Mehr Geld trotz Krisenstimmung in der Autoindustrie – sind Forderungen der IG Metall überzogen?

Nicht nur die Autobauer klagen über die dunklen Wolken am Konjunktur-Himmel. Doch die IG Metall will mehr Lohn: Sieben Prozent für die Beschäftigten, die ohnehin weit über Durchschnitt verdienen. Doch ist das wirklich machbar, wenn unsere Wirtschaft in der Krise taumelt?
Fast möchte man schreiben: Das auch noch! Zum Ungemach, den die deutsche Autoindustrie gerade durchläuft, kommen seit 11. September auch noch Tarifverhandlungen dazu. Sieben Prozent mehr Lohn fordert die IG Metall für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Auszubildende sollen pauschal 170 Euro im Monat mehr bekommen. Wie passt das zusammen mit der Ankündigung beispielsweise von VW, stellen abbauen zu wollen oder gar Werke in Deutschland zu schließen?
Meinung
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„Der Start in die Verhandlungen war sensationell“, sagt Rico Irmischer, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Regensburg. In München hätten 5000 Beschäftigte zum Auftakt demonstriert. „Das war eindrucksvoll.“ Doch, auch das räumt er ein: „Die Zeiten sind anspruchsvoll.“
„Die Lage ist ernst und die Aussichten trüb“, sagt dann auch die Verhandlungsführerin für die Arbeitgeber, Angelique Renkhoff-Mücke. „Die Schlüsse, die daraus gezogen werden, könnten kaum unterschiedlicher sein: Während die IG Metall noch Reserven bei den Unternehmen für ihre überzogenen Entgeltforderungen erkennt, sehen wir eine konjunkturelle und strukturelle Talfahrt, die die Unternehmen an die Belastungsgrenze bringt.“
Mehr Geld – für alle?
Auch Irmischer sagt, dass die Lage ernst sei in einigen Unternehmen. Doch der Ankündigung von VW, Stellen und möglicherweise sogar ein Werk in Deutschland streichen zu wollen, hält er entgegen: „Zwei Tage nach der Kündigung des Tarifvertrags wird verkündet, dass der Konzern Dividenden in einem Volumen von 4,5 Milliarden Euro ausbezahlt. Geld ist also scheinbar da.“ Denn dieser Summe stünden die vier Milliarden Euro gegenüber, die VW nun einsparen wolle. „ich will nicht sagen, dass ein Konzern wie VW keine Dividende ausschütten dürfte, sonst funktioniert ja das System von Aktiengesellschaften nicht richtig.“ Aber auffällig seien diese beiden Zahlen schon.
Seit vielen Jahren sind die Gehälter in der deutschen Autoindustrie dem Durchschnittsgehalt weit davongaloppiert – mit Auswirkungen. Beispielsweise auch für das Handwerk. In Regionen wie Regensburg, in denen Autowerke als neben weiteren Industriebetrieben wie etwa Krones angesiedelt sind, saugen diese dem kleinen Handwerksbetrieb naturgemäß den Nachwuchs ab. Eine Fach- und Führungskraft verdient in Deutschland in der Autoindustrie 68 300 Euro brutto, der deutsche Durchschnitt einer solchen Kraft verdient mehr als 10 000 Euro weniger. Für Gewerkschafter Irmischer ist die Schlussfolgerung aus diesen Zahlen aber nicht, dass die Mitarbeiter in der Autoindustrie zu viel verdienen – „das Niveau muss dort, wo weniger gezahlt wird, höher werden“, sagt er. Dass damit aber auch die Preise steigen würden und damit auch die Inflation steigt, dem hält er entgegen: „Nun, vielleicht ist es auch für unsere Gesellschaft auch nicht so gut, dass alles immer billiger werden muss.“ Irmischer meint damit nicht, dass sich auch Menschen mit kleinem Geldbeutel ein gutes Essen im Restaurant leisten können sollen. „Aber das Thema Fast Fashion ist ein Beispiel, wie der Druck des Verbrauchers Preise und letztlich auch Löhne senkt“, so Irmischer.
Doch die Probleme in der Autoindustrie sind nunmehr ja offensichtlich – sind sieben Prozent Lohnforderung das richtige Signal zur richtigen Zeit?
Als Ursache für die Probleme macht der Gewerkschafter jedenfalls Fehler in der Autoindustrie, aber auch fehlende Klarheit in der Politik aus. „Man hat den Eindruck, das Management hat sich nicht richtig auf die Zukunft vorbereitet und die nötigen Investitionen nicht getätigt.“ Doch auch den Schlingerkurs der Politik – Berlin wie Brüssel – beispielsweise angesichts des geplanten Verbrenner-Aus, das nun wieder zurückgenommen wurde, kritisiert der IG Metaller scharf. „Das ist Gift für wirtschaftliche Entscheidungen.“ Unwesentlich dabei sei, ob man nun für oder gegen den Verbrennermotor ist: Entscheidend sei die Klarheit, die Wirtschaftslenker benötigen würden. Das gelte auch für Entscheidungen der Grünen: „Wenn über Nacht die Förderung von Elektroautos gestrichen wird, dann ist das auch nicht sonderlich verlässlich für die Verbraucher“, so Irmischer.
Druck nimmt hinten zu
Der Gewerkschafter schildert, dass es derzeit auch Probleme für jene gibt, je weiter hinten ein Autozulieferer in der Kette ist. „Wir sind in der Oberpfalz bei den Autozulieferern noch relativ gut aufgestellt. Aber schon im Schwandorfer Bereich haben wir mit Läpple etwa Betriebe, die unter Druck stehen.“ In Regensburg sei insbesondere bei Continental derzeit angesichts der Diskussionen um eine Abspaltung und angekündigtem Stellenabbau vieles in Bewegung. Und doch ist der Gewerkschafter naturgemäß davon überzeugt, dass ein Plus für die Arbeitnehmer auch der Wirtschaftlichkeit eines Betriebes zugute kommt – eine Meinung, die unter Arbeitgebern nicht so weit verbreitet ist.