Das war’s mit der Kunst: Nach 13 Jahren schließt Ernst Böhm seine Galerie am Stadttor

Ein Café wäre ihm eigentlich lieber gewesen – würde das nur nicht so viel Geld und Nerven kosten. Stattdessen eröffnete Ernst Böhm vor 13 Jahren in Hemau (Landkreis Regensburg) die „Galerie am Stadttor“. Bald wird er seine Oase für Kunst und Krempel zum letzten Mal abschließen.
Was als Plan B begann, wurde zu einem Mini-Wahrzeichen von Hemau: Wohl jeder Bürger kennt den kleinen roten Kasten am nördlichsten Ende des Stadtplatzes mit Schaufenstern voller Kunst, der Aufschrift „Galerie am Stadttor“ und bis vor kurzem zwei lebensgroßen Kuh-Statuen auf dem Dach. Bald ist dieses Mini-Wahrzeichen Geschichte, denn der Galerist hängt das Projekt an den Nagel.
Wie ein sizilianischer Mafiapate sitzt Ernst Böhm in seinem goldenen Sessel an seinem zwei Meter langen Massivholz-Schreibtisch unter seinem gewaltigen goldenen Spiegel. Er klopft auf den Tisch. Echte Wertarbeit aus Indien, sagt er. Massiv. Genau sein Geschmack. Um sich herum hat er auf rund 90 Quadratmetern ein üppiges künstlerisches Reich erschaffen, ein Potpourri aus christlichen Motiven in goldenen Rahmen, expressionistischen Ölbildern, afrikanischen Masken, zeitgenössisch bemalten Figuren. „Alles, was mir g’fallen hat“, sagt er.
Kunst, Krempel und Plauderei
Neugierige Besucher finden in der Galerie auch mal einen Franz Marc oder die Mona Lisa – nicht im Original natürlich, sondern von Hobbykünstlern nachgemalt. Dass er hier in Hemau kein Louvre betreibt, daraus machte Ernst Böhm nie einen Hehl. „Kunst und Krempel“ habe hier eine Heimat gefunden, sagt der 65-Jährige. Die größte Freude habe er aber sowieso immer an den Begegnungen mit Menschen gehabt. „Über die Jahre sind schon auch viele skurrile Kunden da gewesen. Für mich war das immer eine Unterhaltung.“
Als Urgestein des Hemauer Bauhofs und dessen langjähriger Leiter brachten ihn die Bürger vor seiner Zeit als Galerist eher mit Winterdienst und Grünflächenpflegen in Verbindung. Doch die Kultur war schon immer eine Leidenschaft von Böhm. Beim Kulturstadel Hemau e.V. zum Beispiel war er in der Gründungs-Vorstandschaft. Vor allem aber liegt ihm seine Heimat am Herzen. Als vor über 13 Jahren das Fotogeschäft Griesbach zumachte, war für Böhm schnell klar: Er will den Leerstand schnell füllen und das Stadtzentrum so aktiv mitgestalten. „Ich wollt’ was machen, das war mir klar“, erinnert sich Böhm. „Erst hätt’ mir ein Café gut g’fallen zwecks der Unterhaltung. Aber ich wollt’ keine Unsummen investieren.“ So wurde es dann eben Kunst.
Über die Jahre kamen und gingen Hunderte Werke. Auf der Wandfläche von 400 Quadratmetern zeigte die Galerie am Stadttor auch lokale Kunst, zum Beispiel von Bildhauer Helmut Wolf oder vom vielleicht bekanntesten Hemauer Maler: Leo Katzmeier, der das große Fresko am Alten Rathaus gestaltet hat. Das teuerste verkaufte Werk in 13 Jahren wird wohl ein Ölgemälde für 350 Euro gewesen sein, schätzt Ernst Böhm. Mehr Geld hätte er für seinen Schreibtisch bekommen können, den ein handgeschriebenes Preisschild mit 900 Euro ausschreibt. Den wollte Böhm aber dann doch nicht hergeben, erklärt er und grinst – auch wenn das „Trum“ für sein heimisches Arbeitszimmer viel zu groß sei.
„Mir war immer klar, dass man hier kein Geld verdient“, sagt er. Dennoch sei es zuletzt immer schwerer geworden, auf Null rauszukommen: Energiekosten für das Gebäude stiegen, die Kauflaune gehe aber zurück. „Dann macht’s auch nimmer so viel Freude“, sagt Böhm. „Und es wär ja schlimm, wenn das Hobby zur Last wird.“ Statt jeden Samstag machte er nur noch sporadisch auf – zuletzt am Michaelimarkt. Dort hingen im Schaufenster schon Schilder mit der Aufschrift „Räumungsverkauf“. Der Bestand wird noch angeboten, den Rest räumt am Ende ein Aufkäufer ab.
Die Frau redet auch mit
Auf die Frage, von welchen Kunstwerken er sich nicht trennen werde, grinst er schelmisch. „Ich werde das mit meiner Frau nochmal durchgehen. Die wichtigen Sachen habe ich schon zu mir in den Keller. Aber irgendwann muss man auch mal sagen: Es ist Schluss.“
Und wie geht es nun weiter? Was aus dem Gebäude wird, das „liegt noch in den Sternen“, sagt Böhm. Er selbst freue sich auf einen neuen Abschnitt in seinem Leben. Als Ortsheimatpfleger der Stadt Hemau habe er ohnehin genug Aufgaben. Seinen Garten pflegen, reisen, die Heimatforschung voranbringen: Das sind seine nächsten Ziele. „Man will auch irgendwann mal andere Sachen erkunden“, sagt er. Daher sei nun ein guter Zeitpunkt, der Galerie Lebwohl zu sagen.
Ein paar Mal, sagt er, will er noch aufsperren. Wann es das letzte Mal sein wird, werden die Hemauer dann wissen, wenn es schon vorbei ist. „Ich mach’ kein fixes Ende, es is’ halt dann die Tür zug’sperrt“, sagt Böhm und lässt den Blick über seine gesammelten Kunstwerke schweifen. „Wenn der Zettel mit meiner Telefonnummer nimmer in der Tür hängt, bin ich nimmer da. Das war’s.“
