Richard Brunner von der IHK spricht über die wirtschaftliche Lage im Landkreis Cham

Von David Salimi · 15. September 2024 um 19:00

Neben Handel und Tourismus gilt seit jeher die Industrie als wesentlicher Standortfaktor für den Wirtschaftsraum Cham. Wirtschaftliche Krisen ziehen auch hierzulande an ihr nicht spurlos vorüber, treffen jedoch auf unternehmerischen Gegenwind. Foto: Armin Weigel/dpa

Fachkräftemangel, Wettbewerbsfähigkeit, Breitbandversorgung und Nachhaltigkeit sind deutschlandweit die vorherrschenden Themen, wenn es um die derzeitige wirtschaftliche Lage geht. Sie alle dominieren auch im Landkreis Cham. Das betont Richard Brunner, Geschäftsstellenleiter der IHK-Geschäftsstelle in Cham, im Gespräch über die aktuelle Situation der heimischen Wirtschaft.

Dass die derzeitige Krise allumfassend ist und damit auch vor den heimischen Unternehmen nicht Halt macht, daraus macht Brunner keinesfalls ein Geheimnis. Dennoch sprechen die Zahlen in wesentlichen Bereichen zumindest nur minimal eine andere Sprache, etwa bei der Beschäftigung. Diese sei mit 0,1 Prozent nur geringfügig geringer als im Vorjahresniveau. „Für mich ist das ein Signal“, so Brunner, „und zeigt, dass sich der Standort Landkreis Cham auch unter schwierigsten Rahmenbedingungen als durchaus resilient erweist.“

Laut Brunner sind es viele Stärken, die den ländlichen Raum zwischen Regensburg und der Grenze nach Tschechien ausmachen. Neben der überdurchschnittlich hohen Anzahl an Grenzpendlern zählt der Geschäftsstellenleiter drei Wirtschaftszweige auf, die sich auch in schwierigen Zeiten als Fels in der Brandung behaupten können: allen voran der Industriesektor, der mit modernen Produkten und innovativen Prozessen ganz vorne mit dabei ist. „Der Landkreis Cham ist einer der stärksten Industriestandorte Ostbayerns“, betont Brunner und macht im gleichen Atemzug auf die konstante Exportquote des Landkreises aufmerksam: „Diese liegt immer zwischen 40 bis 50 Prozent“.

Zudem handele es sich bei der Industriebranche im Landkreis Cham um einen starken Faktor in der Beschäftigung. Deutlich über 20 000 Arbeitsplätze bilden laut dem Geschäftsführer des IHK-Gremiums das wirtschaftliche Rückgrat des Landkreises Cham – und das auf ein großes Branchenportfolio von Kunststofftechnik über Elektronik bis hin zu modernsten Fertigungsverfahren verteilt.

Viele Familienunternehmen

Bemerkenswert sei, dass viele dieser Unternehmen noch fest in Familienhand, also inhabergeführt, sind. Denn: „Es macht einen Unterschied, ob Entscheidungen vor Ort oder irgendwo auf der Welt getroffen werden“, verdeutlicht Brunner die ökonomische Entscheidungskraft, die damit aus der Region hervorgeht.

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Dass man wirtschaftliche Krisen nicht unmittelbar aus dem Weg schaffen kann, ist für Brunner völlig klar. Ebenso sagt er deutlich, dass es angesichts der wirtschaftlichen Krisen unserer Zeit keinesfalls angebracht sei, mit überschwänglicher Euphorie die Realität zu verkennen. Dennoch sei es wichtig, sich seiner eigener Stärken bewusst zu sein, wenn es darum geht, schwierige Phasen zu meistern.

Vorbildliche Vorarbeit geleistet

„Krisen schafft man nicht unmittelbar aus dem Weg“, sagt Brunner. Der Landkreis Cham könne schwierige Lagen etwa mit Nachhaltigkeit bewältigen. Dafür habe man in den vergangenen Jahren eine vorbildliche Vorarbeit geleistet, etwa was den regen Austausch zwischen verschiedenen Wirtschaftsakteuren durch das Schaffen entsprechender Netzwerke betrifft. „Die Region Cham ist eine Netzwerkregion“, ist er überzeugt.

Bereits die IHK selbst am Standort Cham bearbeite die wichtigsten Herausforderungen im Dialog mit der Politik. Weiter zählt Brunner spezielle Fachnetzwerke, wie etwa das Netzwerk Mechatronik oder das noch junge Energiekompetenznetzwerk sowie den Personalleiterkreis auf – sie alle zeugten davon, dass der Landkreis Cham stark auf den Austausch der Akteure untereinander setzt. Besonders das erst heuer gegründete Netzwerk, das sich den Themen Energie und Strom widmet, hebt Brunner hervor. Immerhin sei der Landkreis Cham der Standort mit den teuersten Energiepreisen. Durch den Austausch wolle man gemeinsam Lösungen für individuelle Energiefragen finden, um letztlich resilienter zu werden.

