Zu viel Bürokratie, hohe Abgaben und Personalprobleme: Handwerk in der Region hat zu kämpfen

Von Lorenz Nix · 17. September 2024 um 05:00

Die deutsche Wirtschaft ist im Krisenmodus. Volkswagen, ZF, Continental: Vor allem die Automobilhersteller und -zulieferer sorgten in den vergangenen Wochen für Negativ-Schlagzeilen. Weniger Aufmerksamkeit wird dagegen dem Handwerk zuteil. Dabei scheint dort die Lage nur geringfügig besser als in der Industrie.

Von einer anhaltenden angespannten Lage sprachen die Verantwortlichen der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz anlässlich der Veröffentlichung ihres neuesten Konjunkturberichts Mitte Juli. Demnach erwarteten damals lediglich 13 Prozent der Betriebe für das nun aktuelle Quartal ein Umsatzplus. Nur jedes zehnte Unternehmen prognostizierte steigende Auftragseingänge. Viel eher befürchteten viele Firmen hier sogar sinkende Zahlen.

Schwierige Auftragslage für Schreinerei in Schwandorf

Letzteres beschäftigt auch den Schwandorfer Schreinermeister Michael Bräu. Die größte Herausforderung aktuell sei, genügend Arbeit für seine Mitarbeiter zu bekommen. „Das hat nichts damit zu tun, dass wir zu teuer sind“, sagt der Unternehmer, der etwas mehr als zehn Personen beschäftigt. Stattdessen spüre er eine ständige Unsicherheit in der Gesellschaft und damit auch bei potenziellen Kundinnen und Kunden. Der Schwandorfer meint damit die Angst der Menschen vor einem Wohlstandsverlust. Das Geld, das sonst für klassische Schreinerarbeiten ausgegeben wurde, wird dann vielleicht lieber gespart.

Dazu kommt: Nicht nur die Kunden wollen weniger ausgeben, auch die Dienste der Schreinerei Bräu sind teurer geworden. Der Chef selbst spricht von einem „wahnsinnigen Stundensatz“, den er mittlerweile verlangen müsste. Grund seien gestiegene Personalkosten und Abgaben. Wenn er einen Stundensatz von 75 Euro nenne, würden die Auftraggeber „aus allen Wolken fallen“ – zu Recht, wie Bräu sagt. Ändern könne er selber daran aber nichts.

Uhrenmanufaktor Damasko kritisiert steigende Kosten

Der Schreinermeister ist damit nicht alleine: „Die Lohnkosten und diverse Abgaben aller Art steigen stetig“, teilt die Uhrenmanufaktur Damasko aus Barbing im Landkreis Regensburg auf Nachfrage mit. Das Familienunternehmen mit knapp 30 Beschäftigten fertigt hochwertige Luxusuhren. Wenn es immer teurer werde hierzulande zu produzieren, sinke „die Attraktivität für den Wirtschaftsstandort Deutschland vor allem für mittelständische und kleine Unternehmen immer weiter“.

Das Unternehmen nennt die Personalsuche als größte Herausforderung. „Gerade beim Beruf des Uhrmachers gestaltet sich dies zunehmend schwierig.“ Um Auszubildende zu gewinnen, geht Damasko in die Offensive. Unter anderem halte man Vorträge über die Manufaktur an weiterführenden Schulen, außerdem habe man regelmäßig Schulklassen zu Gast, teilt das Unternehmen mit. Der Mangel an Fachkräften und vor allem an Nachwuchs für das Handwerk macht auch Michael Bräu Sorgen. Aktuell habe er in der Werkstatt noch keine Probleme. Das könne sich allerdings schnell ändern, sagt der Unternehmer. Das Thema Personal sei ein „ständiger Kampf“. Bei der Schreinerlehre sei die Lage immerhin noch besser als in anderen Handwerksberufen.

Lehrlinge fördern und nicht als Hilfsarbeiter missbrauchen

Um potenzielle Auszubildende von seinem Betrieb zu überzeugen, hat der Oberpfälzer unter anderem ein Mittel: „Bei uns wird der Lehrling auch gefördert.“ Auszubildende dürften nicht als Hilfsarbeiter missbraucht werden, sagt Bräu. Da habe sich glücklicherweise in den vergangenen Jahren vieles geändert. Es gebe aber Betriebe, da sei man diesbezüglich auch heute noch anderer Meinung, ärgert sich der Schreinermeister – der Attraktivität des Handwerks sei das sicher nicht zuträglich.

Insgesamt wünscht sich Bräu mehr Wertschätzung fürs Handwerk – sowohl von der Gesellschaft als auch von der Politik. Letztere ruft er im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern auch zu mehr Vertrauen gegenüber Unternehmern auf. Bräu bezieht sich dabei auf die ihm zufolge überbordende Bürokratie. „Das ist eine Katastrophe“, sagt der Schwandorfer. Es brauche viel mehr Flexibilität für Firmenchefs, fordert er. „Ich will, dass die Politik sagt, liebe Unternehmer, ihr werdet das schon so machen, dass es richtig ist.“ Stattdessen gebe es immer mehr und immer zeitaufwendigere Regelungen. „In allen Belangen“ nehme der bürokratische Aufwand stetig zu, kritisiert auch der Uhrenhersteller Damasko.

HWK-Präsident Haber: Zahlreiche bürokratische Hemmnisse

Dass die beiden Unternehmen mit ihrer Einschätzung nicht alleine sind, wird immer wieder deutlich. Die Betriebe würden „unter einer Masse an bürokratischen Hemmnissen leiden“, sagte auch der Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, Georg Haber, anlässlich seiner Wiederwahl im Juli im Interview mit der Mediengruppe Bayern. Und weiter: „Wir sehen leider immer öfter: Die Politik hat keine Vorstellung von der betrieblichen Realität.“ Letzteres beschäftigt auch Michael Bräu. Für ihn ist die Lösung klar: „Die Politik sollte mal die Leute aus der Praxis fragen – uns Handwerker.“

Michael Bräu leitet einen Schreinerei in Schwandorf. Die Bürokratie nennt er eine „Katastrophe“. Foto: Schreinerei Bräu