Künstler fand ein Zuhause auf Zeit in Hemau

Hemau. Ein zeltartiges mobiles Atelier verwandelte den Grunwald-Park in Hemau von Juli bis August in einen Kunstort. Während des Kunstprojekts beherbergte die Tangrintelstadt zwei Monate den Künstler Severin Benedikt Pfaud aus Passau. Dieser arbeitete als „Artist in Residence“– also als Gastkünstler. In dieser Zeit schuf er zahlreiche Kunstwerke, bestückte zwei Schaufenster im Ort und leitete ein Projekt mit Schulklassen.
Wer als Besucher das normalerweise für die Bevölkerung geschlossene Grunwald-Anwesen noch nicht kannte, zeigte sich bass erstaunt über so viel Grün und Weitläufigkeit mitten im Ort. Das Anwesen bot sich dabei als idealer Standort für das Atelier an, ein Kunstort auf altem Fabrikgelände.
Leinwände und Gartenvlies
Pfaud hatte sich als zentrales Motto für seine Ausstellung „Zuhause“ gewählt: „Das Thema lag nahe, eben weil es bei mir ein Wohnen auf Zeit in dem Atelier ist. Es passt auch zum Grunwald-Anwesen, das ja ein verlassenes Zuhause ist“, erklärte er. Es sei ein sehr umfangreiches, aber auch spannendes Thema, das sich gut umsetzen lasse, so Pfaud. Der Gastkünstler – Jahrgang 1984 – ist sehr vielseitig. Der ausgebildete Fotograf und Keramiker setzt bei seiner Arbeit verschiedenste Materialien und Techniken ein, etwa Ton, Metall, Holz, Malerei, Zeichnung oder Klang- und Lichtinstallation. In Hemau spannte er Leinwände und Gartenvlies, seine erste Arbeit war in Anlehnung an die ehemalige Textilfabrik und seine Auseinandersetzung mit dem Ort eine Figur, die einen Rock in der Hand hält.
Am Abend der Finissage wurde diese auf wunderbare Weise von der untergehenden Sonne angestrahlt, der Rock bewegte sich im Abendwind. Eine beeindruckende Installation war im ehemaligen Schwimmbad der Villa angesiedelt – große Stoffbahnen, beschrieben mit poetischen Sätzen, wehten im Wind der Ventilatoren. Meditative Musik und ein Vortrag des Künstlers trugen zu der nachdenklichen Stimmung bei. Pfaud hat ein breites Verständnis von Kunst. Er bezeichnet sich selbst als „multidisziplinären Künstler“, der sich „das Medium aussucht, nach der Idee, die ich habe“. Die ansässige Firma Semmler spendierte ihm Dachlatten und Holz. Laut Bürgermeister Tischhöfer „hat sich Pfaud mit dem Ort auseinandergesetzt, er machte eine Stadtführung und recherchierte im Stadtarchiv“.
Auf dem heutigen weitläufigen Parkgelände befand sich früher die Textilfabrik der Bekleidungsdynastie Grunwald. Nach Betriebsaufgabe und Abriss der Fabrikhalle erwarb die Stadt Hemau 2019 das Areal von der Familie Grunwald. Alexander Grunwald hatte auch das 1979 eröffnete Alex-Center in Regensburg gebaut. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand in Hemau die Rockfabrik, die 1992 abgerissen wurde. Die Familie wohnte noch länger in der Villa.
Projekt des Berufsverbands
Das mobile Atelier ist ein Projekt des Berufsverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler Landesverband Bayern (BBK), finanziert vom Bayerischen Kunstministerium. Es zielt darauf ab, Kunst und Kultur in die Regionen zu bringen. Nach Stationen in Hauzenberg, Riedenburg und Gundelsheim setzt das Mobile Atelier seine Reise nach Cham fort. Projektleiterin Maria Buck vom BBK erklärt: „Wir touren durch ganz Bayern, nehmen als Atelier auch leerstehende Cafés, alles auf Zeit. Wir wollen die Kunst zu den Leuten bringen!“

