Junger Mann schleift Ladenmitarbeiter auf Motorhaube mit – Urteil lautet auf versuchten Totschlag

Von Martin Rutrecht · 6. Oktober 2024 um 15:00

Die Szenen muten an wie aus einem Actionfilm, waren in der Realität aber lebensgefährlich: Ein junger Mann gabelte einen Ladenmitarbeiter auf die Motorhaube eines im Landkreis Kelheim geklauten Autos und schleifte ihn Hunderte Meter mit. Das Landgericht Regenburg verurteilte ihn nun unter anderem für versuchten Totschlag.

Alles begann mit dem Plan, einfach abzuhauen. Zwei junge Männer (heute 19 und 22 Jahre alt), die nicht aus der Region Kelheim stammen, sich aber in einer Einrichtung im Landkreis begegneten, schritten am 27. Januar 2023 zur Tat, um den Drang nach Freiheit auf illegale Weise umzusetzen. Sie brachen in eine Kfz-Werkstatt im Landkreis ein. Zwei abgestellte Autos – einen Audi A4 und einen BMW 116d (Gesamtwert: 24.500 Euro) – machten sie flott.

Dann entschieden sie sich für den Audi. Der heute 22-Jährige übernahm das Steuer (eine Fahrerlaubnis besaß er nicht). Nach einigen Kilometern streikte der Pkw und wurde auf einem Pendlerparkplatz abgestellt. Das sollte aber nicht das Ende ihres Trips sein.

Von einem Lkw-Fahrer ließ sich der Ältere des Duos zurück zur Werkstatt bringen, um jetzt den BMW zu stehlen. Mit diesem Wagen passierten sie die Grenze nach Tschechien. Weil die Batterie des Autoschlüssels Leerstand anzeigte, steuerten sie in der Gemeinde Blatna einen Elektromarkt an.

In Schlangenlinienfahrt auf die Straße

Wo der Jüngere die Batterie für 2,87 Euro klaute. Von einer Angestellten wurde er dabei beobachtet. Einer ihrer Kollegen rannte auf den Parkplatz und wollte den davonfahrenden BMW stoppen. „Er ist vor das Auto und auf die Motorhaube gesprungen“, gab der 22-jährige Fahrzeuglenker bei einem ersten Prozess noch vor dem Jugendschöffengericht an. Dass er den sich an die Motorhaube klammernden Mann durch Schlangenlinienfahren „mit 25 bis 30 km/h“ abschütteln wollte, bestritt er nicht. Schließlich fiel der Ladenmitarbeiter auf die Straße, das Duo fuhr weiter. Die tschechische Polizei verhaftete die beiden Männer wenig später.

Der tschechische Ladenmitarbeiter schilderte das Geschehen deutlich dramatischer. „Der Wagen ist auf mich zugerollt und hat mich umgestoßen.“ Der 29-Jährige rappelte sich hoch. „Plötzlich fuhr das Auto schnell an, ich konnte nicht ausweichen und bin auf die Motorhaube gesprungen.“ So ging es raus auf die Straße. „Ich habe mich an die Kante vor der Windschutzscheibe geklammert, weil ich nicht auf die Gegenfahrbahn, wo auch aus Autos kamen, fallen wollte.“

Fahrer ignoriert Klopfen und „Halt“-Rufe

Klopfen an die Scheibe und „Halt“-Rufe hätte der Fahrer ignoriert. Schließlich ließ sich der Ladenmitarbeiter – nach seinen Angaben bei mehr als Tempo 50 – nach etwa 300 Metern seitlich von der Motorhaube fallen, als sich kein Auto aus der Gegenrichtung näherte. Blutergüsse, Schmerzen am rechten Bein, Panikattacken und Schlafstörungen waren die Folgen, so der Tscheche.

Die Staatsanwaltschaft, die zunächst nur auf gefährliche Körperverletzung abgezielt hatte, sah angesichts der Schilderungen des Zeugen ein versuchtes Tötungsdelikt gegeben. Das Verfahren gegen den heute 22-Jährigen ging an die 2. Strafkammer des Landgerichts Regensburg. Sein Mittäter erhielt vom Amtsgericht eine Jugendhaftstrafe (auch wegen anderer Delikte) von drei Jahren und vier Monaten.

Sechs Jahre Haft für eine Reihe an Straftaten

Der Fahrer des geklauten Autos wurde jetzt verurteilt – zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren. Die wilde Fahrt mit dem Ladenmitarbeiter auf der Motorhaube wurde als versuchter Totschlag gewertet. Dazu kamen Diebstahl in Tateinheit mit Sachbeschädigung, mit Urkundenfälschung und vorsätzlichem Fahren ohne Fahrerlaubnis, gefährliche Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr sowie Fahrerflucht.