Nach der dritten Pleite im Köferinger Graf-Lerchenfeld-Quartier: Bauherr hat schlaflose Nächte

Von Marion Koller · 15. Oktober 2024 um 18:40

Im Köferinger Graf-Lerchenfeld-Quartier (Landkreis Regensburg) hat die dritte Wohnungsbaufirma Insolvenz angemeldet. Nun stehen die Bauherren ohne Generalübernehmer da. Allmählich macht sich Verzweiflung breit.

Die schlechten Nachrichten aus dem Graf-Lerchenfeld-Quartier reißen nicht ab. Am Freitag hat die Köfering Projektbau GmbH Insolvenz angemeldet. Das ist die dritte Pleite von Generalübernehmern in dem Baugebiet. Ursprünglich hatte sich die Urban Green Wohnbau verpflichtet, die Häuser bis Ende 2024 fertigzubauen. Mitte September zog sie sich zurück. Unter dem neuen Namen Köfering Projektbau wurde sie – wohl für einen symbolischen Betrag – an einen neuen Investor verkauft.

Zuletzt hatte die Urban Green an 170 Bauherren einen Brandbrief geschickt, in dem sie auf hohe Mehrkosten hinwies und auf ein Minus in Höhe von rund fünf Millionen Euro. Auch wegen ausbleibender Zahlungen der Bauherren sei die Projektgesellschaft existenzgefährdet. Nun stehen die Käufer ohne Generalübernehmer da. Allmählich macht sich Verzweiflung breit.

Hohe Kosten seit März 2023

Gunther Hiebsch verwahrt sich dagegen, dass die Bauherren schuld sein sollten. Er habe dreimal falsche Rechnungen erhalten. Der 34-Jährige fragt sich: „Fünf Millionen Euro Miese – wer kauft das?“ Hiebsch und seine Frau haben im Frühjahr das zweite Kind bekommen. Der Einzugstermin in die Doppelhaushälfte wäre im März 2023 gewesen. Doch die Familie, die eine halbe Million Euro investiert hat, wohnt immer noch in der Mietwohnung und zahlt doppelt: Miete und Bereitstellungszinsen. „Wir haben den größten Fehler überhaupt gemacht“, sagt der Akademiker, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Von der Doppelhaushälfte steht der Rohbau mit Dach und Fenstern. Schwere Mängel liegen vor.

Paar investiert mehr als 600.000 Euro in Einfamilienhaus

Genauso schwierig ist die Situation von Ludwig Strasser und seiner Frau Sonja (Namen geändert). Das Paar hat mehr als 600 000 Euro in ein Einfamilienhaus investiert. „Weitere 150 000 Euro sind noch offen“, sagt der Bauherr. Wenn er von einer anderen Firma weiterbauen lassen müsse, reiche das auf keinen Fall.

„Die Lage ist dramatisch“, sagt der 37-Jährige. „Ich habe viele schlaflose Nächte, Angst und Sorge. Eigentlich sind wir nur veräppelt worden, seit wir das gekauft haben.“ Das Paar weiß noch nicht, wie es weitermachen wird. „Wir lecken noch unsere Wunden.“ Eines weiß Strasser aber genau: „Alles wird deutlich teurer.“ Damit meint er die Mängelbeseitigung im nassen Keller und die Fertigstellung.

Jeden Monat verliert das Paar 1500 Euro

Der Einzugstermin wäre Mai 2023 gewesen. Bisher ist nur der Rohbau hochgezogen worden. Das Haus hat ein Dach und Fenster, aber das gesamte Innenleben fehlt, vom Estrich über die Heizung bis zur Elektroinstallation. Sarkastisch sagt er: „Wir zahlen doppelt für das beliebteste Baugebiet Bayerns, das Leuchtturmprojekt.“ Damit spielt er auf die Hochglanzwerbung der Graf Lerchenfeld Quartier GmbH & Co KG (GLQ) mit Geschäftsführer Markus Dirnberger auf Instagram an. Die Strassers verlieren jeden Monat 1500 Euro.

