Filmhäppchen auf der Straße: Donumenta bringt Kurzkino unter die Menschen

Von Marianne Sperb · 14. September 2024 um 07:30

Der Kohlenmarkt in Regensburg ist neuerdings ein gefährlicher Ort: Wer das Dreieck von Rathaus, Bachgasse und Wahlenstraße quert, riskiert, deutlich mehr Zeit zu brauchen als geplant. Schuld ist die Donumenta.

Der Zusammenschluss kreativer Köpfe hat mitten in der Stadt eine schlanke Videosäule installiert. Sobald die Dunkelheit anbricht, laufen hier neun Kurzfilme im Dauerloop, produziert von Studierenden deutscher Filmhochschulen und ausgewählt von Raimund Ritz, Künstler und Musiker aus München.

Das Kulturnetzwerk schreibt sich auf die Fahne, Kunst zu den Menschen zu bringen. Mit Art Lab on the Move schickt der Verein seit einiger Zeit einen Kubus mit wechselnden Installationen durch die Stadtquartiere und redet bei Tee und Buttersemmel mit Passanten über das Gezeigte. Mit Art Lab on Screen folgt nun ein zweiter mobiler Kunst-Eingriff in den Stadtraum. Zum Auftakt am Mittwochabend drängten sich bei Schnürlregen die Akteure um Donumenta-Frontfrau Regina Hellwig-Schmid unterm provisorischen Zeltdach.

Kurzfilm „Love at First Byte“

Eine Frau bewegt sich zielsicher durch die Londoner Tube, eilt Treppen hinauf und Gänge entlang. Wohin sie will und warum, ist offen, ihr Name: Fahrgast 061 661 774 505. Hat sie eine Bombe in der Tasche? Oder will sie nur zum Bodybuilding? Was wie eine simpel produzierte Filmsequenz aussieht, wurde in Wahrheit von langer Hand vorbereitet. Felizitas und Theresa Hoffmann – Schwestern aus München, die zur Premiere extra nach Regensburg gekommen sind – durchkreuzten für ihren Kurzfilm „Love at First Byte“ den Londoner Untergrund und nutzten dann das Recht, Bilder von Überwachungskameras anzufordern, auf denen man selbst zu sehen ist. Das Material montierten sie neu zu einer Geschichte, die abstrakt bleibt, Spekulationsraum öffnet und einen gerade deshalb bannt.

Lesen Sie mehr: „Die Rolle ist ein großer Glücksfall“: Harald Krassnitzer über 25 Jahre als Kommissar im „Tatort“

Die Arbeiten, die die Videosäule in Dauerschleife abspielt, variieren maximal, sind poetisch, witzig, philosophisch und oft experimentell. „Caring Co-Existence“ von Katharina Schnekenbühl, Lea Geerkens und Mariella Maier etwa erforscht, wie Mensch und Taube im Stadtraum miteinander umgehen. Anja Verbeek von Loewis macht die Zuschauer in „Close up“ zu Zeugen ihres Malprozesses. Lina Killinger folgt in „Farbstill I & II“ dem dauernden Kreisen, sich Verdichten und wieder Auflösen von Farbpigmenten in einem Aquarium. Und Emil Silvester Ahlhelm beobachtet bedächtig fließende Menschenströme.

Ein Flug nach Nirgendwo

Katharina Rabl, Autorin und Regisseurin aus München, die 2020 den Preis der deutschen Filmkritik erhielt, schickt Flugzeugpassagiere auf einen „Flight To Nowhere“: Schau, ich trinke Sekt! Schau, mein Heiratsantrag! Schau, mein Essen! Ihre Protagonisten, dargestellt von Schauspielern, suchen denkfreies Vergnügen und praktizieren per Selfie exzessive Selbstvergewisserung – bis eine Katastrophe eintritt.

„Film auf die Straße zu bringen, ist ein Wagnis“, sagt Raimund Ritz. Im Kino bekommt das Werk volle Konzentration, im Stadtraum setzt es sich dem Zufall und allen möglichen Störungen aus. Die Filmemacher haben keine Kontrolle, wo der Zuschauer ins Video einsteigt, ob er nur ein Häppchen von zwei Minuten aufsaugt oder sich eine volle Stunde lang mitnehmen lässt zu unterschiedlichen Stimmungen, Situationen, Gedanken. Der technische Komfort ist natürlich begrenzt, der Ton fehlt, und das Format ist festgelegt: nicht Breitseite, sondern hochkant, wie ein Handy-Display. Einige Künstler, erzählt Kurator Ritz, mussten für die Präsentation an der Videostele nochmal ran, das Material neu schneiden, den Fokus weg vom Ton auf die Bilder legen, nachdrehen und Filme kürzen oder zerlegen. „Ein schmerzhafter Prozess!“

Lesen Sie mehr: Lustiges Reden über letzte Dinge: Das Theater Regensburg zeigt „Bondi Beach“

Art Lab on Screen bleibt beweglich. Nach der Station auf dem Kohlenmarkt wechselt die Videosäule hoch zur Universität und später ins Donau-Einkaufszentrum. Nicht nur für die Filmemacherinnen, Fotografen, Schauspielerinnen und Bildenden Künstler, die an den neun Videos mitgewirkt haben, ist unvorhersehbar, welche Wirkung ihre Arbeiten auf der Straße entfalten und welche Billardkugeln im Kopf sie in Gang setzen werden, macht Raimund Ritz klar: Auch für Passanten ist der Weg durch Regensburg jetzt weniger kalkulierbar. Kunst kann sie überall treffen.

Kunstfilme an drei Stationen

Der Anstoß: Die Videosäule entstand 2023 für ein Donumenta-Projekt, das um Astronom Johannes Kepler und Satelliten kreiste und auf dem Bismarckplatz stand. Der Verein suchte eine Wiederverwendung für die Stele.

Die Stationen: Die neun Kurzfilme laufen bis 7. Oktober am Kohlenmarkt in Dauerschleife. Am 9. Oktober zieht die Videosäule ans Forum der Universität um. Ab 5. November steht sie im Donau-Einkaufszentrum.