Für Waldmünchner Wildschweine ist das Leben gefährlicher geworden

Von Mittelbayerische Zeitung · 11. Oktober 2024 um 05:00

Für Wildschweine ist das Leben im Landkreis Cham und mittlerweile in ganz Bayern gefährlicher geworden. Der Grund sind Nachtsichtgeräte. Die sind seit 2020 im Landkreis Cham zur Jagd auf die Schwarzkittel für die Jäger auf Antrag erlaubt. Mittlerweile hat der bayerische Gesetzgeber dies im Mai 2024 auch im Jagdgesetz landesweit zugelassen. Zusätzlich wurde auch die Nutzung von Schalldämpfern bei der Jagd erlaubt.

Für uns ein Anlass, bei einem Jäger, aber auch beim Landratsamt nachzufragen, wie sich die Nutzung der Nachtsichtgeräte auf die Wildschweine ausgewirkt hat. „Der Bestand ist in den überwiegenden Revieren stark zurückgegangen“, sagt Stephan Daiminger. Er ist der Vorsitzende der Waldmünchner Kreisgruppe des Bayerischen Jagdverbandes (BJV). Im Gespräch wird klar, dass die Jäger in den vergangenen Jahrzehnten einen langen Weg bis zu einer besseren Nachtsichttechnik gegangen sind. Daiminger erinnert daran, dass man früher zumindest ordentliches Mondlicht bauchte, um Wildschweine jagen zu können. Teilweise hätten Jäger helles Stroh ausbreiten müssen, um auf den schwarzen Wildschweinumriss davor schießen zu können.

Angst vor der Schweinepest

Aber warum wurde nicht längst schon die vorhandene Nachsichttechnik genutzt? Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen wollte der Gesetzgeber die Waffentechnik nicht allgemein zugänglich machen. Wegen Tierseuchen wie der afrikanischen Schweinepest wurde diese Überlegung über Bord geworfen. Seit 17. Mai können Jäger in Bayern mit Nachtsichtgeräten auf Schwarzwild und Raubwild jagen. In der Pressemitteilung aus dem Jagdministerium heißt es dazu: „Wir erleichtern die Bejagung dieser überwiegend nachtaktiven Tiere, die in der Landwirtschaft (...) großen Schaden anrichten oder sogar Tierseuchen verbreiten.“

Noch genauer schildert das die Untere Jagdbehörde im Landratsamt auf unsere Anfrage: „Nachdem in den Jahren ab 2010 aufgrund stetig zunehmender Schwarzwildbestände auch die durch Schwarzwild verursachten Wildschäden ein zunehmendes und großes Problem wurden, aber auch steigende Gefahren für den Ausbruch von Tierseuchen wie der ASP oder der Aujeszkyischen Krankheit erkannt wurden, wurde der Weg für die Bejagung des Schwarzwildes mittels Nachtsichttechnik geebnet. Zunächst war dies nur auf Antrag und im Einzelfall möglich.“ 187 Jäger erhielten im Landkreis eine solche Einzelfallgenehmigung. Jetzt hat das das Gesetz für alle Jäger geregelt.

Dass die Afrikanische Schweinepest kein weit entferntes Problem ist, haben „seit Mitte Juni 2024 Fälle in Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg“ gezeigt, heißt es auf der Homepage des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Zusätzliche Sorgen bereitet im Landkreis Cham dabei die Nähe zu Tschechien und die mögliche Verbreitung über Wildschweine beiderseits der Grenze.

Der andere Widerstand gegen die Nachtsichtgeräte sei aus der Jägerschaft selbst gekommen, sagt Daiminger. Einige Jäger hätten die Jagd mit den Nachtsichtgeräten als „nicht waidmännisch“ empfunden. Daiminger sieht das ganz anders. Zum einen habe sich die Jagdtechnik seit jeher entwickelt: Von Kimme und Korn zum Zielfernrohr, über den Rotpunkt als Zielhilfe bis hin zum Nachtsichtgerät. Zum andern sei die Jagd mit dem Nachtsichtgerät sogar seiner Ansicht nach die waidmännischere Art zu jagen. So könne man die Tiere genau unterscheiden, könne sehen, was „eine Bache, ein Frischling, ein Überläufer“ sei und könne einen gezielten Schuss abgeben. Und nur ein gezielter Schuss sei „waidgerecht“.

Vom Reporter auf das Thema Sicherheit angesprochen, sagt Daiminger, dass das die Grundvoraussetzung sei. In Jägersprache antwortet er: „Ein Schuss fliegt erst dann, wenn das Ziel zu 100 Prozent angesprochen werden kann!“ Was übersetzt soviel heißt wie, dass erst dann geschossen wird, wenn man genau weiß, auf was und wohin genau.

Dass der Wildschweinbestand fühlbar zurückgegangen sei, habe aber nicht nur mit der besseren Technik zu tun, sondern auch mit der „effektiven Bejagung“. Damit meint Daiminger Drückjagden und treffsichere Jäger. Letzteres sei durch das Üben auf dem Schießstand gewährleistet. Wenn zum Beispiel ein Maisfeld mit einer Rotte darin umstellt werde, dann erwische man mit guten Schützen natürlich mehr Tiere.

Dass sich die Jagd verändert habe, das hätten auch die Wildschweine bemerkt. Sowas wie eine „dumme Sau“ gebe es nämlich nicht, lobt Daiminger sein Wild und gibt zu, dass das einen Teil des Reizes der Jagd auf Wildschweine ausmacht. Vor der Einführung der Nachtsichtgeräte hätten es sich Wildschweine durchaus über Tage in einem Maisfeld gemütlich gemacht. Seit sie aber gemerkt haben, dass es mit der Jagd auf sie sehr schnell gehen kann, weil der Jäger nicht mehr auf gutes Licht warten muss, komme das seltener vor, erzählt Daiminger.

Dass der Bestand an Wildschweinen im Landkreis Cham rückläufig ist, das zeigen auch die Zahlen der Unteren Jagdbehörde im Landratsamt Cham. Einen Hinweis auf die Wildschweinbestände geben die jeweiligen Jagdstrecken. Die lagen im Jagdjahr 2019/2020, also vor fünf Jahren, bei 2200 erlegten Wildschweinen. Das war auch der Höchststand im Landkreis. Mittlerweile sind die Wildschweinabschüsse um über die Hälfte gesunken. Das im März abgelaufene Jagdjahr 2023/24 zeigt nur noch 1050 erlegte Wildschweine.

Das Landratsamt erkennt darin einen „stetigen Rückgang“ und lobt die „enorme Anstrengung“ der Jäger, die sich darin ausdrücke. Der Rückgang ist sogar so stark, dass Daiminger als Jäger augenzwinkernd bekennt, er hätte gern wieder ein paar Wildschweine mehr, schließlich hätten sie hervorragendes Fleisch.

Schalldämpfer schützt Jäger

Mit dem neuen Jagdrecht wurden auch Schalldämpfer zugelassen. „Seither können Schalldämpfer für Jagdlangwaffen aufgrund des persönliches Interesses von Jägern am Gesundheitsschutz (Schutz des Gehörs) verwendet werden“, antwortet die Pressestelle des Landkreises auf Anfrage. Bisher sei so etwas nur auf Antrag möglich gewesen.

Daiminger bestätigt, dass der wesentliche Grund für einen Schalldämpfer der Gehörschutz für Jäger und Jagdhund sei und nicht etwa ein etwaiger Vorteil bei der Jagd, wie der Laie vermuten würde.