Neues Grünpflegekonzept der Stadt Neumarkt: Anwohner klagen über wucherndes Unkraut

Von Petra Schlierf · 5. September 2024 um 11:00

Die Stadt Neumarkt setzt seit einigen Jahren ein neues Grünpflegekonzept, damit wieder mehr Insekten eine Chance haben. Doch das bedeutet auch, dass weniger gemäht wird. Das stört manche Neumarkter. Sie verstehen nicht, warum die Stadt eine Fläche vor ihren Häusern heuer noch nicht gemäht hat – mit einer merkwürdigen Begründung, wie sie finden.

Gestrüpp und Brennnesseln am Leitgraben im Stadtteil Altenhof wuchern inzwischen so hoch, dass Jürgen Appl sein Haus vom Fußweg aus nur noch an der Farbe der Markise erkennt, wenn er sich lang macht. Die Stadt hat die Fläche heuer noch nicht gemäht.

Die Gärten der Anwohner an der Eichendorffstraße wirken ein wenig, als wären sie der Wildnis abgetrotzt: innerhalb des Zauns ordentlich gepflegte Beete, geschnippelte Büsche und kurz gemähter Rasen. Hinter dem Zaun wuchert ihnen das Unkraut entgegen, das im ehemaligen Bett des verrohrten Leitgrabens wächst. Momentan sind es vor allem Brennnesseln, einige mannshoch.

Anwohner beobachten weniger Schmetterlinge

„Wir leben sehr gerne hier und schätzen die Natur“, betont Jürgen Appl. Und auch Nachbarin Erika Schön findet: „Das ist eigentlich eine Idylle, um die uns viele beneiden.“ Doch gerade ist ihnen der grüne Streifen, der sich von der Mussinanstraße bis zur Amberger Straße zieht, ein Dorn im Auge. „Früher ist hier mindestens einmal im Jahr, manchmal auch zwei Mal gemäht worden“, sagt Jürgen Appl. Meistens im Frühsommer sei das gewesen.

Heuer habe die Stadt die Flächen an den Gärten noch gar nicht gepflegt. Die Folge: „Wir kommen gar nicht von außen an unsere Sträucher, weil alles so zugewachsen ist. Außerdem wachsen mir schon die Brennnesseln in den Garten“, sagt seien Frau. Von den Schnecken, die sich im Unkraut tummeln und nachts in die Gärten kriechen, können sie freilich ebenfalls ein Lied singen.

Der Ärger über die bisherige Untätigkeit der Stadt in diesem Jahr schwelt schon länger. Die Appls und ihre Nachbarn waren aber zunächst beruhigt, als ihnen die Stadtgärtnerei Mitte Juli versicherte, die Fläche stehe nächste Woche in ihrem Pflegeplan. Nachdem danach wieder nichts passiert war, wandte sich Jürgen Appl im Namen der Anwohner an die Stadt und fragte nach. Mit der Antwort des Umweltamts ist er aber nicht glücklich. Darin werde unter anderem darauf verwiesen, dass man den Bewuchs stehen lasse, um den Artenreichtum zu fördern und für Insekten eine Lebensgrundlage zu schaffen. Appl glaubt nicht recht, dass das klappt, denn: „In früheren Jahren hatten wir hier zum Beispiel viele Schmetterlinge und sogar Libellen. Heuer sieht man höchstens mal einen einzelnen Zitronenfalter.“ Außerdem betone die Stadt in dem Schreiben die Vorteile von mehr Bewuchs für den Menschen. Zum Beispiel werde dadurch Lärm gedämpft. „Aber bei uns ist es sowieso total ruhig“, meint Appl.

Stadt Neumarkt erklärt: Brennnesseln sind kein Unkraut

Die Stadt Neumarkt findet genau richtig, was auf diesem Grünstreifen mitten im Wohngebiet passiert, weiß aber, dass die Ansichten darüber auseinander gehen können. „Aus gärtnerischer Sicht sind sicherlich in diesen Flächen auch Pflanzen anzutreffen, die oft als Unkraut verkannt werden. Wir bezeichnen diese Bereiche als Hochstauden-Vegetation, die eben kein Unkraut ist, sondern aus wertvollen Pflanzen besteht, die für die Tierwelt einen wichtigen Lebensraum darstellen und gleichzeitig Nahrungsangebote bereithalten“, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt. Dazu gehöre auch die Brennnessel. Die liebe nährstoffreichen Boden, der oft auf Überdüngung angrenzender Gärten und landwirtschaftlicher Nutzflächen zurückzuführen sei.

