „Wir liegen mit einer Rate von 31,4 Prozent im bundesweiten Durchschnitt“, erklärt sie. In den letzten Jahren, so Köninger, sei an der Klinik keine Steigung zu verzeichnen.
Sicherheit ist ein Hauptfaktor
„Es gibt Indikatoren für einen Kaiserschnitt, die vermehrt auftreten. Jedoch nicht so stark, wie die Rate laut dieser Auswertung zuzunehmen scheint“, sagt sie. Die Ärztin weist daraufhin, dass die Zahlen nur für ein ausgewähltes Kollektiv gelten würden. „Wir haben von einer Krankenkasse in Deutschland höhere Fallzahlen gemeldet bekommen. Ich glaube, wir müssen dafür weitere Daten einbeziehen, bevor wir vorschnelle Schlüsse ziehen.“
Nichtsdestotrotz sieht auch Köninger eine Tendenz hin zu Kaiserschnitt-Geburten. „Der Hauptfaktor dafür ist Sicherheit“, sagt sie. „Die Menschen in unserer Gesellschaft haben ein großes Sicherheitsbedürfnis. Sie wollen Berechenbarkeit – und eine Geburt ist unberechenbar.“ Dennoch spricht sich die Medizinerin mit 22 Jahren Erfahrung in der Geburtshilfe dafür aus, sich nicht vorschnell gegen eine natürliche Entbindung zu entscheiden. „Es gibt Situationen, wo man von vorneherein weiß, dass eine natürliche Geburt mit Risiken verbunden ist. Aber zunächst ist sie für Mutter und Kind das, was die Natur erst einmal vorgesehen hat.“
Bei bestimmten Fällen unumgänglich
Wie die Ärztin erklärt, würden sich vaginal geborene Babys besser anpassen. „Sie halten Körpertemperatur und Blutzucker besser. Auch im weiteren Leben zeigt sich, dass die Konfrontation mit den mütterlichen Keimen im Genitaltrakt das Risiko für Asthma und Atemwegserkrankungen reduziert.“ Unumgänglich sei ein Kaiserschnitt etwa bei einer sogenannten Plazenta praevia, einer Fehllage des Mutterkuchens, bei schweren Schwangerschaftsvergiftungen oder einer Querlage des Kindes. Oft entscheide sich erst während einer Geburt, dass ein Kaiserschnitt gemacht werde.
„Was man sagen kann, ist, dass Fälle von Schwangerschaftsdiabetes zunehmen. Ebenso ist es so, dass viele ältere Frauen gebären und auch die reproduktionsmedizinischen Behandlungen mehr werden“, fügt Köninger hinzu. Wenn ein Kaiserschnitt gemacht werde, gebe es immer eine Berechtigung dafür.
„Kaisergeburt“ wird immer beliebter
Auch am Caritas-Krankenhaus St. Josef wird kein Kaiserschnitt-Höchstwert erreicht. Die Rate der Geburten per Sectio lag im Jahr 2023 bei 25 Prozent. „Jede Frau wird bei uns medizinisch beraten“, sagt Maximilian Voigt, Oberarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Universität Regensburg am Caritas-Krankenhaus, „wir sprechen über mögliche Sorgen, ihre gesundheitliche Vorgeschichte und die Biografie.“ Laut dem Mediziner habe der Wunsch nach einer natürlichen Geburt in den letzten Jahren eher zugenommen.
„Natürlich kann ein Kaiserschnitt dennoch, auch ohne ganz harte medizinische Gründe, bei manchen Fällen sinnvoll sein“, so Voigt. Ist eine Operation notwendig, würden sich immer mehr Frauen für eine sogenannte Kaisergeburt entscheiden. „Dabei handelt es sich um eine Variation des Kaiserschnitts, bei der die Mutter den Moment, in dem das Kind geboren wird, miterlebt“, erklärt er. Die Mutter könne einen Blick auf das Neugeborene werfen und den ersten Schrei hören.
Dass Krankenhäuser aufgrund besserer Planbarkeit häufiger zu einem Kaiserschnitt raten würden, kann Voigt nicht bestätigen. „Bei uns kommt es fast jede Woche vor, dass eine Frau mit einem geplanten Kaiserschnitt aufgrund eines vorzeitigen Blasensprungs vorgezogen werden muss.“
Internet-Recherche schürt Angst
Hebamme Andrea Günther bringt ebenfalls viel Erfahrung in der Geburtshilfe mit – auch außerhalb der Kliniken. Seit mehr als 30 Jahren betreut sie vor allem Hausgeburten. „Frauen finden und wählen mich aufgrund der ganzheitlichen Betreuung“, sagt sie.
Dass die Kaiserschnitt-Rate laut der KKH einen Höchststand erreicht haben soll, sieht sie kritisch. „Erstrebenswert ist ein Kaiserschnitt nicht, da es sich um eine große Bauch-OP handelt. Vielen ist nicht bewusst, was das bedeutet.“ Grundsätzlich, so Günther, halte sie die Möglichkeit, per Kaiserschnitt zu entbinden, „für eine grandiose Errungenschaft“. „Das ist nichts, was ich mir aussuche. Es kann die Rettung sein. Es gibt viele Fälle, in denen die Beteiligten einfach nur dankbar sind“, betont sie. Günther kennt allerdings auch Frauen, die nach einem Kaiserschnitt nicht nur physisch, sondern auch mental zu kämpfen haben. „Das Erleben ist individuell. Aber was ich sehr oft höre, ist, dass es dann bei der nächsten Schwangerschaft auf jeden Fall eine natürliche Geburt werden soll.“
Die Hebamme wünscht sich, dass Frauen „einen aktiveren Zugang“ zu sich und zum Thema Geburt finden würden. „Hebammen sollten schon in der Schwangerschaft sehr viel präsenter sein. Ein Geburtsvorbereitungskurs allein reicht nicht. Wenn Frauen sich ansonsten nur im Internet informieren, schürt das die Angst.“

