Manche bleiben allein auf der letzten Reise: „Unbedacht“ soll ihnen ein Stück Würde zurückgeben

Ab Oktober: In Abensberg gibt es einen Gedenkgottesdienst für Verstorbene, an die sonst niemand denkt.
In Köln verabschieden sich jeden Monat etwa 20 Menschen anonym aus dem Leben. In Abensberg sind es zwar nicht so viele, aber dennoch erlebt es Stadtpfarrer Georg Birner immer wieder. „Es ist einfach bedrückend, wenn jemand beerdigt wird und niemand da ist, obwohl Der- oder Diejenige vielleicht stadtbekannt war.“ Wenn ein Mensch zu Grabe getragen wird und es kommen weder ein Familienmitglied, noch Freunde oder Nachbarn, dann sagt das Einiges über die Einsamkeit aus, mit der dieser Mensch sein Leben bestritt.
Einsamkeit macht traurig
Birner und auch seine evangelische Kollegin Anne-Katrin Streeck stimmen solche Beerdigungen, an denen nur ein Geistlicher und allenfalls die Ministranten oder ein Bestatter anwesend sind, jedes Mal traurig. Und deshalb haben sie zusammen die Gedenkfeier „Unbedacht“ ins Leben gerufen.
Den Anstoß dazu gab ein Gespräch mit einer ehemaligen Abensbergerin. An Allerheiligen sprach Birner in seiner Predigt über diese verlassenen Menschen, „Allerheiligen ist eigentlich immer einer der schwierigsten Tage für eine Predigt“, weiß Birner. Da mögen Worte noch einmal mehr gut ausgewählt sein. Birner hat wohl den richtigen Ton getroffen.
Denn mit seiner Predigt, in der er über die Menschen sprach, die alleine auf die letzte Reise gehen, verfing er bei Inge Werner. Werner ist gebürtige Abensbergerin und auch, wenn sie jetzt in Regensburg wohnt, ist sie der Stadt noch sehr verbunden und besucht regelmäßig ihr Elterngrab auf dem Friedhof, auch an Allerheiligen. Und sie brachte Birner auf die Idee, auch in Abensberg eine Gedenkfeier für anonym bestattete Menschen zu machen.
Birner selbst spielte schon länger mit dem Gedanken, etwas Gleichartiges in Abensberg anzubieten. In Köln findet seit 2006 an jedem dritten Dienstag im Monat ein ökumenischer Gottesdienst für die in den letzten vier Wochen anonym Beerdigten statt. Im Zentrum der Feier steht der Abschied. Die Initiatoren verstehen diese Feiern als „Dienst an der Gesellschaft, um die unwillentlich in der Anonymität Bestatteten ins Gedächtnis zu holen und dort zu bewahren. Jeder soll seine Würde über den Tod hinaus behalten“, heißt es in einem Text von Friedrich Lurz, einem Theologen.
In Abensberg gibt es so etwas bislang noch nicht und auch von etwas Vergleichbarem andernorts im näheren Umkreis haben die beiden Geistlichen bisher noch nichts gehört. In Gesprächen mit Werner und Streeck nahm die Idee dann immer mehr Gestalt an.
Der Umgang mit den Toten ist oft auch ein Spiegelbild einer Gesellschaft, finden Streeck und Birner. Früher wäre es eine Selbstverständlichkeit gewesen, wenn ein Nachbar stirbt, auf die Beerdigung zu gehen. Aber als christliche Gemeinde müsse man auch auf eine veränderte Bestattungskultur reagieren, findet Werner. „Als Christengemeinde hat man eigentlich die Pflicht, dass man die Menschen nicht alleine gehen lässt.“ Deshalb hat Werner ihr Laienblasorchester, in dem sie auch spielt, überzeugen können, die Gedenkfeier musikalisch mit Chorälen zu begleiten und so den Verstorbenen einen würdevollen Abschied zu bereiten.
Manchmal ist da niemand
Die Gründe, warum Menschen alleine beerdigt werden, sind vielfältig. Manchmal haben sie kein Geld, die Bestattung zu bezahlen, waren vielleicht sogar obdachlos. Hier springen die Gemeinden ein und übernehmen die Kosten für die Bestattung.
Manchmal ist auch der Kontakt zu der Verwandtschaft abgebrochen: „Ich hatte eine Beerdigung von einem Ehepaar, wo beide kurz hintereinander gestorben sind. Da war sonst niemand da“, sagt Birner.
Und manchmal gibt es einfach niemanden, der den oder die Verstorbene begleitet, wie neulich als Birner einen Hochbetagten beerdigte, dessen Bekanntenkreis sich alleine schon aufgrund des hohen Alters ausgedünnt hatte. „Im Sterben drückt sich auch das Leben zuvor aus“, ist Streeck überzeugt.
Und nicht selten haben sich einfach auch die Lebensbedingungen verändert: Mehr Menschen als früher leben alleine an einem Ort und der Kontakt zur Verwandtschaft ist nicht mehr so eng.
Nicht zuletzt sind auch die Bestattungsrituale anders als früher: In Gräber wird nicht mehr so viel Mühe gesteckt, Urnenwände lösen große Familiengräber ab. Häufig werden sie auch nach einer Zeit aufgelöst. Vielerorts gibt es Lücken – auch dort, wo noch vor ein paar Jahren über Friedhofserweiterungen nachgedacht wurde.
Andernorts wiederum gibt es Bänke oder gar Cafés in Friedhöfen, um Begegnungsstätten zu schaffen, um den Trauernden die Hand reichen zu können oder einfach, um Friedhöfe zu beleben.