Seit der schrittweisen Einführung des neuen Pflegekonzepts auf städtischen Grünflächen in den vergangenen Jahren habe sich vor allem eines geändert: Grünflächen, die nicht zwingend als Rasen gepflegt werden müssen – zum Beispiel Sportplätze oder Liegewiesen – werden nur noch einmal im Jahr gemäht.

Gemäht wird planmäßig nur noch einmal im Jahr

„Neu ist auch, dass diese Flächen nicht mehr gemulcht werden und das Mähgut aufgenommen wird“, erklärt die Stadt weiter. Dieses Vorgehen habe die Stadt mit einem Fachmann für Biodiversitätsplanung entwickelt, um die Artenvielfalt im Stadtgebiet wieder zu erhöhen und dem stattfindenden Artensterben entgegenzuwirken. Die Wirkung dieser Vorgehensweise sei aus zahlreichen Untersuchungen erwiesen und stelle ein strukturiertes und professionelles Vorgehen dar.

Die Mahd erfolge ab dem Sommer einmal im Jahr, wobei die Flächen nur nach und nach bearbeitet werden können. Ein Streifen entlang der Wege werde nach Bedarf auch mehrmals im Jahr gemäht, erklärt die Stadt.

Tipps für einen insektenfreundlichen Garten

Wer seinen Garten oder Balkon – mag er auch noch so klein sein – zum Buffet für Insekten machen will, kann einige Tipps des WWF befolgen:

Frühblüher und Herbstpflanzen: Damit Insekten möglichst immer Futter finden, sollte immer etwas blühen. Dank Schneeglöckchen, Krokussen und Narzissen kann die Saison schon im Februar starten, mit Astern, ungefüllte Dahlien, Herbst-Anemonen, Sonnenblumen oder der winterharten, mehrjährigen Fetthenne finden gerade Bienen noch bis in den Herbst Futter.

Bienenweiden statt Pflanzen ohne Nährwert: Einige beliebte Gartenpflanzen sind für Insekten wertlos, weil sie weder Pollen noch Nektar produzieren, zum Beispiel Gartentulpen, Forsythien, Garten-Stiefmütterchen und viele Zierpflanzen mit gefüllten Blüten wie Chrysanthemen, Ranunkeln oder Geranien. Ergänzend oder stattdessen rät der WWF zu bienenfreundlichen Arten wie Lavendel, Glockenblume, Schafgarbe, Löwenmäulchen, Kapuzinerkresse, Kornblume oder Wilde Malve. Für den Balkon eignen sich blühende Kräuter wie Salbei, Thymian, Rosmarin, Oregano oder Majoran.

Schmetterlinge anlocken: Bienen und Schmetterlinge haben nicht die selben Favoriten. Wer die Falter anlocken will, kann es mit Bartblumen, Blaukissen, Fetthenne, Lavendel, Flammenblumen, Prachtscharte und Steinkraut probieren.

Heimisches statt Exoten: Exotische Gehölze wie Thuje oder Kirschlorbeer sind beliebt, bieten Insekten und Vögeln aber kaum Nahrung. Besser sind laut WWF Holunder, Weißdorn Felsenbirne, Wacholder, Wildrosen, Heckenkirsche und die früh blühende Haselnuss. Zugleich seien heimische Gewächse oft robuster und meist winterhart.

Baumschnitt nicht entsorgen: Statt Schnittgut von Obstbäumen zur Deponie zu bringen, kann man daraus eine Hecke aus toten Hölzern anlegen, indem man sie einfach in die Erde steckt. Sie wird im Winter zum Unterschlupf und Lebensraum für Insekten, Vögel, Insekten, Igel und Eidechsen. Auch Steinhaufen bieten Unterschlupf für viele Tiere.

Mut zu etwas Wildwuchs: Ein Garten macht genug Arbeit. Wer einen Teil des Gartens nicht oder später als den Rest mäht, lässt Insekten zusätzlichen Lebensraum.

Weniger Licht: Nachtaktive Insekten scheuen das Licht. Beleuchtung im Garten ist trotzdem möglich, sollte aber auf das nötige Maß reduziert sein. Man sollte Leuchten nutzen, die nach unten gerichtet sind, statt solche, die nach oben strahlen, und Blautöne vermeiden.