Blauzungenkrankheit: Seuche könnte 800 Tierhalter im Landkreis Neumarkt treffen

Von Katrin Böhm · 6. September 2024 um 11:00

Sie ist ein Horrorszenario für jeden Schäfer, aber auch für andere Landwirte: die Blauzungenkrankheit. Aktuell breitet sich die Infektion vor allem im Westen Deutschlands unter Schafen, Ziegen, aber auch Rindern rasant aus – erste Fälle gibt es auch in Bayern. Das können Tierhalter in Neumarkt tun.

Berichte über die rasche Verbreitung des Virus sind keine guten Nachrichten für den schaf- und rinderreichen Landkreis Neumarkt – immerhin gibt es hier 259 Schafhalter. Damit leben mehr als ein Zehntel der rund 2000 bayerischen Schäfer im Landkreis. Hinzu kommen 513 Rinderhalter.

Einer der Schafhalter ist Johann Georg Gloßner. Auf seinem Altmühltaler Schnuckenhof in Erasbach hält er mehrere hundert Heidschnucken und seltene Schafrassen. „Es ist schlimm“, sagt er. Erst vor wenigen Tagen habe ihn ein Kollege aus Bayreuth darüber informiert, dass 30 seiner 150 Tiere an der Krankheit gestorben seien. Und das zum Teil qualvoll, so Gloßner. Die Tiere könnten nicht mehr fressen, die Zunge schwelle an. „Und keiner möchte tote oder leidende Tiere“, sagt er.

Schon 50000 tote Tiere

Bereits im September 2023 wurde die eigentlich aus dem südlichen Afrika stammende Virus-Krankheit 2023 erstmals bei Schafen in den Niederlanden festgestellt, sagt Sonja Forster, Leiterin des Veterinäramts des Landkreises Neumarkt. Von dort breitete sie sich rasend schnell aus, erreichte Deutschland, bisher starben 50000 Schafe und Ziegen beziehungsweise mussten getötet werden. Bei Rindern, so Forster, verlaufe die Krankheit meistens eher mild, könne sich aber auf die Leistung der Tiere auswirken.

In der aktuellen Risikobewertung stuft das für Tierseuchen zuständige Friedrich-Loeffler-Institut das Risiko der Übertragung bis Oktober als hoch ein. Das bedeutet konkret: Man geht davon aus, dass sich das Virus mit einer Geschwindigkeit von ein bis zwei Kilometern pro Tag noch über weite Teile Deutschlands ausbreiten wird.

Mitte August gab es laut Forster in Aschaffenburg den ersten bekannten Fall der Blauzungenkrankheit bei Schafen in Bayern. Mittlerweile folgten viele weitere Landkreise wie Miltenberg, Würzburg, Bayreuth, Bad Kissingen oder der Main-Spessart-Kreis und Rhön-Grabfeld – hier waren sowohl Schafen und Ziegen als auch Kühe infiziert.

Das Virus wird von Gnitzen übertragen, kleinen Mücken, die sich gerne in der Nähe landwirtschaftlicher Betriebe oder deren Tieren aufhalten.

Schäfer Gloßner hat seine Schafe impfen lassen

Vor allem für die 10000 Mutterschafe und ihren Nachwuchs und die knapp 1000 Ziegen, die im Landkreis Neumarkt gehalten werden, sind die Gnitzen gefährlich. Die Symptome können denen der Maul- und Klauenseuche ähneln, sagt Forster. Meist sterben zwar Schafe und Ziegen daran, doch auch Rinder können vereinzelt verenden.

Die gute Nachricht für Tierhalter: Sie können ihre Tiere durch eine Impfung schützen, sagt Forster – sie empfehle daher Tierhaltern dringend eine Impfung ihrer Tiere, diese sei aber freiwillig. Die Impfung biete aber derzeit „den einzigen effektiven Schutz“ gegen die klinischen Symptome, Tierverluste und auch gegen die Ausbreitung des Virus.

Auch Schäfer Gloßner hat seine Tiere in der vergangenen Woche impfen lassen – er hofft nun, dass seine Tiere die Inkubationszeit noch überstehen und legt die Impfung auch anderen Schäfern ans Herz. „Man muss das ernst nehmen. Wenn man nicht impft, muss man mit 50 Prozent oder noch mehr toten Tieren rechnen.“

Als Impfstoff werden in Deutschland laut Veterinärin Forster ausschließlich inaktivierte Impfstoffe eingesetzt, die bei einem anderen Untertypen der Blauzungenkrankheit (BTV-8) „langandauernden, sehr guten Schutz“ vermittelten. Bisher seien drei Impfstoffe gegen den aktuellen Virus BTV-3 im Rahmen einer bundesweit gültigen Eilverordnung gestattet.

Einen für den aktuellen Virustyp zugelassenen Impfstoff gibt es noch nicht, das Landratsamt habe aber Ende August per Allgemeinverfügung entschieden, dass die noch nicht zugelassenen Impfstoffe verwendet werden dürfen. Erste Berichte aus den Niederlanden bestätigten, dass die Impfstoffe sicher in der Anwendung seien und von den geimpften Tieren gut vertragen würden, so Forster. Es sei dort zwar auch bei geimpften Schafen und Rindern zu Erkrankungen gekommen, insgesamt aber seien die Infektionsverläufe deutlich milder, so Forster.

Menschen müssen sich indes um ihre eigene Gesundheit keine Sorgen machen: Der Erreger sei für den Menschen nicht gefährlich, so Forster. Fleisch und Milchprodukte empfänglicher Tiere könnten ohne Bedenken verzehrt werden.

Die Seuche:

Ursprung: Die Blauzungenkrankheit wurde laut der Neumarkter Veterinäramtsleiterin Sonja Forster Anfang des 20.Jahrhunderts im südlichen Afrika entdeckt und breitete sich in den Folgejahrzehnten über ganz Afrika aus. Mittlerweile tritt die Seuche weltweit auf.

Auftreten: Bedingt durch die Übertragung durch Gnitzen (Mücken) kommt die Seuche vor allem in der warmen Jahreszeit vor, hauptsächlich bei feuchtwarmem Wetter. Es gibt 24 klassische Serotypen des Erregers sowie mindestens acht weitere atypische. Zur Zeit tritt der Typ BTV3 auf.

Johann Georg Gloßner hält mehrere hundert Schafe auf seinem Hof in Erasbach. Foto: Michael Gloßner