„Gesetze auf Basis von Wunschvorstellungen“: Regensburger Experte zieht ernüchternde Bilanz

Von Christian Eckl · 30. September 2024 um 13:18

Die Deglobalisierung wird zur Drohkulisse für Deutschland: Ein Regensburger Volkswirt Jürgen Jerger von der Uni Regensburg beschreibt die wirtschaftliche Lage in Deutschland. Sein Fazit ist ernüchternd.

Mehrere Institute wie jetzt das Ifo warnen davor, dass Deutschland in eine Rezession rutscht. Wie ist Ihre Bewertung?

Jürgen Jerger: Die Prognosen sind ja über die diversen Institute hinweg recht ähnlich und mit bewährten Methoden und Datengrundlagen gemacht. Daher habe ich keinerlei Basis, etwas davon Abweichendes zu erwarten. Gerne wiederhole ich aber den immer berechtigen Hinweis, dass Prognosen in beide Richtungen verfehlt werden können. Aber vor dem Hintergrund der aktuellen Daten ist ein Null-Wachstum in etwa das, was eben vernünftigerweise erwartet werden kann.

Was würde eine Rezession bedeuten? Gibt es Vergleiche – etwa mit der Finanzkrise 2008, die die Wirtschaft erschütterte?

Jerger: Nein, dieser Vergleich ist völlig irreführend. Weder sind derzeit Verwerfungen auf den Finanzmärkten erkennbar, die für die tiefe Rezession in der Wirtschafts- und Finanzkrise vor eineinhalb Jahrzehnten ursächlich waren, noch gibt es Anlass, den damaligen massiven Rückgang der Wertschöpfung von vier bis fünf Prozent zu erwarten. Eine Rezession ist aber definiert als ein Rückgang der Wertschöpfung – und die Prognosen bewegen sich um die Null-Linie herum.

Welche Ursache machen Sie für die derzeitige Situation aus?

Jerger: Alle drei wichtigen Nachfragekomponenten – der private Konsum, die Investitionen und auch die Auslandsnachfrage – schwächeln. Die Ursachen sind vielfältig, aber hohe Unsicherheit und mangelnder Optimismus über die zukünftige Entwicklung sind sicherlich für die Inlandsnachfrage entscheidende Hemmnisse, die zunehmend aggressiver werdenden handelspolitischen Auseinandersetzungen sind zentral für die schwache Exportnachfrage. Dazu kommt aber ein ganz wichtiger und aktuell noch häufig übersehener Faktor: Das Wachstum des Produktionspotentials – also das, was als Wachstum in einer konjunkturellen Normalsituation zu erwarten ist – sank ganz erheblich. In den vergangenen drei Jahrzehnten reden wir hier von circa 1,5 Prozent, aktuell und für die kommenden Jahre sind dies eher um 0,5 Prozent. Damit ist klar: Es bedarf nur einer kleinen Nachfrageschwäche, um in einen Bereich einer realwirtschaftlichen Schrumpfung zu kommen.

Es gibt Branchen, die immens wichtig sind für die deutsche Wirtschaft, vor allem die Automobilindustrie. VW sorgte jetzt für Schlagzeilen, weil die Personalkosten in Deutschland zu hoch seien. Wie ist diese Situation entstanden?

Jerger: Ich bin kein Branchenfachmann, aber die deutschen Automobilbauer haben zunehmend Probleme, ihre vergleichsweise hochpreisigen Modelle international abzusetzen. Und natürlich hat dies primär mit der schnell und enorm gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit insbesondere chinesischer Firmen zu tun. Ich kann auch offen gestanden nicht verstehen, dass die deutschen Hersteller in den vergangenen Jahren sich sehr stark auf das obere Marktsegment – auch wenn dort die Margen natürlich höher sind – konzentriert haben. Wenn sie ein weltweit bedeutender Spieler bleiben wollen, führt meiner Einschätzung nach kein Weg an Modellen für die breite Masse vorbei. Die Zeiten, in denen die Produktionskapazitäten auch ohne dieses Segment ausgelastet werden konnten, dürften nicht mehr wieder kommen.

