Bescheidene Forderung – oder sind die fetten Jahre schlicht vorbei?

Die Autoindustrie, mit ihr die Zulieferbetriebe und auch die Industriebetriebe anderer Sektoren sind unter Druck geraten. VW kündigt Stellenabbau und mögliche Werkschließungen an – und da will die IG Metall sieben Prozent mehr Lohn? Autor Lorenz Nix meint, das sei gerechtfertigt – Christian Eckl hält dagegen.
Pro: Bescheidene Forderung
Es lässt sich nicht wegleugnen, dass das Leben hierzulande in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden ist. Aufgabe der Gewerkschaften ist es, dafür zu kämpfen, dass die Gehälter mit dieser Entwicklung Schritt halten. Verdi hatte im vergangenen Herbst sogar 15 Prozent Lohnerhöhung für die Beschäftigten im Einzelhandel gefordert – bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Auch die IG Metall will nun eine Vertragsdauer von einem Jahr für die Angestellten in der Metall- und Elektroindustrie, allerdings nur mit einer Lohnerhöhung von sieben Prozent. Im Vergleich wirkt das schon fast bescheiden.
Denn auch die Gewerkschafter haben kapiert: Die Industrie in Deutschland strauchelt. Fakt ist aber: Daran haben diejenigen, die in den Werken schrauben, schweißen, schleifen, die geringste Schuld. Eine Wirtschaftspolitik, die statt für Stabilität für Unsicherheit steht, und vielerorts – siehe Volkswagen − auch Managementfehler: Daran geht aktuell die Industrie in unserem Land zugrunde!
Dass die IG Metall deshalb nun sieben Prozent mehr Lohn für die Arbeiterinnen und Arbeiter fordert, ist weder unverschämt noch ungerechtfertigt. Genauso wenig wie die 170 Euro mehr im Monat für Auszubildende. Erstere haben den Wohlstand mit aufgebaut, letztere werden das auch in Zukunft tun – aber nur, wenn der Staat endlich die passenden Rahmenbedingungen dafür liefert. Und Konzernbosse mal auf die ein oder anderen Boni verzichten. (Lorenz Nix)
Kontra: Die fetten Jahre sind vorbei
Sind sieben Prozent Lohnforderung wirklich gemäßigt? Sind 170 Euro mehr pro Monat für einen Azubi wirklich zu viel? In einer idealen Welt würde ich den Mitarbeitern in der Metall- und Elektroindustrie von Herzen so viel Geld wünschen, dass sie nicht für ihren Lebensunterhalt in die Arbeit gehen müssten, sondern weil die Kaffeepausen so nett sind und es am Fließband im Autowerk bunte Schraubenzieher gibt.
Aber leider hat sich die für uns jahrzehntelang so bequeme Welt derzeit eher als Tollhaus entpuppt. Die Chinesen pumpen Abermilliarden in die Entwicklung von Elektromotoren, diejenigen, die sie zusammenschrauben, können von Arbeitsbedingungen wie bei BMW in Harting oder bei Audi in Ingolstadt nur träumen. Das dumme aber ist: Genau mit dieser staatsgepamperten Industrie, die sich ausgerechnet auf Lenin und Mao beruft, stehen die Arbeiter im Wettbewerb.
Und nein, wir wollen keine chinesischen Verhältnisse in Deutschland. Aber mit Idealen wie der Work-Life-Balance und Fantasien von der Vier-Tage-Woche kommen wir nicht weiter. Jede Generation will, dass es ihren Kindern besser geht. Wir stehen in Deutschland hingegen auf einer Klippe. Geht es weiter abwärts? Biblisch gesprochen sind die sieben fetten Jahre vorbei. Jeder, der im Religionsunterricht aufgepasst hat, weiß, was jetzt kommt: Sieben Jahre, in denen man den Gürtel enger schnallen muss. Blöderweise haben wir in den fetten Jahren nicht gespart. (Christian Eckl)