Auch in den Keller von Familie Hiebsch dringt wie bei fast 80 weiteren Häusern Feuchtigkeit ein. Der Schornstein sei falsch eingesetzt worden, so dass die Statik nicht mehr gewährleistet sei, sagt Gunther Hiebsch. Für die bodentiefen Fenster im Obergeschoss sei kein Sicherheitsglas verwendet worden. Er könnte noch viele weitere Mängel aufzählen, die ein Gutachter feststellte. Dieser kommt auf Kosten von 30 000 Euro. Die Probleme gehen jedoch nicht auf Urban Green, sondern auf die insolventen Vorgänger Liaton I und II zurück.

„Wir hatten kein Wahlrecht, nur das Grundstück zu kaufen“

Ein Schreiben von Markus Dirnberger vom Montag (siehe Infotext) bezeichnet Ludwig Strasser als „absolute Frechheit“. „Es stimmt nicht. Wir hatten kein Wahlrecht, nur das Grundstück zu kaufen. Das wurde uns nie angeboten. Es hätte auch kein Interesse bestanden, weil der Grund so teuer war.“ Die Frage sei zudem, was Urban Green mit den genannten Millionen der GLQ gemacht habe.

Wo sind die Millionen?

Die Gemeinde wird wegen der nassen Keller mit dem Wasserwirtschaftsamt (WWA) klären, ob eine dauerhafte Grundwasserabsenkung möglich ist. „Sollte dies der Fall und die Kosten für uns machbar sein, würde die Grundwasserabsenk-Anlage durch die Gemeinde eingerichtet und betrieben“, sagt Bürgermeister Armin Dirschl. Die Kosten werde die Kommune übernehmen.

Ein Planungsbüro soll die Unterlagen für das Gespräch mit dem WWA ausarbeiten. Der Bauausschuss werde sich noch im Oktober mit der Gestaltungssatzung im Graf-Lerchenfeld-Quartier befassen. Gestalterische Aspekte, die Kosten für die Bauherren mit sich bringen, sollen geprüft werden. Der Graf Lerchenfeld Quartier GmbH & Co KG werde empfohlen, diese aus der Satzung zu nehmen. Außerdem wird eine Plattform geschaffen, um die Bauherren mit Firmen zusammenzubringen.

„Jeder ist mit den Nerven am Limit, fast panisch“

Gunther Hiebsch will mit einer kleinen Firma auf eigene Faust weiterbauen. Auf ein gemeinsames juristisches Vorgehen konnten sich die Bauherren nicht einigen. „Jeder ist mit den Nerven am Limit, fast panisch“, sagt Ludwig Strasser. „Man bekommt zurzeit keine Gesamtdynamik rein.“ Und eine Klage koste wieder Geld.

So reagiert die Graf Lerchenfeld Quartier GmbH

Schreiben: Geschäftsführer Markus Dirnberger von der Graf Lerchenfeld Quartier GmbH & Co KG (GLQ) hat am Montag einen Brief an die Bauherren verschickt. Vom Verkauf der Urban Green habe er erst von Dritten erfahren. „Die Graf Lerchenfeld Quartier GmbH & Co KG hat im Zusammenhang mit dem Projekt Grundstücksparzellen mit Baurecht inklusive Erschließungsleistungen und Übernahme von Infrastrukturabgaben an die Gemeinde etc.... verkauft und ausdrücklich keine Verantwortung für die Ausführung der Bebauung übernommen.“

Liaton und Urban Green: Die Firma Liaton Wohnbau habe Corona, Ukrainekrieg und Inflation ebenso wenig vorhergesehen wie jeder andere. „Letztlich stand es den Grundstückserwerbern aber grundsätzlich frei, auch andere Bauunternehmen zu beauftragen.“ Nach dem Scheitern der Liaton habe Urban Green den Bauherren neue Verträge zu denselben Konditionen angeboten. Dies sei unter der Voraussetzung erfolgt, dass die GLQ Geld zur Abfederung der Urban Green entstehenden Mehrkosten zur Verfügung stelle. Die GLQ habe mehrere Millionen Euro bereitgestellt, die nun angeblich verbraucht seien.