Lesen lernen ist an der Bräugassenschule in Neumarkt ein Herzensprojekt

Von Eva Gaupp · 16. Oktober 2024 um 05:00

Mittagspause. Mit dem schrillen Klingeln erobern Lachen, fröhliches Geschnatter und hundertfache Schritte das Schulhaus bis fast in den letzten Winkel. Nur in der Bibliothek unter dem Dach bleibt es still. Und das soll auch so sein. Denn in der Grundschule an der Bräugasse nimmt Lesen einen ganz besonderen Stellenwert ein.

„Lesen ist die Basis von allem“, sagt Rektorin Stefanie Schäffer. Wer nicht gut lesen kann, könne auch andere Fächern nicht lernen. In einer Schule, die Kinder aus 25 Nationen besuchen, bedeutet Lesen lernen aber noch sehr viel mehr, als nur Buchstaben zu Worten zusammenzufügen.

Das wird vor allem deutlich, wenn die elf ehreamtlichen Lesepaten zum Einsatz kommen. Zehn Frauen und ein Mann unterstützen seit Jahren die Lehrkräfte dabei, die Lesekompetenz der Mädchen und Buben zu üben. Während des Unterrichts nehmen sie entsprechend eines festen Stundenplans einzelne Kinder raus, um gemeinsam vorgegebene Texte zu lesen.

Schüler gründen Lesezirkel in der Neumarkter Grundschule

Und es sind bei weitem nicht nur schwache Schüler, die mit den Lesepaten ins Nebenzimmer verschwinden. „Das ist die besondere Atmosphäre“, sagt Kathrin Petter, die die Lesepaten organisiert. „Es geht nicht um Müssen, sondern um Wollen.“ Denn kaum habe eine Lesepatin das Klassenzimmer betreten, schnellten auch schon die Finger in die Höhe.

Im vergangenen Schuljahr hätten fünf Kinder aus ihrer zweiten Klasse sogar eine Lektüre-Gruppe gebildet und gemeinsam mit ihrem Paten ein ganzes Buch während des Schuljahres gelesen. „Das ist in diesem Alter sehr bemerkenswert“, sagt Petter. Dank der Paten gelingt es, im Deutschunterricht den Bedürfnissen der einzelnen Kinder gerecht zu werden.

Was Pädagogen als „Differenzierung“ bezeichnen, hat für Stefanie Schäffer ganz viel mit Motivation zu tun. „Die Kinder werden angenommen, sie werden wichtig genommen. Und während der Lesezeit haben auch persönliche Dinge Platz.“ Das hat Adelheid Bieberich schon oft erlebt.

Neumarkter Lesepaten schaffen Vertrauen

Die Theologin kam vor vielen Jahren über die Freiwilligenagentur der Stadt Neumarkt zu diesem Ehrenamt. „Ich habe keine eigenen Enkel und wollte etwas Sinnvolles tun.“ Zwei Stunden pro Woche liest sie mit Schülern, die ihr manchmal von traumatischen Erfahrungen während ihrer Flucht nach Deutschland erzählt haben. „Das ist manchmal sehr emotional“, sagt Bieberich, der die Kinder über das Schuljahr hinweg ans Herz wachsen. „Dafür ist Raum. Schließlich muss ich keinen Stoff durchpauken und keine Noten vergeben.“ Das schaffe eine vertrauensvolle Atmosphäre.

Ein ehemaliger Gymnasiallehrer ist als einziger Mann zum Team der Lesepaten gestoßen. Nach seiner Pensionierung geht er jetzt wieder regelmäßig zur Schule: Er habe so viel Freude am Lesen mit den Kindern, dass er vom Lese- zum Lernpaten wechseln möchte. „Die Kinder sind sehr empfänglich und merken, dass es ihnen gut tut.“

„Jedes Kind soll ein Recht darauf haben, so individuell wie möglich gefördert zu werden.“ Stefanie Schäffer, Rektorin

Was es damit auf sich hat, erklärt Kathrin Petter: Die Ehrenamtlichen können sich aussuchen, ob sie nur vorlesen, abwechselnd mit den Kindern lesen oder ihnen neben deutsch auch in anderen Fächern zur seite stehen. Die notwendigen Unterrichtsmaterialien erhalten sie von den Lehrkräften.

Lesen sei auch eine „Zeit fürs Herz“, sagt Schulleiterin Schäffer. Deshalb ist zum Beispiel die große Pause zweigeteilt – während sich die eine Hälfte der Schüler im Hof austobt, kann die andere ihre Brotzeit genießen und dabei einem Lehrer lauschen, der vorliest. „Auf diese Weise essen die Kinder zuverlässig ihr Pausenbrot und haben nachher die Hände frei, um sich zu bewegen“, zeigt Kathrin Petter einen positiven Nebeneffekt auf. „Außerdem sind alle neugierig, wie die Geschichte weitergeht.“

Gemütliche Leseecken in der Schulbibliothek

In der schuleigenen Bibliothek, die sich um das Gütesiegel „Schulbibliothek“ bewirbt, können sich die Mädchen und Buben zweimal pro Woche Lektüre für Zuhause ausleihen oder es sich unterm Dach auf einem der Sitzsäcke gemütlich machen und schmökern. Zwei Zelte bieten überdies die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Zusammen mit Lesekoordinatorin Doreen Böll übernehmen Viertklässler die Ausleihe.

Ab der zweiten Klasse steht außerdem die sogenannte „Leseschiene“ im Stundenplan: Die Kinder werden ihrem Niveau entsprechend klassenübergreifend in Gruppen eingeteilt und erhalten ein zusätzliches Lese-Intensivtraining. Ganz neu wird das bayerische Lesescreening „Byles“ genutzt, um über einen Test das Niveau abzufragen.

„Jedes Kind soll ein Recht darauf haben, so individuell wie möglich gefördert zu werden“, sagt Rektorin Stefanie Schäffer. Und Kathrin Petter ergänzt: „Kinder lernen durch Nachahmen. Das gilt auch fürs Lesen. Das wird nur oft vergessen.“

In den Regalen warten Bücher darauf, von den Neumarkter Schülern entdeckt zu werden. Im Zelt oder auf Sitzsäcken können sie schmökern. Foto: Gaupp
Zweimal in der Woche können Bücher in der Bücherei der Neumarkter Grundschule an der Bräugasse ausgeliehen werden. Foto: Gaupp