Generalstaatsanwalt stuft Messerattacke am Regensburger Bezirksklinikum als Mord ein

Nach langwierigen Ermittlungen hat die Generalstaatsanwaltschaft München nun, mehr als ein dreiviertel Jahr nach dem Gewaltakt in Regensburg, Anklage erhoben. Dem Jugendlichen wird Mord und zweifacher versuchter Mord vorgeworfen.
Am 26. Oktober jährt sich eine unfassbare Tat zum ersten Mal. Ein Grundschüler (7) starb, weil ein damals 14-jähriger Patient der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg seine Gewaltfantasien bis in die letzte Konsequenz auslebte. Der kleine Junge war Zufallsopfer, ebenso wie ein schwer verletzter Lehrer der Schule für Kranke. Zudem wurde ein Pfleger attackiert, als er den Angreifer stoppte und bis zum Eintreffen der Polizei festhielt. Seinen Racheakt kündigte der heute 15-Jährige in Sozialen Netzwerken an.
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Nach langwierigen Ermittlungen hat die Generalstaatsanwaltschaft München nun, mehr als ein dreiviertel Jahr nach dem Gewaltakt, Anklage zum Landgericht in Weiden erhoben. Dem 15-Jährigen wird Mord und zweifacher versuchter Mord vorgeworfen. Ein Gutachter schließt verminderte Schuldfähigkeit nicht aus, was bedeutet, dass der Beschuldigte für die Tat zwar bestraft werden kann, eine mögliche Einschränkung der Steuerungsfähigkeit beim Strafmaß aber berücksichtigt werden muss. Dem jungen Mann droht bei einer Verurteilung die Unterbringung in einer Jugendforensik. Laut der Pressemitteilung der Generalstaatsanwaltschaft wird Dennis V. vorgeworfen, die Mordmerkmale der Heimtücke und der niedrigen Beweggründe verwirklicht zu haben.
Die Messerattacke hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt: Am Vormittag des 26. Oktober 2023 machte der Jugendliche in der Toilette der an die Kinder- und Jugendpsychiatrie angegliederten Schule für Kranke ein Foto, das er wenig später auf Instagram hoch lud. Darauf trug er dunkle Kleidung, schwarze Handschuhe, hatte sein Base-Cap bis in die Stirn gezogen und hielt ein glänzendes Fleischermesser mit langer Klinge in die Kamera. Die Drohgebärde kommentierte er mit „Revenge“ (Rache) – und bekam dafür auch noch virtuellen Beifall.
Eine halbe Stunde später – gegen 9.30 Uhr – erhielt die Polizei einen Notruf und eilte mit einem Großaufgebot an das Klinikum im Regensburger Stadtsüden. Mehrere Schüler und Pflegekräfte mussten die Gewalttat mit ansehen. Ein Pfleger verhinderte wohl noch Schlimmeres. Er hielt den bewaffneten Jugendlichen fest und wurde selbst durch Stiche verletzt. Der Siebenjährige, der sich zum Tatzeitpunkt im Bereich der Tagesklinik aufhielt, starb einen Tag später an seinen schweren Verletzungen. Die Lehrkraft konnte die Klinik nach einigen Tagen verlassen.
Kündigte er die Tat an?
Vor der Tat soll Dennis V. gegenüber Mitpatienten und einer Pflegekraft Äußerungen gemacht haben. Sie wurden von diesen nicht als unmittelbare Bedrohungen eingeordnet und deshalb wohl auch nicht weitergemeldet. Demnach soll Dennis V., so wurde es berichtet, gedroht haben, dass er keine Skrupel hätte, sie „abzustechen“. Auf Twitter kursierten zudem kurz nach der Tat Informationen, wonach sich der Tatverdächtige vor dem Amoklauf in einem Seelsorge-Forum mit Mordfantasien gemeldet haben soll. Auch mögliche Mitwisser gerieten ins Visier. Über Ermittlungen gegen diese ist nichts Näheres bekannt.
Bereits als 13-Jähriger soll Dennis V. einen Amoklauf an einer Nordoberpfälzer Schule geplant haben. In seinem Umfeld war Industriesprengstoff sichergestellt worden. Die Pläne flogen auf, weil er sich in Foren über Amoktaten wie an der Columbine High oder Winnenden austauschte und Cyberfahnder die Fährte aufnahmen. Der Teenager wurde daraufhin als hochgefährlich eingestuft. Weil er zu diesem Zeitpunkt nicht strafmündig war, erfolgte die Einweisung in den geschützten Bereich der Klinik – allerdings unter sehr strengen Auflagen. Als einzigem Kind und nun Jugendlichen in Deutschland wurde Dennis V. das Tragen einer elektronischen Fußfessel auferlegt.
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Wenige Wochen vor der Tat soll sich der dann bereits 14-Jährige in der Therapie etwas geöffnet haben, weshalb ihm Freigänge und Besuche in seinem Zuhause im Landkreis Neustadt an der Waldnaab gestattet wurden. Von dort hat er wohl das Tatmesser und ein weiteres mitgebracht und auf das Gelände der Kinder- und Jugendpsychiatrie geschmuggelt. Zu den Details der Anklage will sich die Generalstaatsanwaltschaft – auch mit Blick auf die Opfer – aber nicht äußern. Sie seien Gegenstand einer möglichen Hauptverhandlung, die dann vor dem Landgericht in Weiden unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden würde. Bis dahin gelte die Unschuldsvermutung.
Fokus auf den Gutachtern
Da ein extremistischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden konnte, hatte die Generalstaatsanwaltschaft München das Ermittlungsverfahren bereits einen Tag nach der Tat an sich gezogen. Kommt nach der Anklageerhebung auch die Große Jugendkammer in Weiden zu der Auffassung, dass ein hinreichender Tatverdacht vorliegt, wird die Hauptverhandlung terminiert.
Im Falle einer Verurteilung drohen Dennis V. bis zu 15 Jahre Jugendstrafe wegen Mordes. Einen wichtigen Part zur Urteilsfindung dürften Gutachter beisteuern. Der psychiatrische Sachverständige wird sich mit der Frage befassen müssen, ob dem jungen Mann auch in Zukunft schwerste Straftaten zuzutrauen sind. Derzeit ist Dennis V. in einer Jugendforensik außerhalb der Oberpfalz untergebracht.
Gegen die Instagram-Nutzer, die den „Revenge“-Beitrag von Dennis V. geliked hatten, wurden die Ermittlungen inzwischen eingestellt. Laut Generalstaatsanwaltschaft hätten die Durchsuchungen und Handy-Auswertungen „keinen Kausalzusammenhang“ ergeben. Die Likes seien gedankenlos und ohne Vorsatz erfolgt.