150 Jahre Berufsschule: Aus der Feiertagsschule wurde Neumarkts größtes Schulzentrum

Es begann mit einem einzigem Raum für ein Dutzend Schüler – und entwickelte sich zu einem vielfältigen Ausbildungszentrum für über 2000 Jugendliche. Und noch heute ist manches einzigartig an der Berufsschule in Neumarkt.
Das ist zunächst die schiere Größe. Das Schulgelände am Deininger Weg misst 11.000 Quadratmeter. Und praktisch hinter jeder Tür befindet sich eine andere Welt: So wird in den Labors der Technikerschule an Drohnen gebastelt, die mittels künstlicher Intelligenz selbstständig fliegen. Ein paar Räume weiter greifen die Zimmerer in ihrer Werkstatt ganz traditionell zum Holzhammer. Die Friseurinnen von Morgen schieben ihre Wägelchen durch die Gänge, KFZ-Mechatroniker schrauben an Autos und Agrarwirte kümmern sich um die Bienen der Schul-Imkerei.
Große Geburtstagsfeier
Denn auch in der Woche vor den Ferien ist hier noch einiges los. Die letzten Prüfungen werden abgelegt und viele Abteilungen arbeiten schon für die große Geburtstagsfeier am 19. Oktober. Die soll nämlich ein großes Fest für die ganze Familie werden, zu dem jeder Bereich etwas beiträgt: Die Agrarwirtschaftler planen einen Streichelzoo, die Zimmerer zeigen ihrer traditionellen Tanz und die Techniker bieten Vorträge zum Energiesparen.
Eine besondere Aufgabe hat der Bereich Metalltechnik. Er bastelt einen stählernen Stammbaum, der die Entwicklungsgeschichte der Schule darstellt. Diese begann schon vor dem offiziellen Gründungsjahr 1874. Damals konnten Handwerksgehilfen in der „Feiertagsschule“ praktisches Wissen erwerben: Ein Kanal-Ingenieur lehrte Zeichnen, ein Militärarzt Biologie und der damalige Oberbürgermeister Josef Feldbauer unterrichtete Buchführung und gewerblichen Briefverkehr.
Neumarkt fordert neue Schule
Diesem Vorläufer der Berufsschule, der in einem kleinen Raum im Rathaus untergebracht war, blieb aber nur wenig Erfolg beschieden: Da es keine Schulpflicht gab und der Unterricht erst spät am Abend stattfand, besuchte nur etwa ein Dutzend Schüler die Kurse. Aus diesem Grund machte sich der Magistrat der Stadt dafür stark, eine Schule einzurichten, deren Besuch „für alle Fabrikarbeiter und Gewerbsgehilfen“ verpflichtend war – und die keine Gebühren kosteten sollte.
Eröffnung 1874
So wurde am 17. Oktober 1874 die „Königliche Gewerbeschule zu Neumarkt in der Oberpfalz“mit sechs Lehrern und etwa 100 Schülern in drei Klassen eröffnet. In den folgenden Jahren wechselte die Schule des öfteren ihren Namen und ihren Standort. Der Tiefpunkt war dabei die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als die 400 Berufsschüler im zerstörten Neumarkt in einer behelfsmäßigen Baracke unterrichtet wurden. Mit dem Wirtschaftswunder der 1950er Jahre ging es dann aber auch für die Schule wieder bergauf.
Neue Gebäude nötig
Seit 1983 ist die Schule im aktuellen Gebäude am Deininger Weg untergebracht. Doch in der Praxis merkt man inzwischen, dass die Räume nicht mehr auf dem neusten Stand sind: „In den 80ern waren Theorie und Praxis noch streng getrennt“, sagt Schulleiter Albert Hierl. So sei auch das Schulhaus gebaut worden – ein Gebäude für Klassräume, eines für Werkstätten. Diese Trennung sei nicht mehr zeitgemäß, so Hierl. Um die Wirklichkeit in den Betrieben zu simulieren, bekommen die Jugendlichen heute Aufgaben, die sie von Anfang bis Ende lösen. Dabei greifen Praxis und Theorie ineinander und die Berufsfelder tauschen sich untereinander aus.
115 Millionen für neues Schulgebäude
Auch beim Landkreis Neumarkt, dem Kostenträger der Schule, ist unstrittig, dass die Schule modernisiert werden muss. „Die Frage ist nicht ob, sondern wie“, sagt Kämmerer Markus Mederer. 115 Millionen will der Landkreis maximal in die Hand nehmen. Aktuell läuft eine Machbarkeitsstudie, die vier Varianten testet, wie es mit der Schule weitergehen kann. Dafür wurden Vertreter des Landkreises, der Schule und der Innungen gemeinsam an einen Tisch gebracht. Federführend ist das Rosenheimer Architekturbüro Krug-Grossmann, das laut Mederer in Weilheilm eine vorbildliche, moderne Berufsschule geplant hat. Das Ergebnis der Studie wird Ende des Jahres erwartet.
Flächentausch mit ASV Neumarkt?
Der Standort am Deininger Weg soll in allen Varianten erhalten bleiben, wobei eine Version einen Flächentausch mit dem benachbarten ASV Neumarkt vorsieht: „Alle Beteiligten haben zugestimmt, falls es zu dieser Variante kommt“, sagt Mederer. Gleich bleiben wird auch im neuen Gebäude der enge Bezug zur Praxis: „Viele unserer Lehrer sind Handwerksmeister oder Techniker mit zusätzlicher pädagogischer Ausbildung“, sagt Hierl. „So bleiben wir immer nah an den aktuellen Entwicklungen.“
Neumarkter Gewerke brauchen Nachwuchs
Das weiß man auch außerhalb der Schule zu schätzen: „Wir sind sehr froh, die Berufsschule in Neumarkt zu haben“, sagt Patrick Brandl, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. „Es ist ein Riesenvorteil für die Betriebe der Region, wenn die Auszubildenden nicht nach Nürnberg oder Regensburg abwandern.“ Denn beim Kampf um Nachwuchs, der in allen Branchen spürbar ist, sei die Strahlkraft der Berufsschule unverzichtbar.