Sind die Löhne, Steuern und Abgaben tatsächlich zu hoch im internationalen Vergleich?

Jerger: Deutsche Löhne und auch Steuern sind im internationalen Vergleich sehr hoch. Entscheidend ist aber nicht die Lohnhöhe, sondern deren Verhältnis zur Produktivität. Aber auch die Lohnstückkosten, die dieses berücksichtigen, sind in Deutschland im internationalen Vergleich sehr hoch. Gerade wenn der Marktwert von „Made in Germany“ zurückgeht, ist das auf Dauer nicht durchzuhalten. Und auch die Steuern sind nicht isoliert zu betrachten. Wenn dafür eine gute und stabile öffentliche Infrastruktur bereitgestellt wird, sind diese gerechtfertigt. Aber ein Blick zum Beispiel auf Straßen, Brücken und Bahnlinien – die Liste ließe sich problemlos verlängern – vermittelt ein Bild eines eher schlechter gewordenen Gegenwerts von Steuern und Abgaben. Eine vielfach überbordende Bürokratisierung ist übrigens meiner Einschätzung nach eine wichtige Ursache für viele Probleme im öffentlichen Sektor.

Sehen Sie andere Branchen, die besonders unter Druck stehen, etwa die Chemie-Branche? Was ist da die Ursache für die Situation?

Jerger: Die Chemie-Industrie ist bekanntermaßen sehr energieintensiv und hat daher in besonderem Maße mit den gestiegenen – und in Deutschland im internationalen Vergleich sehr hohen – Energiepreisen zu kämpfen. Und sie ist ebenfalls weit überproportional auf dem Weltmarkt aktiv, was sie wiederum anfälliger für protektionistische Tendenzen sein lässt.

Vergangene Woche gab es einen Autogipfel. Bisher ist nicht bekannt, was dabei herausgekommen ist. Haben Sie als Volkswirtschaftler Vorstellungen davon, was die Politik in der jetzigen Situation tun könnte?

Jerger: Die Politik muss – nicht nur – der Automobilindustrie deutlich machen, dass sie ihr Geld auf den Märkten und nicht via Subventionen verdienen muss. Und sie muss für langfristige verlässliche Rahmenbedingungen sorgen. Wenn also die Elektrifizierung des Verkehrs das Ziel ist, muss die Politik für die dafür notwendige Infrastruktur – insbesondere Lademöglichkeiten und die dafür erforderlichen Stromnetze nebst Produktionskapazitäten – sorgen und zusammen mit der Industrie ein realistisches Konzept entwickeln, wann in etwa was zu schaffen ist. Gesetze auf der Basis von Wunschvorstellungen zu schreiben, funktioniert nicht.

Deutschland profitierte massiv von der Globalisierung und der Liberalisierung der Märkte. Erschüttert wurde das bereits durch Corona. Glauben Sie, dass der globale Handel wieder zu dem Niveau zurückkehren wird wie vor Corona und der Lieferkettenkrise?

Jerger: Zunächst einmal: Die Diagnose, dass Deutschland – aber auch die Handelspartner – durch Globalisierung und Liberalisierung enorm profitiert haben, ist richtig. Das verdient heutzutage durchaus eine besondere Hervorhebung. Einen Dämpfer hat die Globalisierung aber bereits vor Corona erlitten, die wichtigsten Stichworte sind hier „Brexit“ und die „America first“-Ideologie der Trump-Administration, die sich auch nach dessen Amtszeit nicht wesentlich verändert hat. Nationalistische und damit protektionistische Tendenzen sind also schon seit längerem wieder salonfähig. Das kostet weltweit und auch hierzulande Wohlstand. Ich sehe aktuell aber kein Indiz dafür, dass sich der – richtige – Konsens der frühen 1990er Jahre, dass Freihandel hilft, wieder in gleichem Maße durchsetzt, wie das vor gut drei Jahrzehnten der Fall war.

Interview: Christian Eckl