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Neben der Industrie könne der Landkreis Cham aber ebenso auf eine bewährte Einzelhandelsstruktur als zweiten wichtigen Wirtschaftszweig setzen. Namhafte Modehäuser in der Chamer Innenstadt, aber auch Anbieter anderer Warengruppen, wie Elektroartikel oder Möbel, ziehen seit jeher Kunden von außerhalb des Landkreises an. Cham ist laut Brunner die Stadt mit der größten Einzelhandelszentralität. Diese zeigt den Kaufkraftzufluss oder -abfluss einer Kommune oder Region auf und ist somit ein Indikator für die Attraktivität eines Einzelhandelsstandortes. „Im Landkreis Cham sind es dabei nicht die Filialisten, sondern die inhabergeführten Geschäfte, die die Kaufkraft hierher bringen“, betont Brunner.

Doppelte Schlagkraft

Ähnlich verhalte es sich im Tourismus, als drittem bedeutenden Wirtschaftszweig für die Region und zugleich einer Branche mit extremer Breitenwirkung. Immerhin wirke sich das touristische Aufkommen auch unmittelbar auf den Konsum von Gütern vor Ort aus. „Touristen, die hier Urlaub machen, kaufen in der Regel auch hier ein“, erklärt Brunner die Verflechtung. Gerade für den Landkreis Cham, der laut Brunner übrigens in Sachen Tourismus zweitstärkster Standort in der Oberpfalz ist, wiege diese Wechselwirkung besonders stark. Dank namhafter Betrieben in diesem Sektor, wie etwa den vielen hochklassigen Wellnesshotels vor allem im östlichen Landkreis – Brunner spricht von „Zugpferden für den Bayerischen Wald“ – könne man der wachsenden Bedeutung des touristischen Verkehrs mit Selbstbewusstsein entgegentreten.

Selbstbewusstsein ist für Brunner generell ein wichtiges Stichwort, weil es die Wirtschaftsregion Cham im Ergebnis mit auszeichne. „Der Standort Cham besitzt Kraft und Selbstbewusstsein, um mit Krisen umzugehen“, ist er überzeugt. Dazu tragen viele kleine Rädchen als Ganzes bei – mitunter der Fleiß , die Bodenständigkeit und die Werteorientierung, die die Menschen ausmachten, die hier leben. „Das spiegelt sich letztlich auch in der Wirtschaft wieder“, sagt Brunner. Vor allem im Landkreis Cham erlebe er die angenehme Mentalität als Leitkraft.

Technologiecampus als Impulsgeber und Partner

Bedeutung: Größten Stellenwert misst der IHK-Geschäftsleiter dem Technologiecampus Cham bei, wenn es um die Entwicklung des Innovationssektors der ansässigen Industrie geht. Die Präsenz der Technischen Hochschule Deggendorf am Standort Cham sei für die Firmen vor Ort ein „wichtiger Impulsgeber“. Durch den zentral gelegenen Campus in der Kreisstadt sei die Zusammenarbeit von Firmen und Hochschulen spürbar niedrigschwelliger geworden.

Wachstum: Der Campus Cham ist stark am Wachsen. Nachdem in den ersten Jahren seines Bestehens lediglich ein Bachelorstudiengang angeboten wurde, hat sich die Studierendenzahl mit der Erweiterung des Studienangebotes in den letzten Jahren verfünffacht. Mittlerweile studieren rund 600 junge Menschen am jüngsten Campus der TH Deggendorf in Cham. Laut Richard Brunner ist das allgegenwärtige Thema der Künstlichen Intelligenz aktuell Bestandteil dreier Studiengänge.

Ergänzung: Laut Brunner ergänzt der Technologiecampus die ohnehin hohe Dichte an Bildungseinrichtungen in der Kreisstadt. Überdies gelte die Region Cham als eine der stärksten Ausbildungsregionen Ostbayerns. Dies zeige das Rekordangebot von über 2000 Ausbildungsstellen jährlich. Auch wenn der Mangel an Fachkräftenachwuchs hierzulande ebenfalls existiert, bemühe man sich laut Brunner, den jungen Menschen den Weg in den für sie richtigen Beruf zu ebnen.

Richard Brunner, IHK-Geschäftsstellenleiter in Cham, sieht die heimische Wirtschaft gut aufgestellt. Foto: Josef Fischer