Nazi-Gesänge zu „L’amour toujours“ – Sinzinger unter Verdacht

Rassistische Texte im Gemeindebus von Sinzing (Landkreis Regensburg): Eine Gruppe Männer soll in Frankfurt mit Gegröle zu einem Partyhit aufgefallen sein. Der Vorfall zieht weite Kreise, denn ein Sponsor forderte Rechenschaft. Im Fokus steht auch ein Verein – drohen nun Konsequenzen?
Spätestens seit den Videos von Sylt wird dem Song „L'amour toujours“ zweifelhafter neuer Ruhm zuteil. Weil der Hit von Gigi D’Agostino umgetextet gegrölt wird. „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ wird immer wieder skandiert – wohl auch von einigen Männern aus der Region. Der Bus, mit dem sie im Juni durch Frankfurt düsten, war mit Werbung beklebt: In Sinzing schlägt der Fall deshalb Wellen. Bürgermeister Martin Brix sagt: „Das geht überhaupt nicht.“ Es werde Konsequenzen geben.
Seit gut acht Jahren wird der Sinzinger Gemeindebus an Wochentagen beispielsweise für den Transport von Kindern in den Hort genutzt. Das Fahrzeug war die Spende eines Kreditinstituts in der Region, ist aber in Besitz der Gemeinde. Verliehen wird es seither auch an Organisationen und Ortsvereine, wie Brix auf Anfrage bestätigte. Sofern der Bus nicht schon vergeben war, reichte eine Unterschrift des Fahrers bei der Abholung. Gezahlt werden müssen lediglich die Spritkosten. Das Angebot werde gut genutzt. Probleme gab es nie – bis jetzt.
Zeuge notiert Kennzeichen und meldet es weiter
Ende Juni, am Rande eines EM-Spiels, fiel der orangene Kleinbus aus Sinzing in Frankfurt am Main auf. Zu den Klängen des Gigi D’Agostino-Hits, der aus dem Fahrzeug drang, soll einem Passanten auch rassistisches Gegröle entgegen geschallt sein, hieß es. Ob es – wie in vielen anderen Fällen – auch ein Video davon gibt, ist derzeit noch unklar. Fakt ist: Der Zeuge notierte sich das Kennzeichen und meldete es an den Spitzenverband des Geldinstituts, dessen Logos auf dem Fahrzeugs prangen.
„Die im Raum stehenden Vorwürfe haben uns zutiefst erschüttert“, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Bank auf Nachfrage, sie „widersprechen unseren Wertvorstellungen in diametraler Weise“. Er bestätigte, dass jemand „den Vorfall nach eigenen Angaben selbst beobachtet hat“. Dadurch habe das Unternehmen von den „in diesem Zusammenhang erhobenen Vorwürfen“ erfahren. Was beobachtet und gemeldet wurde, wolle man „nicht weiter öffentlich kommentieren“.
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Sinzings Bürgermeister Martin Brix erfuhr im Juli durch die Bank vom Vorfall. Es sei um einen Termin gebeten worden, der erst kommende Woche anstehe. Wegen Terminproblemen habe sich das Ganze verzögert. Nähere Details dazu, was wo und zu welcher Uhrzeit genau vorfiel, kenne er daher nicht. Dennoch: „Rassistische oder rechtsradikale Gesänge anstimmen, ist echt fatal“, sagt Brix klar. Mit Blick auf gut dokumentierte Vorfälle quer durch ganz Deutschland, „die viele Schlagzeilen gemacht haben, kann sich keiner rausreden, er habe das nicht gewusst“. Es dürfte und müsse jedem klar sein, dass möglicherweise auch strafrechtliche Konsequenzen drohen.
„Das wirft ein extrem schlechtes Licht auf uns als Gemeinde, den Verein und auch auf den Sponsor – das ist eine Katastrophe.“
Martin Brix, Bürgermeister
Wer mit dem Gemeinde-Bus unterwegs gewesen ist, war laut Brix schnell aufgeklärt. Der Vorsitzende des Sinzinger Vereins wird umgehend ins Rathaus bestellt – und fällt, so der Bürgermeister, „aus allen Wolken, als er davon erfahren hat“. Wenig später steht zudem fest: Es war keine Veranstaltung des Vereins. Das erklärt auch der Vorsitzende im MZ-Gespräch. „Wir haben nichts davon gewusst.“ Der Fahrer hatte sich den Bus der Gemeinde Sinzing offenbar unter dem Namen des Vereins geholt. Außer diesem sei kein anderes Mitglied des Vereins dabei gewesen.
Namen der Mitfahrer sind dem Verein bereits bekannt
Wer noch alles im Bus saß, ist dem Vorsitzenden nach eigenen Worten bekannt. Was ihn an der Sache besonders wurmt: „Jetzt stehen wir als Verein so da, als ob wir rechtsradikal wären.“ Das Gegenteil sei der Fall, man engagiere sich sozial und im Ort sehr. „Wir distanzieren uns von alledem, was da im Raum steht, ganz klar“, betont er weiter. So sei das auch klar der Gemeinde mitgeteilt worden. Und: Man habe sich in der Vorstandschaft natürlich beraten, wolle vorerst aber das in Kürze anberaumte Gespräch mit dem Kreditinstitut abwarten. „Wir sitzen auf Kohlen.“
Bei dem Termin in Regensburg soll Stellung zum Vorfall genommen werden. Das hatte der Vorstandsvorsitzende der Bank gefordert. Ziel sei es, „den Sachverhalt aufzuklären und Maßnahmen darzulegen, um derartige Vorfälle in Zukunft zu verhindern“. In der Stellungnahme hieß es dazu auch, man werde wie schon in der Vergangenheit „auch in der Zukunft auf die Seriosität und Integrität der Spendenempfänger achten“. Die Unterstützung und das Engagement für gemeinnützige Einrichtungen und Initiativen wird aufgrund des Vorfalls nicht infrage gestellt.
Gemeinde Sinzing will Verleihpraxis mit Bus überdenken
Sinzings Bürgermeister Martin Brix wollte sich zu möglichen Konsequenzen nicht festlegen. Es müsse eine Aufarbeitung geben. Für solche Entscheidungen sei es zu früh – auch die Gemeinde wolle die Besprechung mit den Bankvertretern abwarten. Daran wird auch besagter Fahrer teilnehmen, der das Fahrzeug abgeholt hatte. „Folgen muss es haben“, sagt Brix klar. Nicht ausgeschlossen also, dass die Praxis beim Verleih des Gemeinde-Busses in Zukunft geändert werden muss. Obgleich hier von einem Einzelnen das Vertrauen missbraucht worden sei, dürfe man Vereine keinesfalls unter Generalverdacht stellen.
So oder so, betont das Gemeindeoberhaupt im MZ-Gespräch unmissverständlich, fielen Nazi-Gesänge mitten in Frankfurt auf den Verein, auf die Gemeinde Sinzing und auf den Sponsor zurück. „Das allein ist eine Katastrophe.“